Künstliche Intelligenz und autonomes Fahren Teslas Cybercab mobilisiert chinesische Konkurrenz

Von Hendrk Bork * 4 min Lesedauer

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Während Elon Musk sein Cybercab in Hollywood präsentiert, wollen seine Konkurrenten in China nicht still danebenstehen. Baidu, das eine der größten Robotaxi-Flotten in China betreibt, kündigte 24 Stunden vor der Tesla-Show in Hollywood an, erstmals außerhalb Chinas zu expandieren.

Ist Tesla eine Nasenlänge voraus: Just als Musk sein Cybercab in Hollywood vorstellte, kündigte Baidu an, erstmals außerhalb Chinas zu expandieren.(Bild:  Baidu)
Ist Tesla eine Nasenlänge voraus: Just als Musk sein Cybercab in Hollywood vorstellte, kündigte Baidu an, erstmals außerhalb Chinas zu expandieren.
(Bild: Baidu)

Mit der Ankündigung von Baidu hat das internationale Wettrennen um den globalen Markt für Robotaxis begonnen – noch bevor Tesla daheim auch nur die Lizenzen für die Produktion seines Cybercabs bekommen hat. Baidu, oftmals als chinesisches Google bezeichnet, betreibt nicht nur die dominante Internet-Suchmaschine des Landes, sondern positioniert sich auch als Technologie-Unternehmen für künstliche Intelligenz und autonomes Fahren. Seit 2013 entwickeln die Chinesen Technologie für das autonome Fahren und investieren dafür große Summen.

Bereits ohne menschliche Sicherheitsfahrer

Mehr als 400 Robotaxis der Marke Apollo Go von Baidu sind bereits in der chinesischen Millionenstadt Wuhan im Einsatz. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre ist das Unternehmen in insgesamt zehn chinesische Großstädte expandiert, unter anderem nach Peking und Shenzhen. Dort und in Wuhan dürfen einige der Robotaxis von Apollo Go auch schon völlig ohne menschliche Sicherheitsfahrer unterwegs sein.

Nun bereite sich Baidu darauf vor, seinen Robotaxi-Service auch in Hongkong, Singapur und im Mittleren Osten anzubieten, berichtete Nikkei Asia unter Berufung auf einen Unternehmenssprecher. Das Timing dieser Baidu-Ankündigungen Stunden vor der Tesla-Show war sicherlich kein Zufall, sondern gezielte Eigenwerbung. Baidu habe „Diskussionen mit ausländischen Autoherstellern, Ride-Sharing-Plattformen und anderen Tech-Unternehmen begonnen, um Apollo Go durch lokale Partnerschaften ausserhalb Chinas einzuführen“, schreibt Nikkei Asia. „Das Rennen um die Kommerzialisierung von autonom fahrenden Fahrzeugen hat begonnen,“ verkündet die japanische Wirtschaftszeitung.

China bei Realtests im Straßenverkehr voraus

Technologisch, insbesondere in der frühen Forschung und Entwicklung von autonomen Fahrlösungen, sind die USA weltweit führend. Der vorgestellte Prototype des Cybercabs von Tesla hat diese Woche auch in China viele bewundernde Kommentare in der Fachpresse und bei Autoexperten ausgelöst. Doch was Pilotprojekte und das reale Testen im Straßenverkehr betrifft, sind die Chinesen momentan eine Nasenlänge voraus. Baidu will seine eigene Flotte allein in Wuhan bis zum Ende dieses Jahres auf 1.000 autonom fahrende Taxis des Typs Apollo Go erweitern.

Die dortige Stadtregierung hilft der dort angesiedelten Autoindustrie bei der Transformation und ist neuerdings bemüht, sich als Hotspot für die neue Technologie des autonomen Fahrens zu etablieren und bezeichnet sich selbst als „die größte Service-Region für den Betrieb autonomer Fahrdienste in der Welt“. Auch die Pekinger Zentralregierung fördert die neue Technologie. Sie hat Statistiken der nationalen Polizeibehörde zufolge schon mehr als 16.000 Testlizenzen für Robotaxis erteilt, mehr als jedes andere Land der Erde.

