Automatisiertes Fahren, SDV, KI und Elektromobilität VDA Technischer Kongress: Stottert der deutsche Innovationsmotor?

Von Stefanie Eckardt 9 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Jubiläum beim Verband der Automobilindustrie. Zum 25. Mal fand am 20. und 21. Februar 2024 der Technische Kongress statt und der hielt nicht nur technische Informationen in puncto automatisiertes Fahren, Halbleiter, künstliche Intelligenz, Batterie, Wasserstoff und Ladeinfrastruktur bereit. Er drehte sich vor allem auch um die wirtschaftliche und politische Zukunft der Mobilität und des Industriestandorts Deutschland.

Jubiläum: In Berlin fand am 20. und 21. Februar 2024 zum 25. Mal der VDA Technische Kongress statt.(Bild:  Stefanie Eckardt)
Jubiläum: In Berlin fand am 20. und 21. Februar 2024 zum 25. Mal der VDA Technische Kongress statt.
(Bild: Stefanie Eckardt)

„Die deutsche Automobilindustrie ist der Innovationsmotor des Landes. Die Automobilindustrie geht den Weg in die klimaneutrale Mobilität mit Hochdruck an“, erklärte VDA-Präsidentin Hildegard Müller in ihrer Eröffnungsrede zum Technischen Kongress und unterstrich: „Unsere Unternehmen gehen voran bei der Elektromobilität und auch beim autonomen Fahren. Sie gehen voran bei der Umstellung auf eine klimaneutrale Produktion. Dazu mobilisiert unsere Industrie enorme Summen – bis 2028 sind es rund 280 Milliarden Euro, die in Forschung und Entwicklung investiert werden.“ Doch der Innovationsmotor fängt das Stottern an – auch Deutschlands erfolgsverwöhnte Vorzeigebranche hat mit den Auswirkungen diverser Krisen zu kämpfen. Der Kongress bot 450 Teilnehmer, Referenten und Aussteller aus Industrie und Politik in 50 Präsentationen Informationen und Diskussionspotenzial, um die aktuellen Herausforderungen anzugehen.

Wie wettbewerbsfähig ist der Standort Deutschland?

„Die Standortbedingungen müssen stimmen und hier liegt das Problem“ zeigte sich Hildegard Müller und erläuterte: „Die internationale Zusammenarbeit mit anderen Regionen dieser Welt funktioniert nicht mehr reibungslos. Ich bin sehr zuversichtlich in puncto deutsche Automobilindustrie, aber ob die Wertschöpfung auch immer hier entsteht – da habe ich Sorge. Müller zeigte sich am Ende ihrer Begrüßung optimistisch: „Wir wollen auch hier auf dem Kongress Wege aufzeigen, wie der Standort wieder konkurrenzfähig sein kann.“

VDA Technischer Kongress
Bildergalerie mit 16 Bildern

Erste Rednerin nach der VDA-Präsidentin war die Bundesministerin für Bildung und Forschung Bettina Stark-Watzinger: „Sie sind die wichtigste Branche in Deutschland“, begrüßte sie die Teilnehmer des Kongresses und betonte: „Technologische Souveränität ist wichtiger denn je.“ Hierfür will sie auch politische Hilfe mobilisieren: „Wer hier in Deutschland das Flatterband einer Fabrik durchschneiden möchte, der muss in die Forschung investieren.“ Grundsätzlich forderte sie weniger Scheu vor Fehlern und mehr Mut zum Risiko.

Auf dem Weg zu einer erfolgreichen Transformation hin zum elektrischen, automatisierten und vernetzten Fahren müssen die Grundlagen des Forschungs- und Innovationsstandorts Deutschland gesichert und ausgebaut werden. Denn die rasche Umsetzung von Ideen in Produkte, die in konkrete Applikationen zum Einsatz kommen, garantieren wirtschaftlichen Erfolg und sichern damit Arbeitsplätze. Was dazu notwendig ist, fasst Holger Klein, Vorstandsvorsitzender der ZF Group Ressorts Vertrieb, Forschung und Entwicklung kurz zusammen: „Technologieoffenheit treibt Innovationen. Regulierungen, die das ganze beschränken, sind kontraproduktiv. Und wir benötigen stabile Rahmenbedingungen.“ Arnd Franz, Vorsitzender der Mahle Konzern-Geschäftsführung ergänzte: „Wir benötigen zudem eine gute Infrastruktur – egal, ob für batterieelektrische Fahrzeuge oder für solche, die mit Wasserstoff betrieben werden. Darüber hinaus spielt auch die digitale Infrastruktur eine essenzielle Rolle.“

