Branchenblick: Fahrradindustrie Zweirad-Industrie-Verband sieht Fahrradvertrieb im Autohaus kritisch

Von Katrin Drogatz-Krämer 6 min Lesedauer

Der Run auf E-Bikes hat in der Fahrradindustrie zuletzt für herausragende Zahlen gesorgt. Der Branchenverband ZIV versteht deshalb auch das gesteigerte Engagement der Autoindustrie und des Autohandels in diesem Feld – nicht ohne jedoch vor Fehlentwicklungen zu warnen.

Fahrräder und vor allem E-Bikes bringen Marge. Daran will neben der Fahrrad- nun auch die Autoindustrie partizipieren. (Bild:  Kuhn + Witte)
Fahrräder und vor allem E-Bikes bringen Marge. Daran will neben der Fahrrad- nun auch die Autoindustrie partizipieren.
(Bild: Kuhn + Witte)

Was macht eigentlich ein Autohändler in Zukunft, wenn sich die Mobilitätswende nicht allein durch das Auto beantworten lässt? „Sinnvoll wäre für ihn, ein umfassendes Mobilitätsportfolio vorzuhalten“, antwortet Reiner Kolberg, Leiter der Branchenkommunikation und Pressearbeit des ZIV Zweirad-Industrie-Verband e.V. Der ZIV fungiert als Interessenvertretung der deutschen Fahrradindustrie, also der Hersteller und Importeure von Fahrrädern, E-Bikes, Fahrradkomponenten und Zubehör. Er beobachtet, dass sich bereits einige Autohäuser zu Mobilitätsanbietern entwickeln und beispielsweise E-Bikes und Lastenräder im Angebot haben. Zudem bieten sie hierfür Abo- und Leasing-Modelle – so, wie eben im Autohandel üblich.

Aktuell gibt es insgesamt knapp 83 Millionen Fahrräder in Deutschland und hiervon sind fast 10 Millionen E-Bikes. Produktion, Importe und Exporte von Zweiradteilen sind in den letzten Jahren stark gestiegen und über 90 Prozent der deutschen Unternehmen produzieren ihre E-Bikes in der EU. „Das Verhältnis zwischen normalen Mountainbikes und E- Mountainbikes hat sich in den letzten Jahren komplett gedreht. Früher war der Anteil der Räder mit Motorunterstützung in diesem Bereich eher klein, heute liegt er bei rund 80 Prozent“, unterstreicht Kolberg die Erfolgsgeschichte des E-Bikes, das vor 10 Jahren noch ein Nischenprodukt war.

Aktuelle Zahlen

Die hohe Nachfrage nach Fahrrädern verdeutlichen die Zahlen aus der Fahrradbranche, die trotz multipler Krisen ihr Rekordniveau halten konnte. Aktuelle Zahlen des ZIV belegen die Produktion von 1,7 Millionen E-Bikes im Jahr 2022, was einem Plus von 20 Prozent entspricht. Im Jahr 2022 ließ sich zudem mit einem Plus von 12 Prozent ein neuer Umsatzrekord von 7,36 Milliarden Euro verzeichnen. Dieser Handelsumsatz mit Kundenfahrzeugen ist insbesondere auf die Absatzfinanzierung von E-Bikes in Form von Leasingverträgen zurückzuführen.

Mit steigender Inflation und Sorgen um die Zukunft war im zweiten Halbjahr 2022 eine deutliche Kaufzurückhaltung, insbesondere in den günstigeren Preisklassen und im Aftermarket-Bereich zu beobachten. Gleichzeitig kam es im Herbst – mit Beginn der Nachsaison - schlagartig zu großen Auslieferungsmengen seitens der Hersteller und Lieferanten. Der Fahrradhandel hatte hierdurch mit Lagerplatz- und Liquiditätsproblemen zu kämpfen.

Verkauft wurden im letzten Jahr insgesamt 2,2 Millionen E-Bikes. Es zeichnet sich ein Marktwachstum ab, das über dem Niveau vor der Pandemie liegt. Für das erste Quartal 2023 stellt der ZIV eine Normalisierung des Marktes fest. Die Lieferkettenprobleme sind vorbei und bei elektronischen Komponenten, wie Akkus, Displays und Chips gibt es nach Angaben der Fahrradindustrie derzeit keine Lieferschwierigkeiten. Die Lager der Hersteller und Händler sind voll und meist sind Fahrräder und E-Bikes wieder in Wunschausstattung verfügbar. Die Normalität, wie sie vor der Krise herrschte, scheint zurückzukehren und die Preisvorteile werden an die Verbraucher weitergegeben. Der ZIV sagt für 2023 ein noch etwas unruhiges Jahr voraus, prognostiziert aber ein mittel- und langfristiges stabiles Wachstum.

E-Bikes von Autoherstellern

Im Vertrieb von E-Bikes mischt mittlerweile der Autohandel mit, wie Kolberg beobachtet. Er sagt: „Mancher Autohändler hat passend zu den Automarken, die er anbietet, schon länger entsprechende E-Bikes im Geschäft, wie beispielsweise BMW und Mercedes. Diese Marken sind in der Regel an Unternehmen aus der Fahrradindustrie herangetreten, um unter ihrem Markennamen E-Bikes produzieren zu lassen.“ Hierbei besteht jedoch die Gefahr, dass gelabelte Bikes mit gleichem Markennamen, diesen durch suboptimale Qualität beschädigen.

