Alternative Antriebe Neue Brennstoffzellen-Offensive aus Peking

Von Stefanie Eckardt 7 min Lesedauer

China gibt beim Thema Wasserstoff nicht auf, sondern intensiviert seine Anstrengungen. Bis 2030 soll die Zahl der Fahrzeuge mit Brennstoffzellen auf Chinas Straßen verdoppelt werden, heißt es in einer neuen Richtlinie des Industrieministeriums in Peking.

China gibt beim Thema Wasserstoff nicht auf, sondern intensiviert seine Anstrengungen. (Bild:  frei lizensiert bei Pixabay)
China gibt beim Thema Wasserstoff nicht auf, sondern intensiviert seine Anstrengungen.
(Bild: frei lizensiert bei Pixabay)

Das am 16. März veröffentlichte Dokument des Industrieministeriums MIIT und zwei weiterer Ministerien setzt klare Ziele für den umfangreichen Aufbau der Wasserstoff-Wirtschaft im Transport und in der Industrie. Die Strategie beruht auf der Grundannahme, dass derzeit noch Förderungen von Regierungsseite nötig sind, um die Skalierung der Technologie so weit zu bringen, dass technologische Durchbrüche die Effizienz und die Kosten der Anwendung genügend reduzieren können. Es ist derselbe Ansatz, der in China bereits die Solarenergie und den Sektor E-Mobilität forciert hat.

100.000 FCEV auf chinesischen Straßen bis 2030

Bis 2030 sollen 100.000 Fahrzeuge mit Brennstoffzellen (FCEV) auf Chinas Straßen rollen. Das sind etwa doppelt so viele wie heute. Bis Ende 2025 sind in China rund 40.000 Wasserstoff-Brennstoffzellenfahrzeuge verkauft worden, berichtet die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Zudem gibt es bis jetzt 574 Wasserstofftankstellen mit einer kumulierten täglichen Betankungskapazität von mehr als 360 Tonnen. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Neuzulassungen von FCEV beschleunigt, lag laut Versicherungsdaten erstmals bei mehr als 10.000 pro Jahr, wie der chinesische Pkw-Verband CPCA berichtet.

Das war ein Plus von 47 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Kumuliert sind damit in China bis Ende 2025 fast 40.000 FCEVs verkauft worden. Damit gehöre China in diesem Bereich zu den weltweit führenden Ländern, schreibt das Industrieministerium. Ein nüchterner Blick auf die vorliegenden Zahlen zeigt aber auch, dass die Brennstoffzelle genau wie Wasserstoff in der Industrie auch in der Volksrepublik immer noch zu den Nischentechnologien gehört.

Herausforderungen bewältigen

China ringt mit denselben Problemen, die auch in Deutschland häufig von den Gegnern der Brennstoffzelle angeführt werden. Die Energieeffizienz über den gesamten Lebenszyklus der Wasserstoffkette hinweg ist derzeit noch gering. Unter anderem, weil eine doppelte Umwandlung von Energie aus Solarstrom oder Atomstrom in Wasserstoff, dann nach dem Transport zurück in Antriebsenergie in Fahrzeugen oder Industrieanlagen erforderlich ist.

Wie die Debatte zur neuen Wasserstoff-Initiative in diesem Jahr zeigt, sieht man diese Probleme in China auch sehr klar, zieht daraus nur völlig andere Schlüsse als deutsche Experten. Erstens glaubt man, durch den Aufbau umfassender Wasserstoff-Ökosysteme technologische Durchbrüche fördern zu können, mit denen die Effizienz- und Kostenfrage dann Schritt für Schritt gelöst werden können. Zweitens lässt man einzelne Einwände, etwa den der Energieeffizienz, nicht zum allein entscheidenden Faktor in der Debatte werden. Es gebe eine ganze Reihe von wichtigen Gründen, warum Wasserstoff Teil einer klugen Energiestrategie des Landes sein müsse, argumentieren chinesische Experten und Regierungsvertreter.

