Bahntechnik Siemens stellt Desiro HC für Ägypten vor

Von Richard Oed * 4 min Lesedauer

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Vor wenigen Jahren erhielt Siemens Mobility aus Ägypten einen Großauftrag über den Bau von 2000 km Hochgeschwindigkeitsstrecke und über die Lieferung von insgesamt 131 Triebzügen und Lokomotiven. Die ersten Fahrzeuge sind jetzt fertig.

94 wüstenfeste Triebzüge des Typs Desiro HC hat Ägypten für sein neues Hochgeschwindigkeitsnetz bestellt. (Bild:  Richard Oed)
94 wüstenfeste Triebzüge des Typs Desiro HC hat Ägypten für sein neues Hochgeschwindigkeitsnetz bestellt.
(Bild: Richard Oed)

Im September 2021 und im Mai 2022 haben Siemens Mobility und die ägyptische National Authority for Tunnels (NAT), die dem dortigen Verkehrsministerium untersteht, zwei Verträge über ein schlüsselfertiges Hochgeschwindigkeits-Bahnsystem unterzeichnet. Diese Abkommen sehen den Bau dreier Strecken inklusive der Lieferung von 41 achtteiligen und 230 km/h schnellen Velaro-Hochgeschwindigkeitszügen, von 94 vierteiligen Triebwagen vom Typ Desiro High Capacity (HC) für den Regionalverkehr und von 41 Vectron-Lokomotiven für den Güterverkehr vor. Siemens Mobility beziffert den Gesamtwert dieses Auftrags auf rund 8,1 Milliarden Euro.

Anfang Mai stellte Siemens nun der europäischen Presse in seinem Prüf- und Validationcenter Wegberg-Wildenrath den Nahverkehrszug als erste fertiggestellte Type vor. Das Fahrzeugkonzept basiert auf der hauseigenen Plattform Desiro HC, deren Züge beispielsweise im Augsburger Netz von Arverio (vormals Go Ahead), im Elbe-Spree-Netz der ODEG, beim RRX oder auch in Israel im Einsatz sind. Diese Einzelwagenzüge bestehen dabei aus zwei einstöckigen angetriebenen Endwagen – und, je nach Kundenwunsch, zwei bis vier doppelstöckigen antriebslosen Mittelwagen. Die Großkomponenten der elektrischen Ausrüstung sind vollständig auf den Dächern der Endwagen untergebracht, was eine größere Nutzfläche im Innenraum bedeutet. Sowohl bei den End- als auch bei den Mittelwagen wurde Wert auf die Barrierefreiheit gelegt. So verfügen die Endwagen über stufen- und rampenfreie Einstiege und bei den Doppelstock-Mittelwagen ist ein barrierefreier Zugang zum Niederflurbereich möglich. Die Auffangräume (Drängelräume) bei den Einstiegen sind mit 6 m² großzügig bemessen.

Der Oberstock der Mittelwagen ist hell und freundlich. (Bild:  Richard Oed)
Der Oberstock der Mittelwagen ist hell und freundlich.
(Bild: Richard Oed)

Der größte Unterschied zu den deutschen Varianten des Desiro HC ist die Wüstenfestigkeit. Das bedeutet, dass die Fahrzeuge vor Sand, Staub und den in Ägypten herrschenden hohen Temperaturen geschützt sind. Zudem verfügen die „Wüsten-Desiros“ über eine größere Leistung von 4800 kW anstatt der 4000 kW der in Deutschland eingesetzten Züge. Ihre Höchstgeschwindigkeit beträgt 160 km/h und sie sind bei einer Länge von 105,25 m knappe 200 t schwer. Sie bieten bei einer Gesamtkapazität von 849 Fahrgästen 389 Sitzplätze. Lackiert sind die Triebzüge weiß mit schwarzen und roten Zierlinien, den Nationalfarben von Ägypten. Das Innenraum-Design des ägyptischen Desiros ähnelt auf Wunsch des Kunden dem Design der Deutschen Bahn. Deutsche Touristen werden sich also wie zu Hause fühlen.

