Bahntechnik SBB und Alstom: Testfahrten mit ferngesteuerter Lokomotive

Von Dipl.-Ing.(FH) Richard Oed * 3 min Lesedauer

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Bei Rangierarbeiten oder auf Baustellen fallen immer nur einzelne kurze Fahrten an. Die SBB und Alstom haben im Raum Zürich getestet, ob sich diese Zugbewegungen aus der Ferne steuern lassen. Trotz des positiven Testergebnisses ist die Technik erst in einigen Jahren einsatzbereit.

Aus einem 5 Kilometer entfernten Kontrollraum in Oerlikon ferngesteuert: Die Testlok auf dem Rangierbahnhof Zürich Mülligen.(Bild:  SBB CFF FFS)
Aus einem 5 Kilometer entfernten Kontrollraum in Oerlikon ferngesteuert: Die Testlok auf dem Rangierbahnhof Zürich Mülligen.
(Bild: SBB CFF FFS)

Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie haben die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und Alstom im Februar und März 2024 Testfahrten mit einer ferngesteuerten Lokomotive erfolgreich ausgeführt. Während der Tests steuerten insgesamt 24 Lokführer als „Remote Operator“ aus dem Alstom-Gebäude in Oerlikon eine Zweikraftlokomotive der SBB-Baureihe Aem 940 über ein Fernsteuerpult. Die Lok selbst war auf dem fünf Kilometer von der Steuerzentrale entfernten Rangierbahnhof Zürich Mülligen unterwegs. Die Fahrten fanden dabei im laufenden Betrieb und nicht auf einer abgesicherten Teststrecke und unter verschiedenen Bedingungen statt. Alstom entwickelte als Konstrukteur und Hersteller der Aem 940 ebenfalls die Fernsteuerung und das Steuerpult.

Mit einer Lok der Baureihe Aem 940 wurden die Tests zur Fernsteuerung durchgeführt. Hier ein Fahrzeug der gleichen Baureihe auf der InnoTrans 2018. (Bild:  Richard Oed)
Mit einer Lok der Baureihe Aem 940 wurden die Tests zur Fernsteuerung durchgeführt. Hier ein Fahrzeug der gleichen Baureihe auf der InnoTrans 2018.
(Bild: Richard Oed)

Dieses Fernsteuerpult gleicht einem Simulator-Fahrpult, mit dem Unterschied, dass die Bilder auf den Bildschirmen direkt von auf der Lok montierten Kameras kommen. So sieht das Bedienpersonal den realen Fahrweg, die Signale und eventuelle Hindernisse. Das Triebfahrzeug (Tf) wiederum reagiert auf Aktionen der Lokführer am simulierten Führertisch, wie Kommandos zum Beschleunigen oder Abbremsen.

Auf der Lokomotive hielten sich während der Tests zur Sicherheit ein Lokführer für Probefahrten und ein Probefahrtleiter auf, die bei Problemen jederzeit hätten eingreifen können. Die Höchstgeschwindigkeit war auf 30 km/h begrenzt.

Ansprüche an die Mensch-Technik-Interaktion untersucht

Ziel der Testfahrten war es, herauszufinden, ob Triebfahrzeugführer die verschiedenen Aufgaben eines Rangierbetriebs, wie das Fahren nach Signalen und das Annähern an ein anderes Fahrzeug zum Kuppeln, über eine Fernsteuerung bewältigen können. Die Anforderungen an den Testbetrieb wählten die SBB zusammen mit dem Institut für Verkehrssystemtechnik des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig aus. Die dort ansässigen Spezialisten besitzen eine langjährige Erfahrung auf dem Gebiet des automatisierten Betriebs (ATO / Automated Train Operation).

Ziel war es einerseits, gute Testfälle für die Sensorik und die Datenübertragung zu entwickeln. Zu untersuchen war auch, wie sehr sich der Arbeitsplatz derzeit für die Fernsteuerung eignet und ob und wie er zu optimieren ist. Denn im Gegensatz zum realen Fahren können die Tf-Führer die Bewegungen der Lok am Fernsteuerpult nicht wahrnehmen; sie sind auf ihre Bildschirme und die Geschwindigkeitsanzeige angewiesen.

Weiterhin dienten die Testfahrten der Überprüfung von europäischen Normierungsentwürfen und deren Anwendbarkeit in der Schweiz.

Mehrere Einsatzszenarien sind denkbar

Die SBB sehen zukünftige Einsatzfälle der Fernsteuerung beispielsweise auf Baustellen oder bei Tunnelarbeiten, wo Arbeitszüge immer nur kurz bewegt werden, oder beim Fahren defekter Züge in einen sicheren Bereich. Möglich wäre auch eine Bereitstellung von Reisezügen von der Abstellanlage zum Abfahrtsgleis und umgekehrt. Die Tf-Führer würden wie normale Reisende erst am Bahnsteig einsteigen.

Die Versuche bewerten die SBB positiv. Beat Rappo, der Projektleiter Testfahrten Fernsteuerung, hebt besonders die Mitwirkung der Lokführer hervor: „Dadurch, dass 24 Kolleginnen und Kollegen des Personen- und Güterverkehrs sowie der Infrastruktur und des Rangierbetriebs bei den Testfahrten dabei waren, haben wir ganz unterschiedliche Rückmeldungen erhalten, die für uns sehr wertvoll sind für die Weiterentwicklung der Technik.“

Blick in die Zukunft

Bis die Steuerung von Loks und Zügen von einem zentralen Ort heraus Realität wird, werden noch mehrere Jahre ins Land gehen. Bis zu einem konkreten Einsatz müssen nicht nur die technischen Systeme so entwickelt werden, dass sie absolut sicher sind, sondern die Betriebsprozesse und Vorschriften auch auf europäischer Ebene angepasst werden. Die SBB betonen jedoch, dass der Einsatz von selbstfahrenden Reisezügen bei ihnen weiterhin keine Priorität besitzt.

Die Testfahrten fanden im Rahmen des Horizon-Europe-Programms „Europe’s Rail Innovation Pillar“ der Europäischen Union statt. Finanziert wurden sie auch durch Mittel des schweizerischen Bundesamts für Verkehr (BAV) sowie des Schweizer Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). (se)

* Richard Oed ist freier Mitarbeiter der ELEKTRONIKPRAXIS.

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