Nach einem Krisenjahr 2024 in der Automobilindustrie wird 2025 mit Trump als neuem Präsidenten der USA und bereits angedrohten Strafzöllen, durch die EU verschärfte CO₂-Flottenziele und Bundestagswahlen in Deutschland außerordentlich herausfordernd werden. Allerdings bietet sich auch die Chance für einen Neuanfang, der Deutschland als Wirtschaftsstandort wieder attraktiv macht.
"Uns fehlt nicht nur die notwendige Infrastruktur in Deutschland, wir haben zudem auf deutscher und europäischer Ebene zunehmend eine Gesetzgebung, die alles ausdefinieren will, die jeden Einzelfall vorher durchregulieren und jede Konstellation berücksichtigen will", kritisiert VDA-Präsidentin Hildegard Müller die gegenwärtge Lage.
(Bild: Screenshot Stefanie Eckardt)
„2025 wird ein Jahr, das uns fordern wird. Es muss aber auch ein Jahr des Neuanfangs werden – das ist dringend notwendig“, erklärte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) in der Jahrespressekonferenz des Verbandes, um eine Trendwende zu erreichen und man als Industriestandort wieder an Attraktivität gewinnt. Denn ein attraktiver Standort garantiert Wachstum, Arbeitsplätze und sorgt letztendlich auch für die Erreichung der Klimaziele. Müller betonte jedoch: „Es ist nicht genug vom Optimismus zu reden, wenn Inhalt, Perspektiven und Ideen fehlen. Die wirtschaftliche Entwicklung muss in den Fokus genommen werden. Der Wettbewerb wird härter – daher braucht es eine wirtschaftliche Trendwende.“ Denn die Transformation in der Automobilbranche könnte etwa 190.000 Jobs bis 2035 kosten, wie die VDA-Studie „Beschäftigungsperspektiven in der Automobilindustrie“ durch das Forschungsinstitut Prognos Ende Oktober 2024 ergab. Ein Viertel davon ist bereits entfallen.
Führend in Forschung & Entwicklung – mangelhaft in der Umsetzung
Mit Blick auf den international zunehmend nicht mehr wettbewerbsfähigen deutschen Standort unterstrich Müller: „Es geht darum, wo die Zukunft unserer Industrie zu Hause sein wird. Wir sind fest entschlossen, die Zukunft der Mobilität zu entwickeln und zu exportieren: Allein von 2025 bis 2029 werden unsere Unternehmen rund 320 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investieren. Hinzu kommen etwa 220 Milliarden Euro in Sachinvestitionen, insbesondere in die Werke. Die Investitionen der deutschen Automobilindustrie steigern sich damit noch einmal deutlich.“ Alarmierend ist, dass inzwischen der Hauptanteil dieser Investitionen auf Engagements der deutschen Firmen im Ausland zurückzuführen ist: „Diese besorgniserregende Entwicklung ist umso gravierender, wenn man bedenkt, dass rund 70 Prozent der Arbeitsplätze unserer Industrie in Deutschland abhängig vom Export sind. Hier droht ein sehr großes Problem. Mit großen, noch unabsehbaren Folgen, für viele Regionen Deutschlands“, warnte Müller.
Der deutsche Standort ist international nicht mehr wettbewerbsfähig, das zeigen alle internationalen Rankings und Datenerhebungen: „In Sachen Standort und Wettbewerbsfähigkeit gibt es also kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem“, so Müller. Die VDA-Präsidentin macht anhand der drei Bereiche Energiepolitik, Digitalisierung und Regulierungen deutlich, wo die Problemfelder liegen. „Die Gaspreise liegen um den Faktor drei über denen in China und sogar um den Faktor fünf über denen in den USA. Auch der Strompreis liegt in Deutschland derzeit bis zu dreimal höher als beispielsweise in den USA oder China. Das ist ein massiver Wettbewerbsnachteil. Eine Reform der Netzentgelte kann dabei nur ein Anfang sein. Für die Steigerung der Stromerzeugung braucht es – neben internationalen Energiepartnerschaften – einen Kapazitätsmarkt, der technologieoffen ausgestaltet ist und auch neuen dezentralen Flexibilitäten wie Speichern und bidirektionalen E-Fahrzeugen offensteht. Strom muss günstiger werden – auch für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Es muss sichergestellt sein, dass Laden billiger ist als Tanken“, forderte Müller mit Nachdruck.