Unter anderem sei Wasserstoff die bei weitem sauberste Technologie, mit deren Hilfe erneuerbare Energien angewendet werden können. Die Verbrennung sei völlig emissionsfrei. Es fielen keine Umweltgifte an wie beim Abbau von Lithium oder beim Recycling der Millionen von Traktionsbatterien, die Chinas Autoindustrie sehr bald entsorgen muss.

Es führt kein Weg an Wasserstoff vorbei

Wasserstoff sei eine Technologie, an der auf dem Weg zu einer grünen Energiewende in China „kein Weg vorbeiführt“, zitierte das Wirtschaftsportal Zhongguo Jingyingwang den Dekan des Instituts für Energiepolitik der Universität Xiamen, Lin Boqiang. Die aktuellen Spannungen in der Straße von Hormus hätten noch einmal die Bedeutung der Energiesicherheit unterstrichen, so Lin. China habe unter anderem mit Blick auf dieses Problem bereits die Wind- und Solarenergie so weit ausgebaut. Ab jetzt werde Wasserstoff „voraussichtlich eine größere Rolle spielen“, sagt der Experte und Regierungsberater.

China plant hier wie so oft nicht allein aufgrund heute bekannter technologischer Fakten oder Grenzen, sondern bezieht die Möglichkeit zukünftiger Innovationen mit in seine Planungen ein.

So hofft man beispielsweise auf Durchbrüche im Bereich der Kernfusion in den kommenden Jahren. Auch in die Forschung und Entwicklung in diese Zukunftstechnologie investiert Peking gerade viel Geld.

Kommt der Durchbruch bei der Kernfusion?

Mit anderen Worten verwechselt man in China die gegenwärtigen technologischen Hürden nicht mit physikalischen Grundgesetzen der Thermodynamik, sondern betrachtet sie als technisch lösbare Anwendungsfragen. Schon jetzt sind Antriebe mit Brennstoffzelle äußerst effizient. Am Rest der Lieferkette will man nun noch stärker arbeiten.

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Sollte der Durchbruch bei der Kernfusion eines Tages tatsächlich kommen, will man bereits Wasserstoff-Lieferketten aufgebaut haben, die man in einem solchen Fall extrem günstig über Elektrolyse mit Atomstrom erzeugbaren Wasserstoff nutzen kann. In Peking glaubt man, dass für eine langfristig erfolgreiche Energiepolitik auch Investitionen mit einem gewissen Risiko erforderlich sind.

Wasserstoff im Cluster-Fokus

In der neuen Richtlinie der Pekinger Regierung werden aus den genannten Gründen ab diesem Jahr landesweit neue Pilotprogramme „für die umfassende Anwendung der Wasserstoffenergie“ angekündigt, für das „Cluster von Städten“ eine Bewerbung einreichen können. Sie müssen umfangreiche Anwendungen in den Bereichen Einsatz von Lkw mit Brennstoffzelle, Transport und Speicherung von Wasserstoff, industrielle Anwendungen und weitere Projekte nachweisen, bevor sie in das Programm aufgenommen werden.

Der Fokus auf Cluster und nicht auf einzelne Städte spiegelt die Annahme wider, dass die Bündelung verschiedener Ressourcen nötig ist. So gibt es beispielsweise im Norden des Landes mehr Produktion von grünem Wasserstoff, während im Osten des Landes die chemische Industrie und die Wasserstoffmetallurgie weiter sind. Jedes Cluster soll seine entsprechende Stärke ausspielen können.

Die Sieger dieser Ausschreibung sollen im Laufe der nächsten vier Jahre dann bis zu 1,6 Milliarden Yuan (rund 200 Millionen Euro) je Städtecluster von der Zentralregierung erhalten. Sobald die Anzahl der FCEV verdoppelt sei und es Fortschritte in den Bereichen Lagerung und Transport gebe, hoffen die chinesischen Planer auf Synergieeffekte mit industriellen Anwendungen.

Grüner Wasserstoff angestrebt

Grüner Wasserstoff, erzeugt unter anderem in Chinas Wüstenregionen aus Solar- und Windenergie, wird schon jetzt in der Chemieindustrie des Landes zur Erzeugung von Ammoniak, Methanol und für einige Prozesse in Raffinerien eingesetzt. Auch in der Schifffahrt gibt es bereits erste kommerzielle Nutzungen.

