Bahntechnik Münchens Neue: Die XXL-S-Bahn

Von Dipl.-Ing.(FH) Richard Oed 5 min Lesedauer

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Bereits während der InnoTrans 2024 in Berlin stellte Siemens das Außendesign der zukünftigen S-Bahn für München vor. Auf der diesjährigen IAA Mobility konnte sich die Öffentlichkeit nun in einem begehbaren 1:1-Modell über den Innenraum informieren.

Roland Busch (CEO Siemens), Markus Söder (Ministerpräsident Bayern), Christian Bernreiter (Verkehrsminister Bayern), Evelyn Palla (damalige Vorständin DB Regio) und Heike Büttner (Konzernbeauftragter Bayern DB Regio) sind sichtlich stolz auf Münchens zukünftige S-Bahn.(Bild:  Richard Oed)
Roland Busch (CEO Siemens), Markus Söder (Ministerpräsident Bayern), Christian Bernreiter (Verkehrsminister Bayern), Evelyn Palla (damalige Vorständin DB Regio) und Heike Büttner (Konzernbeauftragter Bayern DB Regio) sind sichtlich stolz auf Münchens zukünftige S-Bahn.
(Bild: Richard Oed)

Im Rahmen der ÖPNV-Präsenz auf dem Open Space Königsplatz der Münchner IAA Mobility 2025 stellten DB Regio, die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), das bayerische Verkehrsministerium und Siemens Mobility Design und Ausstattung der zukünftigen Münchner S-Bahn-Züge einem breiten Publikum vor. Als Holz- und Stahlmodell in Originalgröße ausgeführt, umfasste das 22 Meter lange und rund 26 Tonnen schwere Mock-up des Zuges den vollständigen ersten Wagen sowie ein Teilstück des zweiten Segments. Verwendet wurden dazu funktionsfähige originale und nachgebildete Komponenten.

Die Besucher des kostenlos zugänglichen Open Spaces konnten sich so in der Zeit vom 9. bis zum 14. September 2025 ein Bild von den neuen, als modernste S-Bahnen Deutschlands gepriesenen Zügen machen. Gebaut wurde das Modell von Zech und Waibel in Neuss. Zur Vorstellung am Pressetag der IAA am 8. September 2025 kamen neben dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder auch die damalige Vorständin Regionalverkehr und jetzige Chefin der Deutschen Bahn Evelyn Palla, der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter und der Vorstandsvorsitzende von Siemens, Roland Busch. Die S-Bahn München und das Bahnland Bayern waren durch den Konzernbeauftragten der DB für Bayern, Heiko Büttner, und durch Bärbel Fuchs, Geschäftsführerin der BEG, vertreten.

Bereits Anfang August 2023 erhielt Siemens Mobility nach einer europaweiten Ausschreibung den Auftrag zur Entwicklung und Lieferung von 90 der neuen Züge, mit einer Option über weitere 90 Fahrzeuge. Die Fertigung der ersten Vorauszüge startete bereits im Oktober 2024 und DB Regio plant die Aufnahme des Testbetriebs mit der neuen Baureihe 1420 für Ende 2028.

Einen für die IAA ungewohnten Anblick bietet das begehbare Mock-Up der  neuen Münchner S-Bahn, die 2028 in Betrieb gehen soll.(Bild:  Deutsche Bahn AG / Thomas Kiewning)
Einen für die IAA ungewohnten Anblick bietet das begehbare Mock-Up der neuen Münchner S-Bahn, die 2028 in Betrieb gehen soll.
(Bild: Deutsche Bahn AG / Thomas Kiewning)

Länger als der ICE 3

Mit 202,20 Metern ist der neue, aus 13 Wagen bestehende Gliedertriebzug fast zwei Meter länger als der ICE 3 des Fernverkehrs und dreimal so lang wie die derzeit eingesetzten S-Bahnen der Baureihe 423 (67,4 Meter). Er entspricht damit genau einem S-Bahn-Langzug aus drei 423ern. Die 160 km/h schnellen und 365 Tonnen schweren Züge verfügen über 28 Achsen und eine Antriebsleistung von 7.800 kW. Insgesamt 62 Einstiegstüren – 31 pro Fahrzeugseite – und großzügige Einstiegsbereiche sorgen für einen raschen Fahrgastwechsel. Die Türen fallen mit 1,40 Metern breiter aus als bei den Vorgängerfahrzeugen.

