Neues Segment Wenn Auto und Roboter verschmelzen: Embodied Intelligence revolutioniert in China die Mobilität

Von Henrik Bork 4 min Lesedauer

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Die Konversion wissenschaftlicher Disziplinen ist einer der Megatrends unserer Zeit. Was einst getrennte Felder waren, verschmilzt zunehmend zu hybriden Innovationen – Biotech trifft auf KI, Medizintechnik auf Quanten-Computing. Jetzt ist die Automobilindustrie dran. Durch die Integration von Robotern und Fahrzeugen entsteht ein völlig neues Segment – das sogenannte “Embodied Intelligence on Wheels“.

Durch die Integration von Robotern und Fahrzeugen entsteht ein völlig neues Segment – das sogenannte “Embodied Intelligence on Wheels“.(Bild:  Great Wall Motors)
Durch die Integration von Robotern und Fahrzeugen entsteht ein völlig neues Segment – das sogenannte “Embodied Intelligence on Wheels“.
(Bild: Great Wall Motors)

Ein spannendes Beispiel dafür kommt jetzt aus China. Hier haben der Automobilhersteller Great Wall Motor (GWM) und Unitree Robotics, Spezialist für vierbeinige Roboter und humanoide Systeme, gerade eine strategische Kooperation vereinbart, um gemeinsam die Schnittstelle von Fahrzeugbau und Robotik zu erforschen. Das Ziel ist eine neue Generation intelligenter Maschinen, die sich autonom bewegen, lernen und dabei mitdenken können. Beide Unternehmen wollen sich in den kommenden Jahren auf drei zentrale Bereiche konzentrieren. Dazu zählen:

  • Grundlagenforschung zur Embodied Intelligence,
  • konkrete Anwendungen im Feld „Fahrzeug plus Roboter“ sowie
  • intelligente Fertigung- und Logistik-Lösungen für Hersteller

Erste Pilotprojekte widmen sich der Heirat von Offroad-Fahrzeugen mit Roboterhunden, etwa für den Transport von Ausrüstungen oder als Assistenz bei Exkursionen für die Forschung oder in der industriellen Wartung. In einer Mitteilung vom 8. April spricht GWM von einer „strategischen Partnerschaft, die technologische Konvergenz real macht und den Transfer von Laborentwicklungen in industrielle Anwendungen beschleunigt“.

Kombinierte Kompetenzen

Unitree bringt bei diesem Projekt seine Expertise in Bewegungssteuerung, Sensorik und Software-Entwicklung ein. GWM wiederum teilt seine Erfahrungen mit intelligenter Fahrsteuerung, vernetzter Fahrzeugarchitektur und großserientauglicher Integration. Bereits auf der CES in Las Vegas im Januar 2025 haben beide Unternehmen ein erstes Konzept präsentiert: Ein SUV, flankiert von einem autonomen Vierbeiner mit Kameras, Greifarm und Navigationsmodul. Beide Systeme kommunizieren in Echtzeit, erkennen Hindernisse, tauschen Sensordaten aus. Aus diesem Show-Case soll nun bald Realität werden.

Nachfrage ist vorhanden

Nach Einschätzung chinesischer Analysten könnte der Markt für Auto plus Roboter allein in China binnen fünf Jahren ein Volumen von mehreren hundert Milliarden Yuan erreichen, was mehrerer Millionen Euro entspricht, etwa für Spezialfahrzeuge der Feuerwehr, Bergung, Grenzpatrouillen oder auch als mobile Agrartechnik.

Die GWM-Unitree-Allianz steht exemplarisch für einen schnell wachsenden Trend. Immer mehr Autobauer kooperieren mit Hightech-Firmen, um jenseits der klassischen Mobilität neue Geschäftsfelder zu erschließen. Gleichzeitig entdecken High-Tech-Konzerne zunehmend die Autoindustrie. So wird beispielsweise Huawei, der chinesische Telekom-Ausrüster, zum Zulieferer der Autoindustrie mit autonomer Fahrzeug-Software, mit Cockpit-Steuerung und Fahrassistenzsystemen. Horizon Robotics wiederum kooperiert mit Volkswagen in der Entwicklung fahrzeugintegrierter KI-Systeme. Oder aber Tesla – der kalifornische Stromerhersteller treibt mit dem humanoiden Roboter Optimus seine Vision eines robotischen Ökosystems voran, in dem Auto und Roboter dasselbe neuronale Netzwerk nutzen.

Die Konversion ist auch außerhalb der Autoindustrie zu sehen. In der Biotechnologie etwa beschleunigt künstliche Intelligenz die Suche nach neuen Wirkstoffen. Unternehmen wie Insilico Medicine und BioNTech setzen auf KI-basierte Plattformen zur Molekülanalyse. Im Pharma-Sektor hilft generative KI nicht nur bei der Entdeckung von neuen Medikamenten, sondern auch bei der Simulation von klinischen Tests und durch die Beschleunigung der Herstellung von Medikamenten. Im Maschinenbau entstehen durch die Kombination von Sensorik, Edge Computing und maschinellem Lernen derzeit ebenfalls neue, immer autonomere Produktionsprozesse.

Embodied Intelligence wird Teil des Fünfjahresplans

Die chinesische Regierung will das Potenzial der Embodied Intelligence nutzen und hat das Thema gerade in ihren nationalen Fünfjahresplan aufgenommen. „Unsere Fahrzeuge sollen zukünftig wie Lebewesen agieren – mit kluger Wahrnehmung, präziser Motorik und eigenen Entscheidungen,” zitierte die Autozeitung Qiche Shangye Pinglun den Automanager You Zheng von Dongfeng, als er auf die Pläne der Regierung angesprochen wurde.

Egal ob für neue Produkte oder für deren Herstellung, die Konversion zwischen Mechanik, KI und Robotik, insbesondere das für die Embodied Intelligence typische Zusammenspiel aus Sensorik, Motorik und Rechenpower für flexible, der Situation angepasste Steuerungen verändert gerade die gesamte Industrie.

Chinesische Unternehmen stürzen sich mit großem Enthusiasmus auf diese neue Welle der Disruption. BYD nutzt in seinen Werkhallen schon AGVs, also fahrerlose Transporter, sowie Roboter-Arme zur vollautomatisierten Montage von Batterien. Xiaomi integriert Robotik in seine Smart-Home-Produkte. Und beim Autobauer GAC heisst es: „Unsere Robotik-Systeme profitieren direkt von der Lieferkette unserer Elektrofahrzeuge – Chips, Sensoren und Software werden standardisiert mitentwickelt.“

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Wo geht die Reise hin?

Natürlich ist noch nicht klar, welche Anwendungen sich langfristig durchsetzen werden. Auch in der „Verkörperten KI“ gibt es noch Reibungsverluste wie fehlende Standards, teure Sensorik, hoher Datenhunger. Doch das Tempo der technischen Iteration ist hoch, und die Entwicklung ist unaufhaltsam. Einem Bericht von Virtue Market Research zufolge wird das globale Marktvolumen von Embodied AI bis 2030 auf 9,4 Milliarden US-Dollar geschätzt, was einem jährlichen Zuwachs von mehr als 15 Prozent entspricht.

Für die Automobilindustrie ergibt sich daraus eine doppelte Chance. Sie kann nicht nur ihre eigenen Produkte smarter machen – sondern sich auch als Enabler intelligenter Systeme in ganz anderen Branchen positionieren. Ob Roboter-gestützte Feuerwehrfahrzeuge, autonome Lagerlogistik oder fahrende Reparaturhubs – die Zukunft ist beweglich, lernfähig und vernetzt. (se)

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