Kommentar NOT Engineered in Germany

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 5 min Lesedauer

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Auf der IAA findet man viele Innovationen auf dichtem Raum. Doch gerade im Bereich der Batterietechnik sucht man diese nicht an den Ständen der deutschen Hersteller, sondern eher östlich von Deutschland. Die Reise reicht von Kroatien bis China.

Doppelt clever: Eine Batterie für Alltag und Zyklenfestigkeit, die andere für Reichweite und Power – kombiniert entsteht ein flexibles Energiesystem der Zukunft.(Bild:  Michael Richter)
Doppelt clever: Eine Batterie für Alltag und Zyklenfestigkeit, die andere für Reichweite und Power – kombiniert entsteht ein flexibles Energiesystem der Zukunft.
(Bild: Michael Richter)

Auf der IAA in München glänzt es an allen Ecken. Wer durch die Hallen schlendert, kann sich kaum retten vor LED-Wänden, polierten Karossen und aufwendig choreografierten Produktshows. „Innovation“ schreibt sich jeder auf die Fahnen, doch wer liefert wirklich ab? Die wirklichen Innovation kommen vielmehr aus Ländern, die man hierzulande oft milde belächelt oder bestenfalls als „Zulieferer“ abtut: von Kroatien bis China.

Während deutsche Hersteller immer noch ihre Ingenieurskunst in der Feinabstimmung von Fahrwerksmodi oder der Haptik von Lüftungsdüsen suchen (die zugegebenermaßen auch am unteren Ende angekommen ist), arbeiten andere längst an Batterietechnologien, die das Spiel neu schreiben. Catl etwa – inzwischen der unangefochtene Weltmarktführer – stellt fast im Monatsrhythmus Durchbrüche vor. Rimac, der kroatische Elektropionier, zeigt auf der IAA Festkörperbatterien, die nicht länger Zukunftsvision sind, sondern serienreif.

Deutschland hingegen diskutiert noch immer über das „Verbrenner-Aus“, als ginge es darum, ob man dem Kassettenrekorder noch ein paar Jahre gönnen sollte, während alle längst auf Streaming umgestiegen sind.

Innovationen aus Fernost: Catl liefert einfach ab

Fast geschlossen im Kreis: Moderne Batterierecycling-Verfahren holen bis zu 99 % der Rohstoffe zurück – ein entscheidender Schritt für nachhaltige Elektromobilität.(Bild:  Michael Richter)
Fast geschlossen im Kreis: Moderne Batterierecycling-Verfahren holen bis zu 99 % der Rohstoffe zurück – ein entscheidender Schritt für nachhaltige Elektromobilität.
(Bild: Michael Richter)

Ein Blick nach China genügt, um zu begreifen, in welchem Tempo sich dort Technologie entwickelt. Catl hat auf der IAA gleich mehrere Neuheiten präsentiert, die zusammen ein klares Signal senden: Batterien sind nicht mehr einfach Energiespeicher, sondern fein abgestimmte Systeme, die je nach Bedarf unterschiedliche Anforderungen erfüllen können.

  • Shenxing Superfast Charging: In nur zehn Minuten Ladezeit bis zu 400 Kilometer Reichweite – eine Ansage, die jede Diskussion über „zu lange Ladezeiten“ obsolet macht.
  • Shenxing Pro: Der nächste Evolutionsschritt mit verbesserter Zyklenfestigkeit und höheren Reichweiten, kombiniert mit Intelligenz im Energiemanagement.
  • Qilin-Batterie: Modular gedacht, extrem platzsparend, hocheffizient im thermischen Management.
  • Innovationen im Recycling: Kreislaufwirtschaft statt Einbahnstraße – auch hier setzt Catl Standards, während man in Deutschland noch überlegt, ob man die ersten Recyclingfabriken überhaupt baut.

Der Clou aber ist die Idee, Batterien nicht mehr als monolithischen Block zu sehen, sondern als Hybrid-Systeme: eine Batterie für Kurzstrecke und hohe Ladezyklen, eine andere für Power oder Reichweite. Ein Prinzip, das so logisch klingt, dass man sich fragt, warum es nicht längst aus Stuttgart, Ingolstadt oder Wolfsburg kam.

Rimac: Kroatien zeigt, wie Festkörper geht

Rimac bringt Festkörperbatterien zur Serienreife – leichter, sicherer und mit deutlich höherer Energiedichte als herkömmliche Lithium-Ionen-Zellen.(Bild:  Michael Richter)
Rimac bringt Festkörperbatterien zur Serienreife – leichter, sicherer und mit deutlich höherer Energiedichte als herkömmliche Lithium-Ionen-Zellen.
(Bild: Michael Richter)

Und dann Rimac. Der Exot aus dem Balkan, heute Technologietreiber, an dem selbst VW nicht mehr vorbeikommt. Auf der IAA präsentieren die Kroaten Festkörperbatterien, die – man reibt sich die Augen – tatsächlich serienreif sind.

Festkörper galt lange als „heiliger Gral“ der Batterieforschung: höhere Energiedichte, geringeres Gewicht, höhere Sicherheit. Deutsche Ingenieure schwärmten in Konferenzen von den Möglichkeiten: irgendwann, vielleicht, wenn die Politik nur genug Förderprogramme auflegt. Rimac hingegen liefert. Und stellt die Frage: Wenn ein Land mit gerade mal vier Millionen Einwohnern es schafft, warum nicht die Industrienation Deutschland?

Deutschland im Verwaltungsmodus

Rimac lieferte verschiedene neue Batteriekonzepte.(Bild:  Michael Richter)
Rimac lieferte verschiedene neue Batteriekonzepte.
(Bild: Michael Richter)

Die bittere Wahrheit ist: Deutschland verliert den Anschluss. Und zwar nicht schleichend, sondern mit Tempo 200 auf der linken Spur. Nur leider in der falschen Richtung unterwegs.