An dem Problem, dass momentan noch ein großer Teil des verfügbaren Wasserstoffs mit fossiler Energie erzeugt wird, wird ebenfalls gearbeitet. Chinas Wasserstoffproduktion war 2025 mit mehr als 37 Millionen Tonnen die größte der Welt. Die Jahreskapazität für erneuerbaren Wasserstoff erreichte im selben Zeitraum mehr als 250.000 Tonnen. Das war eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr, wie die Nationale Energiebehörde bekannt gab.

An allen Punkten des Ökosystems Wasserstoff soll ab jetzt gleichzeitig und noch intensiver gearbeitet werden. „Regierungsvertreter erwarten, dass der Hochlauf der Anwendungen große Technologiesprünge und Durchbrüche in Kernbereichen wie Brennstoffzellen, Elektrolyseuren sowie Speicher- und Transportausrüstung auslösen wird“, schreibt CNEVPOST. Wasserstoff und die Brennstoffzelle sind im neuen Fünfjahresplan der chinesischen Regierung als „Zukunftstechnologie“ bestätigt worden, die mit Nachdruck gefördert werden soll. Man sieht sehr realistisch, dass sich die Technologie noch in einem „frühen Stadium der Industrialisierung“ befindet, unterstreicht aber ihr „großes langfristiges Potenzial als kohlenstofffreier Sekundärenergieträger“.

Dieser „ambitionierte“ neue Wasserstoffplan habe das Potenzial, einen Wendepunkt mit Blick auf Energieeffizienz und Kosten der industriellen Wasserstoff-Ketten herbeizuführen, schreiben chinesische Kommentatoren. Sobald in den Städteclustern der kommerzielle Nutzen sichtbar werde, könne man mit mehr Investitionen in Forschungs- und Entwicklungszentren rechnen, genau wie es gerade schon in den vielen Wissenschafts-und-Technologie-Clustern für die E-Mobilität geschehe, argumentieren sie.

China versus Deutschland

Während die „technologischen Durchbrüche“ zwar nicht unwahrscheinlich sind, aber auch nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden können, hat man in China viel Erfahrung mit der Senkung von Kosten. Die wird auch jetzt bei der Brennstoffzelle und der industriellen Nutzung von Wasserstoff wieder angewandt. Durch die neuen Pilotprojekte wolle man den Wasserstoffpreis für Endkunden auf unter 25 Yuan pro Kilogramm (rund 3,10 Euro) senken, in bevorzugten Regionen sogar auf rund 15 Yuan, schreibt Xinhua.

Die Langfristigkeit der chinesischen Planung und die holistische, umfassende Art der Strategie kontrastieren stark mit dem, was in Deutschland in Sachen Wasserstoff passiert. In Deutschland ist die Zahl der Wasserstofftankstellen Medienberichten zufolge zuletzt wieder gesunken. Es gab einmal 80, jetzt sind es nur noch gut 50, und auch davon arbeiten viele mit Verlust.

2025 sind in der Bundesrepublik 49 Pkw mit Brennstoffzelle zugelassen worden, 69 Prozent weniger als im Vorjahr im Vergleich zu rund 545.000 Batterie-Elektrofahrzeugen, meldet das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). Deutsche Experten vertreten die Meinung, „der Markt habe gesprochen“. Der chinesische Ansatz, dass dem Markt bei Zukunftstechnologien anfangs etwas auf die Sprünge geholfen werden müsse, ist bei vielen verpönt. In der deutschen Debatte taucht aber regelmäßig die Frage auf, ob man auch beim Wasserstoff erneut den „Wettlauf“ gegenüber China verlieren werde, ähnlich wie schon bei der Solarenergie oder der E-Mobilität. Leider erscheint das zum jetzigen Zeitpunkt nicht unwahrscheinlich.

Wer optimistisch bleiben will, der darf darauf hoffen, dass China beim Senken der Kosten und der Steigerung der Effizienz im Bereich der Wasserstoff-Technologien erfolgreich sein wird. Dann wird diese Zukunftstechnologie eines Tages ähnlich wie die Photovoltaik auch in Deutschland günstiger werden. (se)

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