Kommentar W18 statt Wandel: Die Autoindustrie verliert den Anschluss an die Zukunft

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 2 min Lesedauer

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Die Energiewende ist technisch möglich, aber mental noch nicht angekommen. Statt Speicher, Effizienz und E-Mobilität erleben wir ein Revival des Verbrenners. Zeit, dass die Industrie begreift: Fortschritt misst sich nicht an Zylindern, sondern an Verantwortung.

Elektroautos sind ein Schlüssel zur erfolgreichen Energiewende.(Bild:  frei lizenziert / Pexels)
Elektroautos sind ein Schlüssel zur erfolgreichen Energiewende.
(Bild: frei lizenziert / Pexels)

Gestern sprach ich mit einem Redakteur eines Fachmagazins für Fahrzeuge und meinem Kollegen der ELEKTRONIKPRAXIS über die Frage, ob es in Zukunft überhaupt noch Oldtimer geben wird. Batterien und Elektrolyt-Kondensatoren sind alles andere als langlebig, und auch die zunehmende Softwareabhängigkeit sowie der immer sparsamere Materialeinsatz könnten verhindern, dass Fahrzeuge in 30 Jahren noch fahrbereit sind. Hinzu kommen Assistenzsysteme, Bauteilabkündigungen und herstellerspezifische Service-Modelle, die eine langfristige Nutzung zusätzlich erschweren. Die automobile Zukunft scheint auf kurzlebige Technik ausgelegt zu sein. Oldtimer ade.

Gleichzeitig setzen Hersteller wie Porsche weiterhin auf klassische Verbrennertechnologien. Aktuell sorgt die Nachricht über ein neues Patent für Aufsehen: ein W18-Motor mit drei Turboladern. Eine beeindruckende technische Konstruktion. Aber auch ein Symbol für ein Denken, das an den Herausforderungen der Zeit vorbeigeht. Ebenso verkündet Stellantis den nächsten großen V8-Motor mit 1.000 PS. Solche Entwicklungen wirken wie Relikte einer Ära, in der Effizienz und Nachhaltigkeit nur am Rande eine Rolle spielten.

Dabei zeigte sich auf unserem Entwicklerkongress Power of Electronics deutlich: Die Energiewende ist möglich und die Elektromobilität kann ein zentraler Baustein dafür sein. Fahrzeuge können künftig als dezentrale Energiespeicher fungieren und so aktiv zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen. Das erfordert allerdings neue Fahrzeugkonzepte, robuste Leistungselektronik, und eine konsequente Fokussierung auf Speichertechnologien.

Die entscheidende Frage lautet daher: Warum investieren Unternehmen weiterhin erhebliche Ressourcen in Antriebskonzepte, die langfristig keine Zukunft haben? Wenn sowohl klassische Verbrenner als auch hochkomplexe, softwarezentrierte Elektrofahrzeuge in puncto Langlebigkeit vor Herausforderungen stehen, wäre es umso wichtiger, den Fokus auf Effizienz, Nachhaltigkeit und Reparierbarkeit zu legen, nicht auf maximale Motorleistung.

Appell an die Industrie

Die Energiewende darf nicht ausgebremst werden. Statt neue Verbrenner zu konstruieren, sollten Kapazitäten in Speicherentwicklung, Ladeinfrastruktur und langlebige, robuste E-Fahrzeuge fließen. Weniger fahrendes Smartphone, mehr langlebige Technik. Das wäre ein Fortschritt im Sinne von Nachhaltigkeit und Ingenieurskunst. Die Verlängerung der Verbrenner-Ära ist keine technische, sondern eine mentale Blockade.

Ein Blick in andere Branchen zeigt, dass es auch anders geht. Das Fairphone beweist im Bereich der Elektronik, dass Nachhaltigkeit, Reparierbarkeit und Transparenz kein Widerspruch zu technologischem Fortschritt sein müssen. Ein modularer Aufbau, verfügbare Ersatzteile und langfristige Softwareunterstützung verlängern die Lebensdauer des Produkts erheblich und schaffen Vertrauen bei den Nutzern. Übertragen auf die Automobilindustrie würde das bedeuten: Offene Schnittstellen, austauschbare Module, einheitliche Standards für Batterien und Leistungselektronik sowie eine klare Verpflichtung zur Update- und Ersatzteilversorgung. Ein „Faircar“-Prinzip könnte den Weg weisen. Weniger Fokus auf kurzfristige Innovation, mehr auf Beständigkeit, Ressourceneffizienz und Werterhalt. (mr)

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