Vom Zwischenstock aus ist der Unterstock barrierefrei zu erreichen, der Oberstock über eine Treppe. (Bild:  Richard Oed)
Vom Zwischenstock aus ist der Unterstock barrierefrei zu erreichen, der Oberstock über eine Treppe.
(Bild: Richard Oed)

Erste Linie verbindet Mittel- und Rotes Meer

In Ägypten sollen diese Züge auf bevorzugt der sogenannten „Grünen Linie“ zum Einsatz kommen. Diese ist die erste der drei bei Siemens und seinen lokalen Partnern Orascom Construction und The Arab Contractors beauftragten Strecken. Für diese übernimmt das Konsortium Konstruktion, Bau und Inbetriebnahme der Bahnlinie sowie für 15 Jahre die Wartungsservices. Die 660 km lange Trasse verbindet über die „Neue Hauptstadt“ die Hafenstädte Ain Sukhna am Roten Meer mit Alexandria und Mersa Matruh am Mittelmeer. Dafür bauen die Konsortialpartner nicht nur die zweigleisige Strecke, sondern auch 21 Bahnhöfe und rund 58 Brücken und Unterführungen. Zusätzlich installiert Siemens dort das europäische Zugbeeinflussungssystem ETCS (European Train Control System) Level 2 und ein computerbasiertes Signalsystem. Zudem liefert Siemens das Bahnstromsystem und die Kommunikations- und Sicherheitssysteme. Mit dem Betrieb der Linie beauftragte die NAT im November 2022 zunächst für 15 Jahre die Deutsche Bahn International Operations (DB IO), zusammen mit Elsewedy Electric.

Der Oberstock der Mittelwagen ist hell und freundlich.(Bild:  Richard Oed)
Der Oberstock der Mittelwagen ist hell und freundlich.
(Bild: Richard Oed)

Die ersten Strecken sind im Bau

Die zweite Strecke ist die 1.100 km lange „Blaue Linie“, die von October Gardens in der Nähe von Kairo über Qena, Luxor und Aswan nach Abu Simbel führt. Sie verknüpft Kairo mit den Wirtschaftszentren im Süden und verläuft meist entlang des Nils. Eher touristisch-orientiert ist die dritte Bahnlinie, die auf 225 km das Weltkulturerbe Luxor mit Hurghade und Safage am Roten Meer verbindet. Zusätzlich dient sie in den Nachtstunden dem Güterverkehr zwischen dem Hafen von Sagada und dem Landesinneren. Für die drei Linien baut Siemens Mobility mit seinen Partnern neben den Trassen insgesamt acht Betriebs- und Güterbahnhöfe und 60 Stationen. Nach Fertigstellung verfügt Ägypten über das sechstgrößte Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt.

Das geplante Hochgeschwindigkeitsnetz in Ägypten umfasst 200 Kilometer auf drei Linien.(Bild:  Deutsche Bahn)
Das geplante Hochgeschwindigkeitsnetz in Ägypten umfasst 200 Kilometer auf drei Linien.
(Bild: Deutsche Bahn)

Laut Siemens sind derzeit die Grüne und die Blaue Line im Bau, wobei die Grüne Linie am weitesten fortgeschritten ist. Dort sind inzwischen die ersten beiden Transformatorstationen zur Versorgung des Bahnnetzes mit 25 kV / 50 Hz aus dem öffentlichen Stromnetz installiert und im Raum Kairo liegen schon Gleise. Die größte Herausforderung sei der Bau von drei Brücken über den Nil. Zwei davon befinden sich auf der Blauen und eine auf der Grünen Linie.

Mittlerweile sind auch die ersten Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ Velaro und die ersten Vectron-Lokomotiven fertiggestellt. Diese werden in Wegberg-Wildenrath in Betrieb gesetzt und erprobt. Siemens Mobility plant, einen der Velaros auf der diesjährigen InnoTrans in Berlin auszustellen. (se)

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* * Richard Oed ist freier Mitarbeiter der ELEKTRONIKPRAXIS.

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