Elektromobilität

Um die Elektromobilität in Deutschland voranzutreiben, ist der Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge eine der wichtigsten Aufgaben für Deutschland. Ziel muss es sein, unkompliziertes Laden zu jeder Zeit und an jedem Ort zu ermöglichen und somit das Vertrauen der Verbraucher in die Ladeinfrastruktur zu stärken. Davon ist Deutschland weit entfernt: In etwa der Hälfte aller deutschen Gemeinden gibt es noch immer keine öffentlichen Ladepunkte. Noch alarmierender ist, dass in acht von zehn Städten nicht einmal ein einziger Schnellladepunkt vorhanden ist. Auch der Technische Kongress zeigte: Der Weg ist noch steinig.

Neben der Ladeinfrastruktur ist die Batterietechnik in Deutschland das zweite Sorgenkind, insbesondere in Hinblick auf die Kürzungen im Forschungsbereich. Batterien spielen in der Transformation und bei der Zukunft der Mobilität eine entscheidende Rolle. Der internationale Wettbewerb um die leistungsfähigsten Batterien läuft und ob Deutschland hier mithalten kann, wird die Zukunft zeigen.

Wasserstoff im Nutzfahrzeugbereich

30 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen im Straßenverkehr stammen von schweren Nutzfahrzeugen. Hier muss einiges passieren und Wasserstoff kann dazu beitragen, den CO2-Ausstoss zu reduzieren. Aber. Bevor Wasserstofffahrzeuge auf den Straßen rollen können, bedarf es nicht nur einer entsprechenden Infrastruktur, sondern muss der Wasserstoff auch klimafreundlich produziert werden. Wird Wasserstoff also ein zentrales Element auf dem Weg hin zur klimaneutralen Zukunft? Ja, meinen Bosch, Daimler Truck, Arthur Bus und Keyou. Aber: Auch im Bereich Wasserstoff gilt es, mehr Geschwindigkeit aufzunehmen. „Vielleicht sind wir hier in Deutschland gründlich – aber schnell sind wir hierzulande sicherlich nicht. Beeindruckend was wir in China erreicht haben“, erklärte zum Beispiel Dr. Michael Krüger, Senior Vice President Engineering, Propulsion & Environment bei Bosch. Was ist aus seiner Sicht notwendig? Die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff, der Auf- und Ausbau einer Wasserstoffinfrastruktur, Regularien und Europas Bereitschaft zu einer führenden H2-Kraft zu werden.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Dabei sollte auch eines nicht aus den Augen verloren werden: das Thema Total Cost of Ownership, wie Dr. Rainer Müller-Finkeldei, Senior Vice President Engineering Mercedes Benz Trucks, Daimler Truck betonte: „Unsere Kunden müssen die Fahrzeuge wirtschaftlich betreiben können. Keiner kann es sich leisten, Fahrzeuge einzusetzen, die teurer sind als ihr Pendant mit Dieslmotor. Wasserstoff-Nutzfahrzeuge werden ohne Zweifel vom Anschaffungspreis teurer sein. Aber es gibt Faktoren, die die Politik beeinflussen kann, damit unsere Kunden auch einen Anreiz haben umzustellen, wie Energiekosten oder Maut.“

Automatisiertes und autonomes Fahren

Automatisiertes und autonomes Fahren hat das Potenzial, den Verkehr sicherer zu machen, den Verkehrsfluss zu verbessern, den Komfort zu erhöhen und Mobilität grundsätzlich für mehr Menschen verfügbar zu machen, die nicht in der Lage sind selbst zu fahren oder den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Und: „Autonome Fahrzeuge haben einen erheblichen Hebel auf den Klimaschutz“, betonte Hildegard Müller. Doch die entscheidende Frage: Wann wird aus der Vision des autonomen Fahrens Realität? BMW, Halbleiterhersteller Qualcomm, das Kraftfahrt-Bundesamt, die Autobahn GmbH des Bundes und die BVG zeigten, wo sich das jeweilige Unternehmen befindet, welche Herausforderungen es noch gibt und welche Rolle die politischen Rahmenbedingen spielen.

