Bahntechnik Siemens Mireo Plus B: Erster Fahrgasteinsatz in Baden-Württemberg

Von Richard Oed * 3 min Lesedauer

Um für den Klimaschutz ältere Dieselfahrzeuge ablösen zu können, nimmt das Land Baden-Württemberg neue batterieelektrische Triebzüge in Betrieb. So werden im Netz 8 jährlich bis zu 1,8 Millionen Liter Dieselkraftstoff eingespart.

Im Ortenaunetz des Landes Baden-Württemberg kommen die batterielektrischen Mireo Plus B erstmals in den Fahrgasteinsatz. (Bild:  Siemens Mobility)
Im Ortenaunetz des Landes Baden-Württemberg kommen die batterielektrischen Mireo Plus B erstmals in den Fahrgasteinsatz.
(Bild: Siemens Mobility)

In der Ortenau haben am 8. April 2024 die ersten vier von insgesamt 27 batterieelektrischen Zügen (BEMU / Battery-Electric Multiple Unit) den regulären Fahrgastbetrieb aufgenommen. Eine Eröffnungsfahrt von Offenburg nach Oberkirch und zurück markierte an diesem Tag den offiziellen Start. An dieser Fahrt nahmen neben dem baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann weitere zahlreiche geladene Gäste teil.

Die neuen zweiteiligen Zweikraftzüge vom Typ Mireo Plus B kommen von Siemens Mobility und können nicht nur unter Oberleitung, sondern auf nicht-elektrifizierten Strecken auch im reinen Batteriebetrieb fahren. Sie verkehren in Zukunft im Regionalverkehr auf dem Netz 8 „Ortenau“ in Baden-Württemberg. Zu diesem Netz gehören seit dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember 2023 die von Offenburg ausgehenden Bahnlinien nach Bad Griesbach, Achern/Ottenhöfen und Hornberg/Freudenstadt sowie die Strecke zwischen Biberach (Baden) und Oberharmersbach-Riersbach. Ab dem Jahr 2025 soll zudem die reaktivierte Herrmann-Hesse-Bahn zwischen Calw und Renningen hinzukommen.

Betrieben wird dieses Netz zunächst bis 2038 durch die Südwestdeutsche Landesverkehrs-GmbH (SWEG) mit Sitz in Lahr/Schwarzwald im Auftrag des Landes Baden-Württemberg. Der Auftrag umfasst insgesamt Leistungen von rund zweieinhalb Millionen Zugkilometer pro Jahr. Zuerst kommen die Züge auf den Strecken von Offenburg nach Bad Griesbach sowie von Offenburg nach Hornberg zum Einsatz und ersetzen dort die dieselbetriebenen Regio Shuttle 1 (RS1). Die Ausdehnung auf die anderen Linien des Netzes erfolgt schrittweise, was schlussendlich bis zu 1,8 Millionen Liter Dieselkraftstoff pro Jahr einsparen soll.

Beim Fahren unter Oberleitung kann beim Mireo Plus B gleichzeitig die Batterie nachgeladen werden.(Bild:  Siemens Mobility)
Beim Fahren unter Oberleitung kann beim Mireo Plus B gleichzeitig die Batterie nachgeladen werden.
(Bild: Siemens Mobility)

LTO- und SiC-Technologien sorgen für Effizienz

Technisch basiert der Mireo Plus B auf der elektrischen Mireo-Plattform von Siemens Mobility, ergänzt durch jeweils eine Lithiumtitanat-Hochleistungsbatterie (LTO) von Toshiba pro Zughälfte. Geladen werden die unter dem Wagenkasten angebrachten Batterien entweder unter der Oberleitung mit 15 kV oder durch Nutzung der Bremsenergie. Der Antrieb erfolgt über die beiden äußeren Drehgestelle mit je einem Elektromotor pro Achse, das mittige Jakobs-Drehgestell ist antriebslos (Achsfolge Bo´2´Bo´). Dank des Zweikraftantriebs können die bis zu 140 km/h schnellen Züge sowohl auf Strecken mit oder ohne Oberleitung verkehren. Bei einer Antriebsleistung von 1.700 kW erreichen die 46,56 m langen Triebzüge eine Anfahrbeschleunigung von bis zu 1,1 m/s2. Die Reichweite liegt unter realen Bedingungen bis zu 120 km. Zur Energieeffizienz tragen auch die verwendeten Siliziumkarbid-Leistungshalbleiter (SiC) bei den Traktions- und Hilfsbetriebeumrichtern bei. Insgesamt bietet der Zug 120 Sitzplätze, eine Verbesserung im Vergleich zu den älteren RS1.

„Dank des Batteriehybridantriebs des Mireo Plus B fahren die Züge in der Ortenau ab heute klimafreundlicher statt mit Diesel,“ sagte Verkehrsminister Winfried Herrmann bei der Eröffnungsfahrt. Und ergänzte: „Mit dem neuen Netz und den neuen Zügen bieten wir einen verbesserten Takt und größere Kapazitäten an. Die Fahrgäste erhalten ein komfortables, attraktives Angebot zum Um- und Einsteigen – egal ob in der Stadt oder auf dem Land.“ Und Albrecht Neumann, Leiter Schienenfahrzeuge bei Siemens Mobility, fügt an: „Wir sind stolz, dass unsere erste Flotte von Mireo Plus B Batterie-Zügen den Fahrgastbetrieb aufnimmt.“

Vorausschauende Wartung minimiert Ausfallzeiten

Gewartet werden die Fahrzeuge von der SWEG im Auftrag von Siemens Mobility für fast 30 Jahre. Dazu baute die SWEG eine neue Betriebswerkstatt in Offenburg und vermietete diese an Siemens. Der Einsatz der Cloud-basierten Siemens Mobility Application Suite Railigent X ermöglicht eine zustandsbasierte, vorausschauende Instandhaltung, weil das Tool mögliche Störungen erkennt, bevor sie zu Ausfällen führen. Das stellt eine hundertprozentige Verfügbarkeit der Flotte sicher. Die Ladeinfrastruktur, die zum Betrieb der neuen Triebzüge nötig ist, wurde durch die SWEG Schienenwege GmbH in den Bahnhöfen Achern und Biberach (Baden) errichtet.

Außer dem Ortenau-Netz erhält ab Dezember 2024 auch die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) 31 Mireo Plus B für ihr Netz Ostbrandenburg sowie sieben Mireo Plus H mit Wasserstoffantrieb für die Heidekrautbahn.

Neben Siemens Mobility bieten noch weitere Hersteller batterieelektrische Züge an. So Stadler aus der Schweiz, dessen Flirt Akku beim Nahverkehrsverbund Schleswig-Holstein (NAH.SH) zum Einsatz kommt oder Alstom mit seinem Coradia Continental für den Verkehrsverbund Mittelsachsen. (se)

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* Richard Oed ist freier Mitarbeiter der ELEKTRONIKPRAXIS.

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