Open-Source-Initiativen und KI-Plattformen sollen die Entwicklung von Software-definierten Fahrzeugen beschleunigen. Was braucht man im Rennen um das beste digitale Auto?
Der Wechsel zum SDV ist die komplexeste Transformation, die die Branche je bewältigen musste. Der Endverbraucher bekommt ein Fahrzeug, das über die Lebenszeit nicht an Wert verliert, sondern gewinnt.
(Bild: Sonatus)
Wenn der Ingenieur aus seinem Fenster schaut, blickt er auf grüne Felder. Irgendwo in den sanften Hügel der Grafschaft Bedfordshire ist das Testfahrzeug unterwegs und sendet laufend Daten auf seinen Monitor.
Diagnosesysteme aber auch Sensoren und Steuergeräte im Fahrzeug liefern dem Entwicklungsingenieur in Echtzeit Daten. Möglich machen das der AI Technician sowie der Collector AI. Beides sind Bausteine der Software-Plattform des US-Unternehmens Sonatus. Die Programme laufen im Nissan Technical Centre Europe (NTCS) in Cranfield rund 80 Kilometer nördlich von London. Die Partnerschaft der beiden Unternehmen soll belegen, dass sich Fahrzeugentwicklung mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) beschleunigen lässt. Selbst bevor ein Prototyp gebaut ist, könnte die Software bereits Ergebnisse aus Fahrsimulationen liefern.
KI hilft SDV
„Die Rolle der KI ist klar: Sie dient als Werkzeug für unsere Ingenieure und ist kein Ersatz. Durch die Zusammenarbeit können wir ein verbessertes Kundenerlebnis schaffen und unsere Wettbewerbsfähigkeit in einem sich schnell entwickelnden Markt aufrechterhalten“, betont David Moss, Senior Vice President Forschung und Entwicklung bei Nissan Europa. Kommende Versionen des Nissan Juke und Leaf fallen damit unter die Gattung der Software-definiertes Fahrzeuge (Software-defined Vehicles, SDV). Das ist der große Paradigmenwechsel in der Automobilindustrie. Nicht mehr einzelne Hardware bestimmt eine Funktion im Auto, sondern Software, die auf möglichst wenigen Hochleistungsrechnern im Fahrzeug läuft. Sie kann Steuergeräte und andere Bauteile miteinander vernetzen, so dass sich über ein Fahrzeugleben neue Funktionen per Over the Air-Update aufgespielt werden.
Software vom Bauteil trennen
Die Konstruktionsweise verändert die Zusammenarbeit zwischen Automobilhersteller und den Tier-1-Zulieferern. Die entwickelten bislang Innovationen. Um nicht unter Margendruck bei der Hardware zu geraten, lieferten sie gleich die Software mit. Doch im SDV darf nicht jedes Steuergerät sein eigenes Programm laufen lassen. Nur ein vernetztes Gesamtsystem ermöglicht Updates über alle Steuergeräte hinweg. Damit können Autobauer eigenentwickelte Funktionen, Programme von Start-ups sowie Funktionen der großen Technologieanbieter wie Google und Amazon, Nvidia und Qualcomm ins Fahrzeug integrieren.
Von der Hardware- zur Software-Logik
Software-Entwicklung ist zeitaufwändig und teuer. Jeder Hersteller entwickelt einen Haustiermodus oder die Bluetooth-Treiber für mobile Geräte selbst. Das erklärt die Gründung der Open-Source-Initiative S-Core. Der VDA hat sie in Kooperation mit der Eclipse Foundation ins Leben gerufen. Im Juni 2025 unterzeichneten elf Unternehmen ein Memorandum of Unterstanding. Anfang 2026 erweiterte sich die Mitgliederzahl auf 32 Unternehmen. Neben Autoherstellern wie BMW, Mercedes-Benz, Volkswagen und Stellantis, ist inzwischen die gesamte Autobranche vertreten. Die Lkw-Hersteller Traton (MAN, Scania, VW Truck & Bus) sowie Coretura (Volvo und Daimler Truck) sind mit dabei. Zulieferer (u.a. Bosch, Continental, Valeo), Software-Unternehmen (u.a. Elektrobit, Red Hat, T-Systems) sowie Technologiekonzerne (u.a. Infineon, LG Electronics, Qualcomm) sind bei S-Core vertreten.