Perspektiven für den Standort Deutschland

Tag 2 des Kongresses startete politisch und explosiv. Die Politik in Brüssel und Berlin muss Rahmenbedingungen schaffen, damit der Wandel in der Automobilindustrie zum elektrisch angetriebenen, automatisierten, vernetzten und Software-definierten Fahrzeug gelingt. Konzepte und langfristige Strategien sind notwendig, um im internationalen Standortwettbewerb zu bestehen. Eine strategische marktorientierte Wirtschaftspolitik, die den Standort Deutschland wieder zum attraktiven Produktions- und Innovationsstandort macht, ist jetzt zwingend notwendig. So weit so schön, doch wie soll diese aussehen? Denn Probleme gibt es genug. Anke Rehlinger, Ministerpräsidentin des Saarlandes, prognostizierte: „Man muss den Wandel, der ansteht, anpacken! Aber das wird nicht leicht.“ Sie betonte: „Wir wollen nicht die Produkte, die wir heute noch in Deutschland fertigen, zukünftig in einem anderen europäischen oder außereuropäischen Raum kaufen.“ Rehlinger benannte sehr deutlich das Problem: „Es geht heutzutage nicht mehr um die Lohn-, sondern um die Stromfrage. Unternehmen wollen wissen: Gibt es Strom, kommt er aus erneuerbaren Energiequellen und was kostet er?“ Konkrete Vorschläge konnte sie ad-hoc nicht benennen, ist sich aber über die Folge des politischen Nichthandelns im Klaren: „Wenn die Negativentwicklung so weitergeht, wird niemand auf der Welt auf Deutschland warten.“ Ein konkretes Beispiel dafür, mit welchen Herausforderungen sich Unternehmen hier konfrontiert sehen, brachte Maria Röttger, CEO Michelin Europe North mit. In Mehr als 800 Jobs sollen beim Reifenhersteller in Homburg perspektivisch wegfallen. Grund: Veränderte Marktbedingungen durch den vermehrten Import von Billigreifen, die hohe Inflation und die steigenden Produktionskosten in Deutschland – vor allem bei Strom und Gas, die bei der Reifenproduktion keine kleine Rolle spielen. Röttger brachte eine Folie mit, die zeigte, in welchem Maß Europa im Vergleich zu den USA und insbesondere Asien mit dem Anstieg von Energie- und Lohnkosten zu kämpfen hat.

China – oder das große Fragezeichen

„Shall I stay or shall I go?“ The-Clash-Fans ist diese Frage sicherlich nicht unbekannt, aber sie verdeutlicht auch sehr gut die Zerrissenheit, mit der man von deutscher Seite das Reich der Mitte betrachtet. Daher wählte Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der EU-Handelskammer in China diese Frage als Titel seiner Präsentation und zeigt zunächst einmal auf: Chinas Wirtschaft hat die Größe eines ganzen Kontinents. Die 100 chinesischen Automobilhersteller haben zuletzt 50 Millionen Fahrzeuge produziert, mehr als das Doppelte was in China tatsächlich verkauft wird. „China könnte mit Fahrzeugen den Rest der Welt bedienen“, so Wuttke Einer der Gründe, warum China mit Macht in die ausländischen Märkte drängt.

