Künstliche Intelligenz E2E setzt sich beim autonomen Fahren in China immer weiter durch

Von Henrik Bork * 3 min Lesedauer

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Wird 2025 das Jahr des E2E beim autonomen Fahren in China? Jedenfalls sieht es im Moment danach aus, dass sich diese technologische Route bei immer mehr Automobilherstellern und -Zulieferern im Reich der Mitte durchsetzen wird.

In China setzt sich E2E beim autonomen Fahren immer weiter durch.(Bild:  frei lizensiert bei Pixabay)
In China setzt sich E2E beim autonomen Fahren immer weiter durch.
(Bild: frei lizensiert bei Pixabay)

Bei „End-to-End“ (E2E) werden die von Kameras oder Sensoren gewonnenen Daten – also das eine Ende – mit Hilfe von Deep Learning analysiert und in Befehle zum Navigieren, Bremsen oder Beschleunigen – das andere Ende – umgesetzt. Dank künstlicher Intelligenz und der stärkeren Rechenleistung neuer Autochips, so die Befürworter von E2E, werde das autonome Fahren damit “menschenähnlicher”, weil neurale Netzwerke genau wie das menschliche Gehirn nicht nur komplexe Situationen, wie Baustellen, Fahrspur-Veränderungen, U-Turns oder Schlaglöcher erfassen, sondern auch geschmeidigere Fahrbefehle ausgeben könnten, als die bisherigen, modular eingesetzten Algorithmen.

Neue technologische Revolution?

Seit dem 28. November können die Fahrer des Modells AD Max von Li Auto mit einem Click eine neue, intelligente „End-to-End-plus VLM“-Lösung aktivieren, die ihnen per Over-the-Air-Update (OTA) drahtlos ins Fahrzeug übertragen worden ist. VLM steht für „Visual Language Model“.

Genau wie mehrere andere Hersteller vermarktet Li Auto die neue, heftig auf Daten und Rechenpower setzende Fahrassistenzfunktion mit dem Label „Parkplatz-zu-Parkplatz“. So hofft man Interesse zu generieren, ohne die Autokäufer mit zu vielen Details aus der Welt der Computerwissenschaften zu belasten. Und Li Auto ist nicht der einzige Hersteller in China, der gerade diesen Weg einschlägt. „Intelligentes Fahren mit End-to-End ist plötzlich populär geworden“, schreibt die chinesische Wirtschaftszeitung Cailianshe und fragt, ob E2E noch vor der serienmäßigen Ankunft des autonomen Fahrens nach Level 3 eine neue „technologische Revolution“ in der Industrie auslösen könnte.

Large Models im Fokus

Tesla war auch hier wieder der Pionier bei dieser Neuerung. Außer Li Auto haben bislang Xpeng und Huawei Qiankun E2E-Lösungen auf den Markt gebracht. Die E2E-Lösung von Xiaomi wird gerade intern getestet. Leapmotor hat ebenfalls ein eigenes E2E-System entwickelt, dass ab dem kommenden Jahr erhältlich sein soll. Mercedes-Benz will sein neues, elektrisches CLA-Modell ab 2025 in China mit E2E ausrüsten, nennt es “L2++“.

Auch Software-Zulieferer in China beginnen, entsprechende Produkte anzubieten. SenseAuto, die automobile Geschäftseinheit von SenseTime, hat am 27. November eine neue E2E-Lösung für das intelligente Fahren vorgestellt. Black Sesame hat eine eigene E2E-Lösung für Autochips der Serien Huashan und Wudang angekündigt. „Die Large Models der künstlichen Intelligenz haben tiefgehende Veränderungen in allen Bereichen des Lebens ausgelöst, inklusive einer signifikanten Verbesserung der Produktions-Effizienz,“ zitiert Cailianshe den CEO von SenseAuto, Wang Xiaogang. Ein typisches Beispiel für diese Veränderungen sei, dass autonome Fahrfunktionen mit E2E gerade „das traditionelle, auf Regeln basierende System des autonomen Fahrens ablösen“, so Wang. „Die Arbeit von Tausenden von Algorithmus-Ingenieuren, die Rules schreiben, kann durch ein Daten-getriebenes Large Model ersetzt werden.“

Je mehr diese Technologie kommerzialisiert werde, umso mehr Daten stünden zur Verfügung, was die E2E-Lösungen dann wiederum immer besser mache, argumentieren ihre Befürworter. „Die verschiedenen beim autonomen Fahren gesammelten Daten sind sehr wertvoll, wenn das Verhalten des Fahrzeugs in komplexen Situationen sein Verhalten ändert“, so der CEO von SenseAuto.

E2E kann, muss aber nicht ohne Lidar-Geräte umgesetzt werden. Das ist von Hersteller zu Hersteller verschieden. Während Elon Musk und Tesla auf “Pure Vision“ setzen und erste chinesische Hersteller folgen, weil damit die noch immer relativ teuren Lidar eingespart werden können, können durchaus auch mit Lidar gesammelte Daten gemeinsam mit den Daten aus Kameras und Mikrowellen-Radar-Geräten „end-to-end“ verarbeitet werden.

Mehr Intelligenz

Eine nützliche Eigenschaft von E2E ist schwer wegzudiskutieren: Die Large Models werden immer intelligenter, je mehr Daten sie „fressen“ dürfen. Li Auto beschreibt das zwar nicht in seinem Marketing, aber gegenüber Fachjournalisten als Folge der „rapiden Datenverarbeitung und Low Latency Response“ von E2E-Modellen. „Es wird erwartet, dass sich die intelligenten Fähigkeiten des Systems mit der Zeit verbessern, während es kontinuierlich dazulernt und sich an neue Fahrbedingungen anpasst, was es zu einem besseren und noch sichererem Fahrbegleiter macht.“  (se)

* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

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