Täglich Daten sammeln

Auf 32.000 Straßenkilometern in der Volksrepublik sind schon autonom fahrende Taxen verschiedener Anbieter unterwegs. Sie sammeln dabei täglich neue Daten, die bei der Optimierung der Algorithmen helfen – und die Fahrdienste damit sicherer und so für den kommerziellen Einsatz immer attraktiver machen. Auch die chinesischen Baidu-Konkurrenten in diesem Feld, allen voran das von Toyota unterstützte Pony.ai und das Startup WeRide testen in China bereits täglich im großen Stil. In den USA haben führende Tesla-Konkurrenten wie Waymo und Cruise ebenfalls mit Pilotprojekten in großen Städten begonnen, unter anderem in San Francisco und Los Angeles, doch das Beförderungsvolumen von Fahrgästen ist insgesamt noch viel kleiner als in China.

Expansion außerhalb Chinas

Apollo Go von Baidu konnte allein im zweiten Quartal dieses Jahres 899.000 Fahrgäste mit seinen Robotaxis befördern. Die Gesamtzahl aller bei Testfahrten und kommerziell bereit gestellten Fahrten in den autonom fahrenden Taxis von Baidu betrug bis Ende Juli insgesamt schon mehr als sieben Millionen – auch wenn meist noch ein menschlicher Aufpasser auf dem Beifahrersitz saß. Und nicht nur Baidu, auch Pony.ai und WeRide sind schon dabei, außerhalb Chinas zu expandieren. Pony.ai hat im Juli eine Absichtserklärung mit dem Taxi-Unternehmen ComfortDelGro in Singapur unterzeichnet. Die Auslieferung der ersten Fahrzeuge soll bald erfolgen. Auch in Südkorea, Luxemburg, Saudi Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten laufen schon Verhandlungen zwischen Pony.ai und lokalen Partnern. WeRide hat im September eine strategische Partnerschaft mit Uber vereinbart. Gemeinsam will man autonom fahrende Robotaxis in internationalen Märkten auf die Straße bringen, angefangen in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

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Standortvorteile

Sowohl was die Kommerzialisierung als auch den Export ihrer Technologien angeht, haben die chinesischen Tesla-Konkurrenten momentan bereits die Nase vorn. Während Elon Musk gekonnte Presse-Events inszeniert, aber erst noch um seine Behördenzulassungen kämpfen muss, sammeln Baidu, Pony.ai oder WeRide in China täglich neue Kilometer und Daten. „Obwohl die USA einen Vorteil als First Mover haben, was R&D betrifft, bieten die einzigartigen Vorteile des chinesischen Marktes für heimische Unternehmen wie Apollo Go viele Möglichkeiten zum Aufholen“, heißt es dazu in einer Analyse des chinesischen E-Commerce-Portals Dianshang Bao. Zu diesen besonderen Standortvorteilen in China zählen neben der schon erwähnten Unterstützung durch die Regierung und der Technologie-Begeisterung vieler Chinesen vor allem die Größe des Heimatmarktes, die schnell die Preise für Robotaxis sinken lässt.

Die sechste Generation der Robotaxis von Baidu, seit dem Mai dieses Jahres im Einsatz kostet inzwischen weniger als 200.000 Yuan, was weniger als 26.000 Euro entspricht. Das sind 60 Prozent weniger als die Generation davor. Elon Musk hat angekündigt, seinen Prototypen Cybercab, sobald er denn die Genehmigungen für die Produktion erhalten hat, für weniger als 30.000 US-Dollar anbieten zu wollen. Wie er das schaffen will, hat er noch nicht verraten. Die Chinesen aber machen es schon vor.  (se)

* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

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