„Im Prinzip handelte es sich nicht um Eigenentwicklungen. Einen ganz anderen Weg geht aktuell Porsche“, erklärt er. Der Sportwagenbauer hat jüngst den E-Bike-Antriebssystemhersteller Fazua übernommen und ist selbst in die Antriebstechnologie eingestiegen. Zudem hat er die Mehrheit an der kroatischen E-Bike-Marke Greyp mit ihren Software- und Konnektivitätslösungen erworben. Gemeinsam mit dem fahrraderfahrenen Investor Ponooc aus den Niederlanden, der sich auf nachhaltige Energie- und Mobilitätslösungen konzentriert, gründete Porsche zwei Joint-Venture Unternehmen. Ponooc gehört dem Mobilitäts-Riesen Pon Holdings B.V. aus den Niederlanden an. Pon Holdings entstammt ursprünglich dem Autobereich und produziert E-Bike-Marken wie beispielsweise Gazelle, Kalkhoff, Focus und Urban Arrow, führt Kolberg aus.

Mit der neugegründeten Porsche eBike Performance GmbH aus Ottobrunn steigt das Unternehmen ebenso selbstbewusst wie ambitioniert in das Geschäft mit hochpreisigen E-Mountainbikes ein, erklärt er und sagt: „Die Marktchancen dafür sind bestens.“

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Vertriebskanal Autohaus

Der stationäre sowie der Online-Fahrradfachhandel besitzen in Deutschland seit Jahren einen Marktanteil von rund 76 Prozent. Kolberg sagt: „Das ist extrem hoch und zeigt, dass Verbraucher großen Wert auf Qualität, Beratung und Service legen.“ Reine Internetversender bestreiten 21 Prozent des Vertriebs und auf SB-Warenhäuser, Baumärkte und Discounter entfällt ein kleiner Rest.

Der Fahrradfachhandel sieht keine Gefahr darin, dass der Autohandel in den Markt drängt, so Kolberg. Er sagt: „Industrie und Handel arbeiten hier schon lange Hand in Hand.“ Kolberg vermutet, dass sich etablierte Fahrradhersteller gegenüber dem Autohandel eher skeptisch verhalten werden, da es im Autohandel vordergründig um das Verkaufen geht und der wirkliche Bedarf des Fahrradkunden eher zweitrangig erscheint. „Die Ergonomie ist wichtig und das Rad muss individuell an seinen Besitzer angepasst werden. Das kann ein erfahrener Fahrradhändler einfach am besten. Wenn ein Kunde im Autohandel ein hochwertiges Fahrrad ohne zusätzliche Beratung gekauft hat und ihm kein sinnvolles Zubehör angeboten wurde, kann er sein Fahrrad nicht zu einem wirklich guten Produkt machen“, gibt Kolberg zu bedenken und sagt: „Wenn ein Autohändler weder gut berät noch ausreichenden Service bietet, erkennen die Kunden keinen Vorteil gegenüber dem günstigeren Onlinehandel. Und wenn der Kunde nicht zufrieden ist, schlägt dies nicht nur auf den Autohändler, sondern auch auf den Hersteller zurück.“

Franchise-Konzept für den Fahrradhandel

Über eine Zunahme von Franchise-Systemen im Fahrradhandel berichtet der Verband des deutschen Zweiradhandels e.V. (VDZ). Kai Nüchter, Geschäftsführer des Mega-Bikestores VeloCulTour GmbH, sagt: „Die meisten Autohäuser gehen beim Fahrradhandel ohne Konzept vor und stellen sich einfach Fahrräder hin, was mich, als Kunden, wenig ansprechen würde. Die Prozesse des Autohauses können nicht einfach auf den Fahrradhandel übertragen werden und es muss komplett umgedacht werden.“ Seiner Meinung nach bringen Autohändler wenig Marktverständnis mit, weil im Autobereich der Service den höchsten Umsatz einspielt. Der Fahrradhandel verdient dagegen sein Geld am Fahrradverkauf mit deutlich höheren Margen als der Autohandel, wie er hervorhebt.

Eine der Hauptaufgaben des Fahrradhandels sieht er in der Optimierung des Services. Er erklärt, dass es durch das Saisongeschäft zu hohen Schwankungen bei den Personalkosten kommt, die sich nur schwer kompensieren lassen. Nüchters Kern-Team besteht aus 28 Mitarbeitern, die in der Saison temporär aus fast 40 Köpfen besteht. Mit Hilfe einer Mix-Kalkulation kann er das Nachsaisongeschäft überbrücken und erklärt: „Das Geld muss in den acht bis zehn Monaten der Saison verdient werden. Wir können uns daher keine großzügigen Nachlässe erlauben.“ Autohändler müssen diesen Umstand bedenken, um langfristig erfolgreich sein zu können, wie er betont. Auch temporäre Überbestände dürfen, wie der VDZ ausdrücklich betont, im Fahrradhandel nicht zu Rabattschlachten führen. Dieser rät, den Servicegedanken als probates Mittel dagegen einzusetzen.

Das von Nüchter entwickelte Franchise-Konzept unterstützt nicht nur Fahrradhändler, sondern auch Auto- oder Motorradhändler, die in den Fahrradhandel einsteigen möchten. „Im Moment beobachten wir viele Unternehmensübergaben und Schließungen, beispielsweise aus Altersgründen. Dies schafft Raum und Platz für etwas Neues“, erklärt Nüchter. Hier könnte sich eine Chance für den Autohandel ergeben, denn Fakt ist, dass die neue Mobilität Fragen aufwirft, die nicht mehr zuerst mit der Autonutzung beantwortet werden können. Der Siegeszug des E-Bikes wird sich fortsetzen und hierauf ausgerichtete Leasingmodelle und Serviceangebote werden Konjunktur haben. Dies werden Autohändler mit marktkonformem Verhalten, die besonderes Augenmerk auf Beratung, Service, Zubehör und Wartung legen, langfristig gewinnbringend nutzen können.

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