China Market InsiderAutonomes Fahren: Zwang zum Technologie-Transfer
Von
Henrik Bork
Die Zeiten zwanghafter Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen schien auf dem Papier vorbei. Doch beim Thema autonomes Fahren bleiben den deutschen OEMs nur Bündnisse mit Tech-Riesen wie Tencent, Alibaba und Co. Unter anderem machen sie rechtliche Hürden zu Junior-Partnern.
Beim autonomen Fahren ist Mercedes-Benz schon sehr weit. Trotzdem geht es am chinesischen Markt nicht ohne einen heimischen Partner.
(Bild: Mercedes-Benz AG)
Deutsche Autokonzerne müssen mit Chinas Tech-Konzernen kooperieren, um beim Autonomen Fahren mithalten zu können. Daimler hat dies erkannt und gerade eine strategische Kooperation mit Tencent angekündigt, dem chinesischen Internet-Riesen und Anbieter von Cloud-Dienstleistungen.
Gemeinsam wollen beide Firmen die Cloud, Big Data und Künstliche Intelligenz von Tencent nutzen, um das autonome Fahren von Mercedes-Benz in China zu entwickeln, heißt es in der Absichtserklärung. Unterschrieben wurde sie am 11. Juli von der „Daimler Greater China Ltd.“ (DGRC) und der „Tencent Cloud Computing (Beijing) Co., Ltd.“. Ein gemeinsames Testlabor soll eingerichtet und Ressourcen im Bereich Forschung & Entwicklung sollen gemeinsam genutzt werden.
Deutsche Hersteller haben schon einige Kooperationen zum autonomen Fahren in China.
(Bild: Henrik Bork)
Es geht dabei unter anderem um Simulationen für das fortgeschrittene fahrerlose Fahren, für das die Deutschen dann auf die riesigen Datenmassen der Chinese zugreifen können, die in diesem Feld momentan viel schneller voran preschen.
„In der Ära der Elektroautos hat die Technologie des Autonomen Fahrens den Status der Kronjuwelen. In China, wo es komplexe Verkehrsbedingungen gibt, werden ausländische Unternehmen in diesem Bereich allgemein als rückständig gegenüber heimischen Unternehmen wahrgenommen,“ schreibt das Fachportal CNEVPOST in seinem Bericht über die neue Kooperation zwischen Daimler und Tencent.
Man sei „excited”, mit einem lokalen Partner wie Tencent zusammen zu arbeiten, um die Entwicklung von Technologien für das autonome Fahren in China beschleunigen zu können, sagte Georg Engel, der Vize-Chef von Daimler Greater China den chinesischen Journalisten.
Der eine Grund ist die schon erwähnte Experimentierfreudigkeit der Chinesen. Die Verbraucher sind Neuerungen in der Autoindustrie gegenüber sehr aufgeschlossen. So verkauft sich beispielsweise ein SUV wie der AION LX PLUS von GAC „mit 35 Sensoren, sechs Millimeterwellenradaren, zwölf Ultraschallradaren und acht hoch auflösenden Kameras“ sehr gut, wie das Handelsblatt kürzlich berichtete.
Auch der Gesetzgeber ist in China auf Zack: Ausgerechnet in Shenzhen, wo das Hauptquartier von Tencent steht, ist am 5. Juli die erste lokale Gesetzgebung für das autonome Fahren in Kraft getreten. Die Pekinger Zentralregierung und ihre lokalen Ableger sehen im Autonomen Fahren eine gewaltige Chance für ihre heimische Autoindustrie und unterstützen sie zügig und kräftig. Die Bedenkenträger, die in anderen Ländern oft mit endlosen Diskussionen über mögliche Unfälle die Debatte bestimmen, liefern in der Volksrepublik höchstens eine leise Begleitmusik.
Nirgendwo entwickelt sich der Markt für autonome Fahrfunktionen daher momentan so schnell wie in China. In zahlreichen Pilotprojekten in vielen chinesischen Millionenstädten dürfen Startups, Tech-Konzerne und Autobauer viele Millionen von Testkilometern sammeln, deren Datenströme im Giga-Bereich bei der ständigen Verbesserung der Algorithmen für das autonome Fahren helfen.