Während in Fernost und sogar in Kroatien Innovation im Wochentakt gefeiert wird, versinkt Deutschland in endlosen Debatten, Gutachten und Förderanträgen. Statt zu handeln, verwaltet man sich selbst. Statt Neues zu wagen, optimiert man das Alte. Die Innovationskultur wirkt so dynamisch wie ein Beamtenschreibtisch kurz vor Feierabend.

Ironisch betrachtet könnte man sagen: Deutschland hat die „Batterie der Zukunft“ längst erfunden – allerdings nicht für Autos, sondern für seine Bürokratie. Sie ist unerschöpflich, zyklenfest und scheinbar endlos haltbar. Sie liefert Energie, um jede noch so kleine Entscheidung über Jahre hinweg zu diskutieren.

Der verpasste Takt

Kraftpaket aus Kroatien: Der neue Rimac-E-Motor liefert beeindruckende 10.260 Nm Drehmoment – ein technologisches Ausrufezeichen auf der IAA.(Bild:  Michael Richter)
Kraftpaket aus Kroatien: Der neue Rimac-E-Motor liefert beeindruckende 10.260 Nm Drehmoment – ein technologisches Ausrufezeichen auf der IAA.
(Bild: Michael Richter)

Die großen deutschen Hersteller finden sich heute in der Defensive wieder. Natürlich gibt es Fortschritte, natürlich werden auch hier Elektroautos gebaut. Aber die eigentlichen Treiber sind andere.

Man erinnere sich: Vor zehn Jahren hatten deutsche Hersteller die Chance, die Elektrowelle anzuführen. Stattdessen hielt man am Diesel fest, weil er „doch noch so viel Potenzial“ habe. Heute sind es Catl, BYD, Rimac und Co., die die Spielregeln schreiben.

Der Takt der Innovation hat sich beschleunigt, doch Deutschland bewegt sich weiterhin im Walzerschritt.

DER BLICK IN DIE ZUKUNFT DER ELEKTRONIK

Entwickeln mit Weitblick – Die 360-Grad-Sicht auf die Elektronik

Power of Electronics
(Bild: VCG)

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Das hybride Batterie-Prinzip: Warum es so bestechend ist

Die Idee, zwei verschiedene Batterien in einem Fahrzeug zu kombinieren, ist so simpel wie genial. Eine Batterie für den Alltag – klein, leicht, extrem zyklenfest, optimal für tägliche Kurzstrecken und schnelles Laden. Dazu eine zweite Batterie, die nur dann ins Spiel kommt, wenn Reichweite oder maximale Leistung gefragt ist.

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Dieses Konzept löst gleich mehrere Probleme:

  • Kosten: Wer hauptsächlich Kurzstrecke fährt, nutzt vor allem die kleinere, günstigere Batterie.
  • Ressourceneffizienz: Weniger Materialverschwendung, da nicht ständig große, schwere Batterien durch die Gegend gefahren werden.
  • Lebensdauer: Die Beanspruchung verteilt sich, wodurch die Systeme insgesamt langlebiger werden.

In Deutschland aber denkt man lieber weiter über Reichweitenrekorde nach – als sei ein Auto mit 1.200 Kilometern Reichweite wirklich das Ziel, anstatt eine clevere, flexible Lösung für den Alltag.

Politik als Bremsklotz

Hinzu kommt eine Politik, die Innovation eher verhindert als beflügelt. Während China gezielt seine Batterieindustrie aufgebaut hat, während in Kroatien private Unternehmer wie Mate Rimac Technologien bis zur Serienreife bringen, verheddert sich Deutschland in Regulierung und Symbolpolitik.

Die Debatte über das Verbrenner-Aus ist dafür das perfekte Beispiel. Anstatt die Energie auf die Entwicklung neuer Technologien zu richten, diskutiert man lieber, ob man das Alte noch ein paar Jahre künstlich beatmen kann.

Das Ergebnis: verpasste Chancen, verlorene Märkte und eine Abhängigkeit von ausländischen Technologien, die irgendwann schmerzhaft teuer werden wird.

Ausblick: Ein Land verwaltet sich arm

Es wäre falsch zu sagen, Deutschland könne nicht mehr mithalten. Das Know-how, die Ingenieure, die Universitäten – all das ist da. Doch es fehlt der Mut, diese Ressourcen wirklich einzusetzen. Stattdessen schaut man auf die Quartalszahlen, die Aktionärsversammlungen und die politischen Debatten.

Innovation aber braucht Risiko, Tempo, auch mal das Scheitern. All das ist hierzulande verpönt. Lieber legt man noch ein Strategiepapier auf den Tisch, als eine neue Batterie in Serie.

So bleibt die IAA 2025 ein Spiegelbild: glänzende Fassaden, schöne PR-Slogans und das bittere Gefühl, dass die wirklich spannenden Innovationen längst woanders entstehen.

Wer zu spät kommt, den bestraft die Zukunft

Deutschland läuft Gefahr, im wichtigsten Technologiefeld der kommenden Jahrzehnte den Anschluss endgültig zu verlieren. Während Catl und Rimac die Maßstäbe setzen, während China und Kroatien liefern, verliert sich die deutsche Industrie in Selbstverwaltung.

Die Ironie: Es ist nicht der Mangel an Können, sondern der Mangel an Wollen. Die Batterien der Zukunft werden anderswo gebaut. Deutschland dagegen baut weiter an seiner Bürokratie: zuverlässig, zyklenfest und fast völlig emissionsfrei. (mr)

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