Fahrbericht Temporeiches E-Motorrad mit Spaßfaktor

Quelle: sp-x 4 min Lesedauer

1.000 Newtonmeter sind selbst für Sportwagen eine extreme Ansage. Doch in diesem Fall schlummert die gewaltige Kraft in einem Motorrad. Zur Probefahrt wurde deshalb das Drehmoment halbiert.

Akustisch dezent, optisch allerdings sehr auffällig: das finnische Elektromotorrad „Verge TS Pro“.(Bild:  Verge)
Akustisch dezent, optisch allerdings sehr auffällig: das finnische Elektromotorrad „Verge TS Pro“.
(Bild: Verge)

„Zen-Modus“ – mehr wird uns heute nicht gestattet. „Wir haben diesen Fahrmodus fest programmiert. Zur Sicherheit“, sagt Hugo Stillmann, beim Motorradhersteller Verge als Veranstaltungsleiter tätig. Er befindet sich gerade mit einem kleinen Trupp auf Deutschlandtour und macht Halt in Bremen.

Der Durchzug des Modells ist selbst im sogenannten Zen-Modus angsteinflößend.(Bild:  Verge)
Der Durchzug des Modells ist selbst im sogenannten Zen-Modus angsteinflößend.
(Bild: Verge)

Die vollen 1.000 Newtonmeter Drehmoment seien selbst für erfahrene Motorradfahrer eine Herausforderung, so der Finne. Deshalb wird für unsere Probefahrt auf „moderate“ 500 bis 600 Newtonmeter gedrosselt. Doch selbst dann bietet das Elektromotorrad „TS Pro“ einen äußerst respekteinflößenden Antritt, an den man sich mit einem gewissen Respekt herantastet.

Motor versteckt sich am Felgenkranz

Verge Motorcycles? Der 2018 gegründete Hersteller hat sich in der Zweiradszene als einer von mittlerweile vielen Elektro-Newcomern einen Namen gemacht. Das Start-up setzt mehr als andere auf extreme Leistung und Optik und außerdem auf eine technisch außergewöhnliche Antriebslösung.

Der im Hinterrad integrierte Motor steckt nicht in der Radmitte, sondern schmiegt sich an den inneren Felgenkranz. Wie auch die hintere 380er-Scheibenbremse und die Hinterradführung. Der Clou: Im Seitenprofil klafft mittig im Hinterrad ein riesiges Loch, durch das ein Kind seinen Kopf stecken könnte.

Und das soll fahren? Die Konstruktion sieht jedenfalls solide aus, der 240er-Reifen verspricht ordentlich Traktion. Drei zwischen Felgenmotor und dem zentralen Batterieblock verlegte daumendicke Stromkabel in orangefarbener Ummantelung künden zudem von potenter Hochvolttechnik.

Im Fall der von uns getesteten TS Pro heißt das in nackten Zahlen: 102 kW/139 PS und besagte 1.000 Newtonmeter Drehmoment. Außerdem wichtig: Eine 20,2 kWh große Batterie, die unter idealen Bedingungen 350 Kilometer weit tragen soll.

Vier Fahrmodi stehen zur Auswahl

Was bei der Verge TS außerdem auffällt, ist ein Spiel mit XL- und XS-Dimensionen. Neben dem Hinterreifen wirkt auch der Akkukasten übermächtig. Wer hingegen die Blinker finden will, braucht fast eine Lupe. Laut Jarma Paabo, bei Verge für die Geschäftsentwicklung verantwortlich, haben die Mikroleuchten eine Straßenzulassung.

Auch das kantig-aggressive Styling, der lange Radstand, das kurze Heckbürzel machen die TS zum Eyecatcher. Bei der Präsentation des E-Motorrads vor einem Einkaufszentrum bleiben einige der zahlreichen Passanten stehen. Einer sagt schlicht, aber passend: „Bombe!“.

Er darf nur schauen, wir auch fahren. Aber nur Zen. Über den großen, in der Tankattrappe eingelassenen 8-Zoll-Touchscreen könnte man auch die Modi „Range“, „Custom“ oder „Beast“ anwählen, wäre der Zugriff auf diese nicht blockiert. Nach wenigen Metern wird klar: Zen, laut Verge für sanftes und entspanntes Fahren ausgelegt, reicht völlig. Bereits jetzt ist der Antritt mehr als respekteinflößend, fast schon brutal. Wenn man denn will.

Sprint auf Tempo 100 in 3,5 Sekunden

Geräusch- und ansatzlos prescht die TS Pro bei bereits verhaltenem Gasgriffdreh voran. Vollgas trauen wir uns nicht, obwohl die Regelelektronik ein Durchdrehen des Hinterreifens und Wheelies zu verhindern weiß. Und egal aus welcher Situation heraus man beschleunigt: Der Tempozuwachs wirkt jedes Mal sprunghaft. Und mühelos, obwohl zusammen mit Fahrer deutlich über 300 Kilogramm bewegt werden müssen.

Im Fall der TS Pro soll der Sprint auf 100 km/h lediglich 3,5 Sekunden dauern. Auch weil keine Gangwechsel nötig sind, haben wir das Gefühl: Die ist schneller unterwegs. Maximal sind 200 km/h möglich, bei Regen auf der Autobahn geben wir uns allerdings mit 160 zufrieden.

Dank des breiten Lenkers und einer leicht nach vorne gebeugten Haltung hängt man mit breiter Brust voll im Fahrtwind, was auch ein wenig Unruhe in die Lenkung bringt. Zusammen mit einer auf Unebenheiten etwas unwirsch reagierenden Federung vermittelt das Fahrwerk des Streetfighter-Stromers einen leicht unharmonischen Eindruck. Trotz Brutalo-Aura gibt sie sich angenehm handlich und schräglagenwillig.

Ab 33.000 Euro erhältlich

Mindestens so wichtig wie das „wie-schnell“ ist bei E-Motorrädern das „wie-weit“. Die 350 Datenblatt-Kilometer sind möglich, wenn man vornehmlich im urbanen Umfeld fährt. Kommen noch Landstraßenetappen hinzu, reicht der Stromvorrat laut Hugo Stillmann für rund 200 Kilometer.

Schöpft man, wie in unserem Fall, das Beschleunigungspotenzial stärker aus, sind es wohl noch weniger. Als Reisemotorrad empfiehlt sich die Verge ohnehin nicht. Eher als Statement mit Spaßfaktor. Der Tagesausflug darf natürlich auch etwas weiter gehen, denn die Schnellladetechnik der TS Pro erlaubt ein Auffüllen der Batterie von 0 auf 80 Prozent in etwas über 30 Minuten.

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Apropos kurzweilig: Die Elektro-Start-up-Szene zeichnet sich seit Jahren durch ein Kommen und Gehen aus. Verge scheint indes angetreten zu sein, um zu bleiben. Laut Jarmo Paabo sind bereits rund 300 Motorräder des Herstellers in Europa unterwegs. Bald werden auch einige in Deutschland hinzukommen.

Denn mittlerweile wird die bislang einzige Baureihe der Finnen hierzulande in den drei Varianten als TS, TS Pro und als 150 kW/204 PS starke TS Ultra für 33.000, 39.000 beziehungsweise über 54.000 Euro vertrieben. Angesichts der Preise und einer spitzen Auslegung wird die TS ein Exot bleiben. Doch Verge hat noch einiges vor. Anfang 2024 wollen die Finnen auf der CES bereits ihre nächste Neuheit vorstellen.

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