Darüber hinaus sollte man einen Punkt nicht außer Acht lassen – China hat keinen Mangel an qualifizierten Fachkräften. „China ist zwar sehr schwach in der Forschung, aber äußerst stark in der Entwicklung. Das Land hat unglaublich gute Ingenieure“, betonte Wuttke und wies zudem auf einen weiteren wichtigen Faktor hin: „Wir können auch von China in puncto Geschwindigkeit, Entwicklungen vom Labor auf den Markt zu bringen, lernen. Kein anderes Land verdeutlicht so gut: Der Kunde wartet nicht.“ Und der Kunde nutzt in China das Fahrzeug beispielsweise nicht nur zum Fahren. Er verbringt im ruhenden Fahrzeug durchschnittlich ca. 1,5 Stunden. So muss man sich nicht wundern, dass die Fahrzeuge von BYD, Nio, MG, Geely, Great Wall, Xpeng und Co. im digitalen Bereich inzwischen mehr zu bieten als ausländischen Wettbewerber: Sprachsteuerung, eine umfassende Smartphone-Integration und Social-Media-Vernetzungen gehören oft schon zur Serienausstattung. Um das zu realisieren, bevorzugen die chinesischen Hersteller in der Regel den Tesla-Ansatz und entwickeln das Auto von der Software aus denken und entwickeln.

Zum Schluss seiner Präsentation kam Wuttke auf die Eingangsfrage zurück: Bleiben oder Gehen. Selbst wenn man sich für das Gehen entscheiden würde – ist die alles entscheidende Frage: Wohin? Denn was ist die Alternative? Indien? Trotz einheimischer Konkurrenz: Ewa 30 bis 50 Prozent der weltweiten Verkäufe deutscher Autobauer entfallen auf China. So schnell wird man also dem Reich der Mitte nicht den Rücken kehren (können).

Chipkrise und ihr Lerneffekt

Wie wichtig Bauelemente und Materialien sein können, merkt man leider immer erst, wenn sich Ressourcen verknappen – also zu spät. Halbleiter sind essenziell für die Automobilindustrie: Pro Auto werden knapp 1.000 Halbleiter durchschnittlich genutzt. So werden etwa Halbleiter für die Leistungselektronik des Antriebsstrangs benötigt oder Halbleiter für Fahrerassistenzsysteme. Um eine erneute Krise zu vermeiden und eine stabilen Chip-Versorgung zu gewährleisten, trat am 21. September 2023 der European Chips Act in Kraft. 43 Milliarden Euro sollen in diesem Rahmen fließen, um ein Halbleiter-Ökosystem von der Forschung bis zur Produktion und eine resiliente Lieferkette schaffen. Reicht das, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein? Und wichtiger noch: Was wurde aus der Krise gelernt? Nein, ist sich Sven-Uwe Erber Leiter Einkauf bei Brose sicher. Grundsätzlich bedarf es mehr Investitionen – zum Vergleich Südkorea will das weltgrößte Chip-Cluster errichten und plant bis 2047 rund 430 Milliarden Euro in die Chipfertigung zu stecken. Strukturbreiten unter zehn Nanometer? Das entspricht nicht dem Bedarf der europäischen Abnehmerindustrie, schon gar nicht dem der Automobilindustrie. Aber genau darauf zielt der European Chips Act ab. In der Automobilindustrie sind Chips über 90 Nanometer gefragt. Auf diese Strukturgröße fokussieren sich vor allem chinesische Halbleiterunternehmen.

Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz (KI) gilt als Schlüsseltechnologie, um das Fahrerlebnis zu verbessern und später, um automatisiertes Fahren zu ermöglichen. „Ohne künstliche Intelligenz sind Trends wie automatisiertes oder vernetztes Fahren nicht möglich“, ist sich Dr. Corina Apachite, Programmleiterin für Künstliche Intelligenz und Daten in der Vorentwicklung bei Continental sicher. Eine Grundlage hierfür bildet die Free and Open Source Software (FOSS), die es ermöglicht, den steigenden Anforderungen an Fahrzeug-Software gerecht zu werden. FOSS erlaubt nicht nur einen frühen Zugang zu neuen Technologien, sondern ist auch Kosten-effizient, führt zu schnelleren Bug-Lösungen, reduziert Abhängigkeiten und zieht Software-Talente an, zeigte Dirk Gronemann, Group Software Engineering Vice President bei Valeo auf.

(ID:49924138)