Neuer de-facto Standard
Dabei geht es ausschließlich um nicht differenzierende Funktionen im Wettbewerb der Marken. „S-Core hat das Potenzial, ähnlich wie Linux in der IT, zum de-facto Standard für High Performance Controller im Automotive Bereich zu werden. Open-Source verspricht schnellere Kollaboration, kürzeres Time-to-Market und reduzierte Total Cost of Ownership“, erklärt Dr. Moritz Neukirchner, Senior Director of Strategic Product Management bei Elektrobit. Das Unternehmen aus Erlangen ist 100-prozentige Tochter von Aumovio und ebenfalls Mitglied der S-Core Initiative. Der VDA fasst die Vorteile in Zahlen: Bis zu 40 Prozent weniger Aufwand für Entwicklung, Integration und Wartung der eingesetzten Open-Source-Software. Das bedeute im Idealfall bis zu 30 Prozent schnellere Markteinführung.
Tempo ist ein entscheidendes Kriterium. Der wirtschaftliche Druck aus und in China wächst. Immer neue Marken drängen mit ihren Fahrzeugen auf den deutschen Markt. Bei Modellen von BYD, Zeekr und Xpeng stehen technische Innovation und digitale Angebote im Vordergrund. Die junge, technik-affine Kundschaft honoriert es. Doch der Wechsel zum SDV ist die komplexeste Transformation, die die Branche je bewältigen musste. Es geht nicht nur darum, Software zu schreiben – es geht darum, Jahrzehnte gewachsene Entwicklungsprozesse, Lieferketten und Zertifizierungslogiken umzubauen.
Weltweiter Trend
„Bei S-Core gehen aktuell europäische Firmen voran. Das Interesse der Amerikaner ist jedoch geweckt. Im japanischen Markt gibt es mit der JASPAR Vehicle API eine Initiative, die komplementär zu betrachten ist. Hier sind die Organisationen in regem Austausch, um die Kollaboration zu intensivieren. Niemand in der Industrie hat ein Interesse fragmentierte Ökosystem zu schaffen“, so Neukirchner. Der entscheidende Proof Point stehe aber noch aus: die Verwendung in Serienfahrzeugen. Erst wenn S-Core dort läuft, wird sich zeigen, ob die Open-Source-Strategie ein Erfolg ist. Die Zahl der beitragenden Unternehmen steigt, das Momentum ist da. Die Version 1.0 des Software-Stock soll bis Ende 2026 einsatzbereit sein und in Fahrzeugen integriert werden, die spätestens 2030 ihren Marktstart haben.
Stand: 08.12.2025
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Zusammenarbeit mit China
Während S-Core eine offene Infrastruktur bereitstellt, brauchen OEMs und Zulieferer zusätzlich Partner, die konkrete Produktlösungen liefern. Auch das will Elektrobit leisten. Im Juni 2025 unterzeichnete das Unternehmen ein Joint-Development-Agreement mit der Hon Hai Technology Group, besser bekannt als Foxconn. Gemeinsam entwickeln die beiden Unternehmen EV.OS, eine KI-zentrierte Software-Plattform für Elektrofahrzeuge, die Hardware und Software zu einer skalierbaren Einheit zusammenführt. EV.OS umfasst eine E/E-Referenzarchitektur mit standardisiertem Betriebssystem sowie einer Fahrzeuganwendungsschicht. Die Plattform soll mehrere Steuergeräte unterstützen und Service-orientierte Architekturen über alle Funktionsdomänen hinweg ermöglichen, einschließlich einer semantischen Fahrzeug-API für Drittanbieter-Anwendungen. „Durch die Verbindung von Elektrobits Automotive-Software-Know-how und der Innovationskraft von Foxconn im Bereich Fertigung und Hardware schaffen wir eine skalierbare Plattform, die die Komplexität reduziert, Entwicklungszyklen verkürzt und zukünftige Mobilitätsgeschäftsmodelle unterstützt“, fasst es Maria Anhalt, CEO von Elektrobit zusammen.
