Automobilindustrie Wie sich Auto- und Fahrradbranche annähern

Quelle: sp-x 4 min Lesedauer

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Entweder Auto oder Fahrrad – beides geht eigentlich nicht. Oder doch? Automotive-Konzerne zeigen seit Jahren, dass man auch im Bike-Segment wachsen kann.

Automobilzulieferer Bosch hat schon früh das Potenzial auf dem Fahrradmarkt entdeckt.(Bild:  Bosch)
Automobilzulieferer Bosch hat schon früh das Potenzial auf dem Fahrradmarkt entdeckt.
(Bild: Bosch)

Ende des 19. Jahrhunderts sattelte mancher große Fahrradhersteller aufs Auto um. Unter anderem Opel, eigentlich ein klassischer Vertreter der Autobranche, kann auf eine lange Tradition im Fahrradbau zurückblicken. Spätestens nach dem zweiten Weltkrieg entwickelten sich Fahrrad- und Autobranche in sehr unterschiedlicher Weise und gingen weitgehend getrennte Wege.

Seit einiger Zeit jedoch nähern sie sich wieder einander an. Dabei sind mit teilweise sogar großem wirtschaftlichem Erfolg globale Autoriesen ins Zweiradgeschäft eingestiegen. Allerdings ist nicht jeder Ausflug von Automotive-Konzernen ins Bike-Business von nachhaltigem Erfolg gekrönt.

IAA heißt inzwischen auch Fahrräder willkommen

Ein vor allem symbolträchtiges Beispiel für ein Annähern von Auto- und Fahrradbranche ist die Messe IAA. Über Jahrzehnte hinweg war sie Leistungsshow und globale Ikone der mächtigen Autolobby, auf der allein das Auto im Mittelpunkt stand. Fahrräder waren, wenn überhaupt, als kuriose Randerscheinung geduldet.

Doch seitdem die IAA 2021 in neuem Format in München statt in Frankfurt residiert, haben Zweiräder einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Damals konnten sich erstmalig Fahrradhersteller in großem Stil ganz offiziell unter Schirmherrschaft des Verbands der Automobilindustrie (VDA) präsentieren.

Auf der Münchener Messe füllten sie mit ihren neuesten Produkten sogar eine riesige Halle. Parallel waren viele Zweiradmarken am Odeonsplatz vertreten. Auch dieses Jahr im September wird die IAA wieder zum Mekka – auch für Fahrrad-Fans. Doch symbolisiert die Mobilitätsmesse damit nicht nur das wohlwollende Miteinander zweier Branchen, sondern zugleich auch ihr wirtschaftliches Zusammengehen.

Bosch als Taktgeber für die Evolution des E-Bikes

Teile der Autoindustrie profitieren zum Teil in großem Stil vom seit Jahren anhaltenden Pedelec-Boom, denn gleich mehrere klassische Automotive-Zulieferer stellen die dafür nötigen elektrischen Antriebssysteme her.

Besonders erfolgreich ist der Bosch-Konzern, der seit 2011 ausgereifte und stetig weiterentwickelte Systeme für elektrisch unterstützte Fahrräder anbietet und sich dabei sogar zum Taktgeber der stetig fortschreitenden Evolution des E-Bikes entwickelt hat.

Dabei prallten damals, Anfang der 2010er-Jahre, zwei Welten aufeinander, wie Claus Fleischer, seit 2012 Chef der E-Bike-Sparte von Bosch, anlässlich des 10-jährigen Jubiläums seines Geschäftsbereichs 2019 berichtete. Während Vertreter der Fahrradindustrie untereinander einen lockeren Umgang und legeres Auftreten gewohnt waren, besuchten die Bosch-Vertreter Geschäftstreffen distinguiert auftretend und formell im Anzug.

Mittlerweile sind die Bosch-Biker in der Zweiradwelt fest etabliert und haben sich an die dortigen Gepflogenheiten angepasst. Und Bosch ist längst nicht allein. Weitere Automobilzulieferer folgten dem Beispiel der Schwaben und bieten mittlerweile ähnliche Antriebssysteme. Dazu gehören etwa der französische Konzern Valeo oder die deutschen Hersteller Brose, Mahle und künftig wohl auch Schaeffler.