Kurz gesagt: China ist dabei, den Rest der Welt mit seiner Kombination aus Entschlossenheit und Marktgröße beim Autonomen Fahren am Wegesrand zurückzulassen. Nationale Besonderheiten im Straßenverkehr, etwa besondere Verkehrsregeln, kommen erschwerend hinzu. Insgesamt ergibt sich daraus die Erkenntnis, dass auf dem größten Automarkt der Erde nur noch mithalten kann, wer mit den größten Datensammlern wie Tencent kooperiert.
Verschärfte Datenschutzgesetze
Der zweite wichtige Grund ist, dass Chinas Regierung über eine Verschärfung ihrer Datenschutzgesetze solche Kooperationen wie die zwischen Daimler und Tencent de facto erzwingt.
Über ein neu geschaffenes Trio von Gesetzen im Bereich Cybersecurity und Datenschutz (DSL, PIPL und CSL) wird für Ausländer der legale Umgang mit Daten in China stark erschwert. Nur wer mit chinesischen Konzernen kooperiert - und dabei auch eigene Hochtechnologie mit an den Tisch bringt - kommt noch an diesen wichtigen Honigtopf für die Zukunft der Mobilität. Und vor allem: Wer nicht mitspielt, könnte künftig aus dem chinesischen Markt verdrängt werden, was dann für die Wachstums-Story von börsennotierten Autokonzernen alles andere aus gut aussähe.
Stand: 08.12.2025
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Schon seit 2015 arbeitet Mercedes-Benz aus all diesen Gründen mit Tencent an gemeinsamen Projekten wie dem „MyCar”-Infotainment-System. Und alle andere deutschen Luxusmarken tun das auch.
BMW hat im Juli 2019 mit Tencent den Bau eines gemeinsamen Computer-Zentrums für die Entwicklung des autonomen Fahrens beschlossen. Im Mai 2018 wurde BMW auch die erste internationale Luxusmarke, die in China öffentliche Tests mit autonomen Fahrfunktionen ausführen durfte.
Audi arbeitet seit 2006 für seine Navigations-Systeme in China mit dem Internet-Riesen Alibaba und dessen „AutoNavi”. Diese strategische Kooperation ist im November 2020 noch einmal ausgeweitet worden. Über Volkswagen gibt es immer wieder chinesische Medienberichte über eine mögliche Investition in oder eine Übernahme von einer Geschäftssparte für das autonome Fahren von Huawei, die aber bislang nicht offiziell bestätigt worden sind.
Technologie-Transfer wird erneut erzwungen
Die Sorgen über eine zu große „Abhängigkeit“ der deutschen Industrie von China wächst. Gleichzeitig forciert Chinas kommunistische Führung kräftig die Autarkie insbesondere bei Zukunftstechnologien wie der Elektromobilität und dem autonomen und vernetzten Fahren.
An der traditionellen deutschen Autotechnik aus den Hochzeiten des Verbrennungsmotors sind die chinesischen Zentralplaner immer weniger interessiert. Der früher bestehende Zwang, in China Joint-Venture-Firmen zu gründen, ist daher aufgehoben worden. BMW war der erste ausländische Autokonzern, der eine Mehrheit der Unternehmensanteile an seinem bisherigen Partner in China übernommen hat.
Doch bei den „Smart Cars“ im Zeitalter der Elektromobilität und insbesondere bei den Themen autonomes und vernetztes Fahren erzwingt China mit einer Mischung aus rigoroser staatlicher Förderung, die den Markt explodieren lässt und gezielter Gesetzgebung, die beim Hantieren mit Daten legale Hürden aufbaut, erneut den Technologie-Transfer aus Deutschland.
Daimler, BMW, VW - alle dürfen nur dann beim Autonomen Fahren in China mitspielen, wenn sie eng mit chinesischen Tech-Konzernen oder Startups kooperieren, die häufig von Familienmitgliedern und engen Vertrauten der „roten Barone” in der kommunistischen Partei kontrolliert werden.
Zugegebenermaßen wird jetzt niemand mehr gezwungen. China ist heute in einer viel besseren Position als vor einigen Jahrzehnten, wo es mit Hilfe der Deutschen und anderer Ausländer begann, seine Autoindustrie aus dem Nichts aufzubauen. Viele der „Kronjuwelen” gehören heute eher den Chinesen, etwa die prall gefüllten Daten-Server.
Das Ergebnis der Markt- und Gesetzes-Zwänge beim Autonomen Fahren in China aber ist dasselbe: Die Deutschen stehen brav Schlange, um nach den Regeln der Chinesen zu spielen, um sich für eine bestimmte Zeit ein Stück ihres Marktes zu sichern.
Über den Autor
Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.