Ergänzt wird das Elektrobit-Angebot durch EB Civion, eine Suite für digitale Cockpit-Entwicklung. Die Cloud-native Entwicklungsumgebung ermöglicht schnelles Prototyping von Human Machine Interfaces (HMI) sowie Apps im Infotainmentsystem des Cockpits.
KI-Plattform für den gesamten Fahrzeuglebenszyklus
Auf der anderen Seite des Atlantiks arbeitet Sonatus an einer vergleichbaren Problemstellung. Das 2018 in Sunnyvale, Kalifornien, gegründete Unternehmen konzentriert sich auf KI-gestützte Werkzeuge. Sie analysieren Fahrzeugdaten bereits im Entwicklungsprozess als auch über den Lebenzyklus hinweg. Die Technologie ist nach eigenen Angaben in mehr als sechs Millionen Serienfahrzeugen verbaut.
Die Sonatus Vehicle Platform ist modular aufgebaut und besteht aus den eingangs erwähnten AI Technician, Collector AI sowie vier weiteren Modulen. Sonatus positioniert sich bewusst nicht als Komplettanbieter. Kein einzelnes Unternehmen könne alle Technologien für ein SDV liefern, heißt es aus dem Unternehmen. Stattdessen setzt man auf ein offenes Ökosystem mit Partnern wie AWS, Google Cloud, NXP und Broadcom. Das macht die Plattform grundsätzlich kompatibel mit Open-Source-Initiativen wie S-Core. „Durch intelligentere Datenerfassung und beschleunigte Entwicklungsprozesse lassen sich komplexe Systeme schneller und präziser entwickeln. Nissan demonstriert im NTCE wie zukunftsorientiertes Engineering die Fahrzeugentwicklung revolutioniert“, erläutert Alexandre Corjon, Senior Vice President und Technical Fellow bei Sonatus.
Drei Ebenen einer neuen Industrie-Architektur
„Die eigentliche SDV-Herausforderung liegt nicht mehr in der Frage ob oder wann, sondern wie wir SDVs verfügbar, skalierbar und erschwinglich machen. Angesichts steigender Entwicklungskosten und zunehmender Fahrzeugkomplexität braucht die Branche einen maßgeschneiderten Ansatz“, unterstreicht Maria Anhalt von Elektrobit.
Die SDV-Transformation wird auf drei Ebenen vorangetrieben: Auf der untersten Ebene entsteht mit Open-Source-Projekten eine gemeinsame, nicht differenzierende Infrastruktur. Ähnlich wie Linux in der IT bildet sie die Grundlage. Darüber liegen kommerzielle Plattformen. Ganz oben schließlich arbeiten die OEMs an Funktionen, die im Wettbewerb differenzieren.
(Bild: Sonatus)
S-Core, Elektrobit und Sonatus treiben die SDV-Transformation auf drei Ebenen voran: Auf der untersten Ebene entsteht mit Open-Source-Projekten eine gemeinsame, nicht differenzierende Infrastruktur. Ähnlich wie Linux in der IT bildet sie die Grundlage. Darüber liegen kommerzielle Plattformen wie EV.OS von Elektrobit oder die Sonatus Vehicle Platform. Sie fügen die spezifische Automotive-Expertise hinzu. Ganz oben schließlich arbeiten Automobilhersteller an Funktionen, die im Wettbewerb differenzieren: Fahrerlebnis, Nutzerinteraktion und markenspezifische Features. (se)