Porsche auf Wachstumskurs im E-Bike-Segment

Der Erfolg von Bosch blieb Autoherstellern selbstredend nicht verborgen, was wohl auch dort ein wachsendes Interesse an dem unvermindert kräftig wachsenden Markt geweckt haben dürfte. Eindrucksvollstes Beispiel hierfür ist das Engagement von Porsche.

Seit einiger Zeit bietet der Sportwagenhersteller unter anderem einige Pedelec-Modelle an, die einer Kooperation mit der Edelschmiede Rotwild entstammen. 2021 haben die Zuffenhausener außerdem den kroatischen Pedelec-Hersteller Greyp übernommen sowie gemeinsam mit dem Fahrradhersteller Storck die neue E-Bike-Marke Cyklaer aus der Taufe gehoben.

2022 hat sich der Sportwagenbauer dann noch mit Fazua einen innovativen Hersteller von extra leichten Pedelec-Antrieben einverleibt. Mittlerweile gibt es die Porsche E-Bike Performance GmbH nahe München, wo Porsche Aktivitäten bündelt, um das E-Bike-Segment nach eigener Aussage künftig entscheidend mitzugestalten.

Interesse an Lastenrädern steigt

Verstärktes Interesse haben Teile der Autoindustrie in der jüngeren Vergangenheit insbesondere auch an Lastenrädern gezeigt. Allerdings finden sich hier auch einige Beispiele des Scheiterns.

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VW hat zum Beispiel ein dreirädriges Lastenrad mit smarter Neigungstechnik entwickelt, das eigentlich 2021 auf den Markt hätte kommen sollen. Allerdings sind wohl auf dem Weg zur Serienreife die Kosten aus dem Ruder gelaufen, weshalb das eigentlich verheißungsvolle Projekt dem Rotstift-Regime der Niedersachsen zum Opfer fiel.

Bereits vor VW entwickelte der Autozulieferer Schaeffler mit dem vierrädrigen E-Cargo-Konzept „Bio Hybrid“ eine Art Twizy mit Pedalantrieb. Das emissionsfreie Minimobil fand großen Anklang. 2020 kam es zum Management-Buy-out der Bio-Hybrid GmbH, die das Lastenfahrzeug auf den Markt bringen wollte, jedoch an einer nachhaltigen Finanzierung scheiterte. 2021 wurde das Projekt begraben.

Im gleichen Jahr hat BMW als Entwurf das dreirädrige Konzept „Dynamic Cargo“ vorgestellt, bei dem vorderer Rahmen und das breite Heck mit einer Schwenkachse verbunden sind, was bei Kurvenfahrten für ein seitliches Kippen des vorderen Bereichs sorgt.

Ein Jahr später folgte, abgeleitet von der BMW-Idee, ein vom Fahrradhersteller Cube realisiertes seriennahes Dreirad-Konzept, welches Ende 2022 auf den Markt hätte kommen sollen. Der Start scheint sich allerdings hinzuziehen.

Kurzweiliger Einstieg von General Motors in die Fahrradwelt

Definitiv und endgültig gescheitert ist die von General Motors gegründete Fahrradmarke Ariv. 2019 wurde das ambitionierte Zweiradprojekt mit einem GM-eigenen E-Antriebssystem und einem schicken wie edel gearbeiteten Pedelec-Modell samt viel Tamtam ins Leben gerufen.

Doch im Zuge der Corona-Krise musste der große US-Autokonzern sparen. Erschreckend plötzlich haben die Kostenkiller dabei die wenig margenträchtige Zweiradmarke wieder eingestampft. Zeugen des schnellen Ein- und Ausstiegs von GM in die Zweiradwelt sind die noch in größerer Zahl im Netz weit unter Neupreis angebotenen, neuwertigen Ariv-Pedelecs.

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