Großzügig ausgelegt ist der Einstiegsbereich, um einen schnelle Fahrgastwechsel zu ermöglichen.(Bild:  Deutsche Bahn AG / Thomas Kiewning)
Großzügig ausgelegt ist der Einstiegsbereich, um einen schnelle Fahrgastwechsel zu ermöglichen.
(Bild: Deutsche Bahn AG / Thomas Kiewning)

Beibehalten wurden die in München üblichen 3er- und 4er-Sitzbereiche. Diese bieten 352 Sitzplätze, bei denen der Sitzabstand im Vergleich zu den Bestandsfahrzeugen um mehr als 15 cm vergrößert wurde. Die Sitzbereiche verfügen über Ablagen und je zwei USB-C-Steckdosen mit 65 Watt.

An den Zugenden gibt es jeweils einen Familien- und Gruppenbereich mit je 24 Plätzen. Zusätzlich sind über den Zug fünf Mehrzweckabteile mit automatisch verriegelbaren Klappsitzen verteilt. Diese bieten entweder 80 Fahrgästen Sitzgelegenheiten oder mehr Stauraum für Gepäck, Kinderwagen oder Fahrräder. Insgesamt sind so 480 Sitzplätze verfügbar, die maximale Fahrgastkapazität beträgt 1.820 Reisende. Passend dazu wies Evelyn Palla bei ihrer Ansprache anlässlich der Vorstellung des Zuges darauf hin, dass „eine einzige voll besetzte S-Bahn im Münchner Berufsverkehr 1.500 Autos ersetzt.“

Barrierefreiheit ist mit Verbänden abgestimmt

Für Rollstuhlfahrer sind im ersten und letzten Wagen spezielle Rollstuhlplätze mit gepolsterter Rück- und Seitenwand, USB-C-Steckdose und Taster für Hilferuf und Ausstiegswunsch sowie ein eigenes Display mit Anzeige der Aufzugverfügbarkeit an der nächsten Station vorhanden. Die Türen zu diesen Bereichen verfügen über Schiebetritte zur Spaltüberbrückung. Hörgeschädigte können ihr Hörgerät im ganzen Zug per Bluetooth mit der Lautsprecheranlage verbinden. Tastbare Piktogramme, eine kontrastreiche Gestaltung des Innenraums und akustische Signale vervollständigen die Barrierefreiheit, für die bei der Entwicklung mit den verschiedenen Verbänden zusammengearbeitet wurde.

Gewohnte 4er-Sitze, kleine Tische mit USB-C-Steckdosen, Anzeigen an den Wagenübergängen und weit nach unten gezogene Fenster: So präsentiert sich die XXL-S-Bahn von innen.(Bild:  Richard Oed)
Gewohnte 4er-Sitze, kleine Tische mit USB-C-Steckdosen, Anzeigen an den Wagenübergängen und weit nach unten gezogene Fenster: So präsentiert sich die XXL-S-Bahn von innen.
(Bild: Richard Oed)

106 Anzeigen im Zuginneren dienen der Fahrgastinformation und zeigen Fahrtverlauf, Störungsinfos und Netzpläne und über den Türen die Lage der Ausgänge am nächsten Bahnhof relativ zur Türposition. Zusätzlich besitzt jede Tür eine Außenanzeige, welche die Liniennummer, das Fahrtziel, Zwischenhalte und den Türstatus anzeigt. Zusammen verfügt das Fahrzeug so über 168 Bildschirme für Echtzeitinformationen. Ein durchgehendes, außen unterhalb des Daches verlaufendes LED-Band leuchtet in der Farbe der jeweiligen S-Bahn-Linie und ermöglicht so den Reisenden eine schnelle Orientierung. Dazu gehört auch die farbliche Abhebung der Mehrzweckbereiche.