Nachhaltigkeit nicht behindern
Transformation zu fordern und gleichzeitig ihre Umsetzung durch hohe Regularien zu erschweren – da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein Beispiel, dass dieses Paradoxon verdeutlicht, ist Wasserstoff. Der Energieträger wird in der Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Allerdings leider nicht hierzulande, wenn nicht umgedacht wird, warnte Müller: „Es hilft nicht, Transformation zu fordern und sie dann an kaum erfüllbare Bedingungen zu knüpfen. Auch hier braucht es den notwendigen Mentalitätswandel. Nirgends auf der Welt muss Wasserstoff mit so vielen Auflagen wie bei uns erzeugt werden. Die bisherige Politik verunmöglicht ihre eigenen Forderungen.“
Rückständig bei Digitalisierung
Dass Deutschland in puncto Digitalisierung hinterherhinkt, ist kein neues Problem. Doch woran liegt das? „Uns fehlt nicht nur die notwendige Infrastruktur in Deutschland, wir haben zudem auf deutscher und europäischer Ebene zunehmend eine Gesetzgebung, die alles ausdefinieren will, die jeden Einzelfall vorher durchregulieren und jede Konstellation berücksichtigen will. Die Folge: Unsere Unternehmen sind in Deutschland und Europa quasi auf Dauer in Wartestellung, während andere Regionen an uns vorbeiziehen. Es ist ein Wettbewerbsnachteil, alles vorab regulieren zu wollen. Auch hier gilt: Es braucht einen Mentalitätswandel und Politikwechsel. Wir haben sehr gute Grundlagen auch für die digitalen Geschäftsmodelle der Zukunft. Und zweifellos gilt: KI ist eine Schlüsseltechnologie der Automobilindustrie. Deswegen fordern wir so vehement eine praxistaugliche und innovationsfördernde Umsetzung der jeweiligen Gesetze, insbesondere auch des AI Acts, damit wir unsere solide Grundlage in Sachen KI auch in die breite Anwendung bringen können. Mit Blick auf die vielfältigen Entwicklungen muss die kommende Regierung eine Neuauflage ihrer KI-Strategie entwickeln – und mit konkreten Fördermaßnahmen unterlegen, damit wir ein führender KI-Standort werden können“, erläuterte Müller.
Stand: 08.12.2025
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Bürokratie und Steuern
Ein genauso bekanntes wie auch riesiges Problem, ist die Steuer- und Bürokratiebelastung hierzulande. „Unsere Unternehmenssteuer ist zu hoch – egal wie die nächste Bundesregierung aussieht, hier muss sie aktiv werden“, fordert Müller und unterstreicht: „Wer jetzt noch von Steuererhöhungen oder zusätzlichen Steuerbelastungen spricht, hat die Dramatik nicht verstanden. Das wäre ein völlig falsches Signal und würde dringend benötigte Investitionen sowie den Erhalt von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen in Deutschland weiter gefährden."
Ein weiterer wichtiger Punkt ist es nicht nur Bürokratie abzubauen, sondern auch nicht gleichzeitig wieder neue aufzubauen, wie die VDA-Präsidentin weiß: „Konkrete Vorschläge liegen auf dem Tisch. Es muss umgesetzt werden. Und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in Brüssel – hier entstehen inzwischen die meisten neuen Bürokratie-Kosten. Bürokratie abzubauen ist wichtig, keine neue aufzubauen, ist genauso wichtig. Es braucht einen stärkeren Fokus auf möglichst unbürokratische Gesetzgebung. Praxischecks und Digitalchecks der Maßnahmen sollten als verpflichtende Elemente der Gesetzgebung sowohl in Berlin als auch in Brüssel eingeführt werden. Und zusätzlich gilt es, mehr Eigenverantwortung zu ermöglichen, durch den Abbau von Berichtspunkten”, so Müller.
Viel Potenzial – Chancen nutzen
Müller zeigte sich zuversichtlich, dass die wirtschaftliche Trendwende gelingen kann: „Jetzt muss die Change ergriffen werden, zurück zu einer wirtschaftsfreundlichen, leistungsorientierten Politik zu finden, die Innovationen made in Germany fördert." Sie machte dabei deutlich, dass Schwarzmalerei und Populismus niemandem helfen, genauso wenig wie Schönfärberei. Wichtig ist, das Know-how im eigenen Land nicht nur hochzuhalten, sondern auch auf die Straße zu bringen. „Wir haben die besten Köpfe der Welt in vielen Bereichen, sind bei Patenten und Innovationen vielfach führend. Wir haben die Leidenschaft und Kreativität, die es braucht. Wir haben auch mit Blick auf neue Felder wie KI unendlich viel Potenzial – auch und gerade in Verbindung mit unserer Industrie. Wir wollen diese Chance nutzen – und dafür braucht es jetzt eine politische Entfesselung, in Berlin und in Brüssel", resümierte Müller. (se)