Luftfahrt-TechnologieChina: Markenfrühling für fliegende Autos
Von
Henrik Bork *
4 min Lesedauer
Erneut muss man sich einen neuen Markennamen in China merken. Diesmal den für ein fliegendes Auto. „GOVY“ nennt der chinesische Autobauer GAC seine neue eVTOL-Marke, die am 18. Dezember offiziell vorgestellt wurde.
Mit dem GOVY AirJet will GAC verschiedene Mobilitätsbedürfnisse zu erfüllen, angefangen von kurzen Pendelstrecken in der Stadt bis hin zu Mittelstrecken-Intercity-Reisen.
(Bild: GAC)
Gleichzeitig mit der neuen Marke führte GAC das Konzept des ersten Modells vor. Es heißt “GOVY AirJet” und ist eher Fluggerät als Auto, ähnelt äußerlich einer Kreuzung aus einem Kleinflugzeug und einer Drohne mit Passagierkabine. Man hoffe, schon im Jahr 2025 die nötigen Zulassungen zu bekommen und mit dem Bau einer Fabrik dafür beginnen zu können, heißt es bei GAC. Der Launch der neuen Marke ist das jüngste Beispiel dafür, wie schnell sich die neue „Low-Altitude-Economy“ oder „Wirtschaft für niedrige Flughöhen“ in China gerade entwickelt.
Einsatz als Flugtaxi
Die englische Abkürzung eVTOL steht für „Electric Vertical Take-off and Landing Aircraft“, also für Fluggeräte, die vertikal abheben und wieder landen können wie ein Hubschrauber – dabei aber komplett elektrisch und geräuscharm unterwegs sind. GAC spricht bei GOVY selbst von einer neuen Marke für „fliegende Autos“, denn man verspricht sich die erste Phase der Kommerzialisierung von eVTOLs – von der Logistik einmal abgesehen – vor allem durch ihren Einsatz als Flugtaxen, das in einer Flughöhe von rund einem Kilometer unterwegs sein wird und Passagiere beispielsweise vom Flughafen in die Stadtmitte oder vielleicht noch in eine nahegelegene Stadt weiter transportieren wird.
Bislang hat noch niemand die Kommerzialisierung einer wirklich dualen, also sowohl Straßen- als auch Flug-tauglichen Mischung aus Auto und Flugzeug geschafft. Das liegt allerdings eher an den regulatorischen Hürden in diesem Neuland der Mobilität liegt als an den technologischen Herausforderungen.
James Bond lässt grüßen
Xpeng Aeroht, die eVTOL-Marke des E-Auto-Startups Xpeng, kommt dieser Vision derzeit vielleicht am nächsten, seit es seinen „Land Aircraft Carrier“ vorgestellt hat, wo ein Fluggerät aus dem Kofferraum eines Transportfahrzeuges aufsteigt wie in einem James-Bond-Film. Die GAC-Gruppe hatte 2023 ihr erstes eVOTL namens „Gove“ vorgestellt, das inzwischen in „AirCar“ umbenannt worden ist. Diese Schöpfung besteht noch aus einem klar an ein Auto erinnernden Untersatz, einem elektrisch beschriebenen Chassis, von dem sich bei Bedarf das Fluggerät abkoppelt, um vertikal aufzusteigen und davonzufliegen.
Mehr Gerät als Auto
Mit dem ersten Modell AirJet der neuen Marke GOVY rückt GAC nun wieder einen Schritt weit von der Vision des „Autos, das auch fliegen kann“ ab und stellt ein elektrisches Fluggerät vor, dass zwar wie ein Flugzeug ein wenig rollen kann, für seinen Gebrauch aber ganz klar geeignete Lande- und Ladeplätze braucht und nicht für den Straßenverkehr konzipiert ist. Ein „fliegendes Auto“ nennt GAC seine neue Schöpfung eher deshalb, weil sich dieser Begriff durchgesetzt hat und weil eVTOLs am ehesten als Flugtaxen kommerzieller Betreiber vorstellbar sind, die alle behördlichen Auflagen erfüllen, bevor sie irgendwann auch den Individualverkehr erobern können.
Der neue GOVY AirJet ist für Flüge von mit einer Länge von rund 200 Kilometern ausgelegt, die es mit einer Geschwindigkeit von maximal 250 km/H zurücklegen kann. Damit zielt es auf eine andere Marktnische als das GAC-Vorgängermodell AirCar, das für Distanzen von rund 20 Kilometer gedacht ist.
Behörden arbeiten an Genehmigungsverfahren
Die chinesische Regierung hat klar gemacht, dass sie große Hoffnungen für die Low-Altitude-Economy hat. Verschiedene Behörden arbeiten daran, möglichst schnell die nötigen Standards und Genehmigungsverfahren zu schaffen. Neben dem Einsatz als Airport-Shuttle denkt man in Peking vor allem an die verkehrstechnische und logistische Versorgung menschenarmer Regionen im Norden und Nordwesten des Landes, sowie an Einsätze von eVTOLs in der Katastrophenrettung, in der Landwirtschaft und im Tourismus für Sightseing mit „Wow-Effekt“.
Nachfrage da
Ein Markt, da sind sich die meisten Beobachter einig, ist auf jeden Fall da. Bis 2030 rechnet Luo Jun, der Direktor der kürzlich neu gegründeten „China Low Altitude Economic Alliance“ in der Volksrepublik mit der Entstehung eines neuen Wirtschaftszweiges mit einem Beitrag von mehr als drei Millionen Yuan, was rund 390 Millionen Euro entspricht zum Bruttoinlandsprodukt.
Xpeng Aeroht hat bereits mit dem Bau einer Produktionslinie für seinen „Land Aircraft Carrier“ begonnen, will 2026 mit der Serienfertigung beginnen.
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Investitionen in eVTOLs
Im August 2024 hat der Batteriehersteller CATL mehrere hundert Millionen Yuan in das eVOTL-Unternehmen Autoflight investiert. Die nächste neue eVOTL-Marke wird aber wohl von Changan Automobile verkündet werden, wo man ebenfalls auf eine Zukunft voller „Flugautos“ am Himmel setzt.
Der deutsche Werkstoffhersteller Covestro aus Leverkusen, bis 2015 „Bayer MaterialScience“ hat eigenen Angaben zufolge gerade eine strategische Partnerschaft mit der „Guangdong GOVY Technology Co., Ltd.“ vereinbart, also mit Hersteller des neuen GOVY AirJet.
Neue Materialien im Fokus
Neue Materialien sind von enormer Wichtigkeit, um eVOTL immer leichter zu machen und ihre Batterien immer leistungsstärker. Die Partnerschaft ist ein Beispiel für die vielen Chancen, die sich aus der Entwicklung der Low-Altitude-Economy in China auch für die deutsche Industrie ergeben.
Die Preise für eVTOl, die im Moment noch recht hoch sind, werden in China in den kommenden Jahren schnell fallen. Für die Entlastung der chronisch verstopften Straßen in China und das Erreichen ehrgeiziger Klimaziele sind eVTOL zweifellos nützlich. Insider in China sagen voraus, dass es jetzt nur noch wenige Jahren dauern wird, bis die ersten eVTOL über den Dächern chinesischer Großstädte hin- und herfliegen. Man muss sich also schon bald eine ganze Reihe neuer Markennamen merken müssen. (se)
* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.