Die verbaute Klimaanlage ist für Außentemperaturen von bis zu 45 °C ausgelegt und arbeitet mit umweltfreundlichen Kältemitteln. Das Gesamtkonzept wurde zusammen mit dem Designbüro Neomind entwickelt.

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Gegenüber den bisherigen Münchner Zügen vergrößert ist der Familien- und Gruppenbereich an den Fahrzeugenden.(Bild:  Deutsche Bahn AG / Thomas Kiewning)
Gegenüber den bisherigen Münchner Zügen vergrößert ist der Familien- und Gruppenbereich an den Fahrzeugenden.
(Bild: Deutsche Bahn AG / Thomas Kiewning)

Als digitaler Zwilling schon unterwegs

Siemens bezeichnet die neuen Fahrzeuge als „Mireo City“, weil sie auf der bewährten Mireo-Plattform aufsetzen, aber technisch angepasst wurden. Dazu zählen die Verwendung von Siliziumkarbid-Halbleitern (SiC), ein modernisiertes Antriebssystem und ein Trockentransformator. Die Züge verfügen über redundante Komponenten und sind mit dem Siemens-System „Railigent X“ ausgestattet, das eine zustandsbasierte und vorausschauende Wartung ermöglicht. Zu diesem Zweck werden laut dem Siemens-CEO Roland Busch über 2.000 Parameter pro Sekunde erfasst und ausgewertet. Software-Updates werden über die Cloud auf die Fahrzeuge übertragen und erst bei längerer Standzeit der Züge installiert. Sie müssen also für das Update nicht in die Werkstatt.

Busch wies auch darauf hin, dass die neuen S-Bahn-Züge schon seit Langem existieren, nämlich als digitaler Zwilling, der durch Simulationen immer weiterentwickelt wurde. Eingebaut wird zudem das europäische Zugsicherungssystem ETCS (European Train Control System), das im Münchner S-Bahn-Netz ab 2030 installiert wird. Die Steuerung ermöglicht automatisches Fahren (ATO) nach Stufe 2 (automatisches Anfahren und Bremsen).

An der XXL-S-Bahn sind bei Siemens die Standorte München, Erlangen, Nürnberg, Luhe-Wildenau und Krefeld an Entwicklung und Fertigung beteiligt. So sprach Roland Busch während seiner Rede bei der Vorstellung des Zuges auf der IAA-Mobility auch von einem bayerisch-deutschen Meisterwerk, das zeige: „Manchmal kommt das Beste eben nicht auf vier Rädern, sondern auf 56 und fährt auf der Schiene.“ Ministerpräsident Markus Söder merkte an, dass S-Bahn-Fahren in München ja bisher ein spannendes Erlebnis sei, denn man hoffe ja immer: Kommt sie oder kommt sie nicht? Und betonte, dass mit dem neuen Zug alles besser würde. Auch zum Design der Züge in Blau und Lichtgrau äußerte sich der Ministerpräsident: „Es gab ja unterschiedliche Vorschläge dafür. Einige wollten es rot machen, einige wollten es grün machen. Der Verkehrsminister [Bernreiter, Anm. des Autors] war der Meinung, dass er sich nicht traut, mir einen grünen oder roten Zug zu präsentieren.“

Die Finanzierung der neuen Züge wird der Deutschen Bahn von der BEG beigestellt. Diese hat hierzu einen Leasinggeber, die LHI Leasing aus Pullach bei München, und zwei Kapitalgeber, die Europäische Investitionsbank und die UniCredit Bank, ausgewählt. Der Freistaat Bayern ermöglichte durch eine Kapitaldienstgarantie günstige Finanzierungskonditionen. Der Auftragswert beträgt mehr als zwei Milliarden Euro. Nach Abschluss der IAA-Mobility geht das Modell 2026 nach München-Langwied und wird dort weiteren Tests unterzogen. (se)

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