Kommentar Warum rennen wir immer wieder gegen dieselbe Wand?

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 3 min Lesedauer

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Varta, Northvolt, CustomCells. Die Liste der Batterie-Insolvenzen ist lang. Und trotzdem: Europa investiert erneut in Batteriezellfertigung. Wieder mit großen Worten, wieder mit öffentlichen Geldern, wieder mit dem Versprechen von technologischer Souveränität.

Eine leere Fabrik als Symbolbild für die nächste gescheiterte Batteriefabrik.(Bild:  frei lizenziert / Pexels)
Eine leere Fabrik als Symbolbild für die nächste gescheiterte Batteriefabrik.
(Bild: frei lizenziert / Pexels)

Northvolt zieht sich zurück, Projekte werden eingefroren. Varta kämpft ums Überleben. Andere Zellfabriken sind gescheitert, bevor sie überhaupt nennenswert produziert haben. Die Ursachen sind bekannt: hohe Energiekosten, fehlende Skalierung, massive asiatische Konkurrenz, Jahrzehnte an Rückstand. Nichts davon ist neu. Trotzdem wird weiter investiert, als ließe sich ein strukturelles Problem mit noch mehr Geld lösen.

Europa versucht, ein industrielles Modell zu kopieren, das unter völlig anderen Bedingungen entstanden ist. In Asien treffen staatliche Industriepolitik, günstige Energie, kontrollierte Rohstoffketten und extreme Skaleneffekte aufeinander. Europa bringt davon kaum etwas mit, außer Förderprogrammen und Hoffnung.

Natürlich lässt sich argumentieren, es gehe nicht um Gewinn, sondern um Know-how, Resilienz und strategische Absicherung. Doch diese Argumentation wird unglaubwürdig, wenn parallel immer wieder die Illusion genährt wird, man könne in absehbarer Zeit wettbewerbsfähige Massenproduktion aufbauen. Das ist kein Realismus, das ist Wunschdenken.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Braucht Europa Batterietechnologie? Sondern: Warum klammert man sich ausgerechnet an die Zellfertigung als Symbol, obwohl sie der teuerste und riskanteste Teil der Wertschöpfung ist?

Europa ist stark im Maschinenbau, in Prozessqualität, in Automatisierung, in Spezialchemie, im Recycling, in Normierung und Systemintegration. Genau dort lägen realistische Hebel. Stattdessen wird immer wieder versucht, den Endpunkt der Kette zu besetzen. Dort, wo der Preisdruck am höchsten und der Spielraum am geringsten ist. So auch in Münster. Dort weihte Dorothee Bär der ersten Bauabschnitt der Forschungsfabrik „FFB PreFab“ ein. Dort wurde eine „durchgängige Prozesskette mit ausschließlich europäischer Anlagentechnik umgesetzt“. Natürlich klingt das gut. Doch wenn der Strom für die Produktion nicht günstig ist und die Rohstoffe weiterhin aus China kommen, dann ist es fraglich, ob es jemals eine europäische Fabrik geben wird, die dem Preiskampf standhält.

Ein weiterer Punkt wird dabei oft ausgeblendet. Der systematische Preisverfall durch staatliche Subventionen in China. Dort wird Batteriezellfertigung nicht primär als betriebswirtschaftliches Projekt verstanden, sondern als industriepolitisches Instrument. Niedrige Energiepreise, direkte und indirekte Subventionen, staatlich gesteuerte Kreditvergabe und kontrollierte Lieferketten sorgen dafür, dass Preise möglich sind, mit denen marktwirtschaftlich arbeitende europäische Unternehmen nicht konkurrieren können.

Das Ergebnis ist vorhersehbar. Eine eigenständige europäische Produktion wird strukturell zu teuer, unabhängig davon, wie effizient sie organisiert ist. Scheitern ist in diesem Umfeld kein Zeichen schlechter Umsetzung, sondern fast zwangsläufige Folge falscher Rahmenbedingungen.

Genau darin liegt jedoch das eigentliche Risiko. Denn kurzfristig günstige Preise können langfristig in eine Abhängigkeit bis hin zu einem Monopol führen. Sollte sich die globale Batterieversorgung auf wenige asiatische Anbieter konzentrieren, gerät nicht nur die Zellproduktion unter Druck, sondern die gesamte europäische Automobilindustrie. Preisgestaltung, Lieferfähigkeit und technologische Weiterentwicklung würden dann außerhalb Europas entschieden. Mit direkten Folgen für Wertschöpfung, Beschäftigung und Innovationsfähigkeit.

Das eigentliche Paradoxon

Paradoxerweise führt diese Erkenntnis zurück zum Ausgangspunkt. Ja, Europa braucht im Prinzip eigene Batterietechnologie und Produktionskompetenz. Aber nicht unter den aktuellen Bedingungen. Nicht mit Energiepreisen, die international nicht konkurrenzfähig sind. Nicht mit regulatorischen Hürden, die industrielle Skalierung bremsen. Und vor allem nicht mit einer Technologie, die womöglich bereits ihren Zenit überschritten hat.

Denn während Europa versucht, Lithium-Ionen-Zellfertigung aufzuholen, gehen andernorts bereits erste Feststoffbatterien in die Serienproduktion. Wer heute Milliarden in klassische Zelltechnologie investiert, riskiert, morgen eine hochsubventionierte Infrastruktur für ein Übergangsprodukt zu betreiben.

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Das Problem ist also nicht der Wille zur technologischen Souveränität, sondern der fehlende Mut zur strategischen Ehrlichkeit. Solange Europa versucht, ein überholtes Modell unter ungünstigen Bedingungen zu reproduzieren, wird jede neue Fabrik als Hoffnung gestartet und als Enttäuschung enden.

Vielleicht wäre es an der Zeit, nicht nur zu fragen, ob wir Batterien selbst bauen wollen, sondern welche Rolle Europa in der nächsten Batteriegeneration überhaupt realistisch spielen kann.

Am Ende wirkt es, als würde man nicht aus den eigenen Fehlschlägen lernen, sondern sie institutionalisieren. Jedes neue Projekt wird zum „Neuanfang“, jede gescheiterte Fabrik zum bedauerlichen Einzelfall. Dabei ist das Muster längst erkennbar.

Vielleicht wäre der ehrlichste Schritt, sich einzugestehen, dass nicht jede Schlüsseltechnologie vollständig im eigenen Haus produziert werden muss. Aber jede sollte verstanden werden. Solange Europa diese beiden Dinge verwechselt, wird es weiter investieren und weiter gegen dieselbe Wand laufen. (mr)

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