ElektromobilitätLadeinfrastruktur im Überblick: So lädt Europa
Von
Dirk Kunde
4 min Lesedauer
Der Aufbau der Ladeinfrastruktur in Europa vollzieht sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Zwei Länder liegen weit vorn, was die EU-Verordnung AFIR vereinheitlichen soll.
Die Ladeinfrastruktur in Europa ist sehr heterogen verteilt. Die Niederlanden und Deutschland sind vorn.
(Bild: Volkswagen AG)
Die Lade-App zeigt im Dorf Oude Tonge 21 öffentliche Ladestationen. In dem Ort auf der Insel Goeree-Overflakkee in Südholland leben gerade mal 5.000 Menschen. Die meisten Anschlüssen laden mit 11 kW Wechselstrom. Lediglich eine Ladesäule am Ortsrand bietet 60 kW Gleichstrom. Es sind paradiesische Zustände für E-Autofahrer in unserem Nachbarland. Auf den rund 42.000 Quadratkilometern gibt es 134.000 Ladepunkte. Für die registrierten 387.000 E-Autos (Anteil 5 Prozent) ist das eine gute Infrastruktur, auch wenn die meisten Ladepunkte „Normallader“ sind. Das genügt aus zwei Gründen: Entfernung und Tempolimit.
Der europäische Autoherstellerverband ACEA veröffentlichte im vergangenen Sommer Zahlen, nach denen die Hälfte aller öffentlichen EU-Ladepunkte in den Niederlanden (29,4 Prozent) und Deutschland (19,4 Prozent) zu finden sind.
(Bild: ACEA)
In Ost-West-Richtung misst die längste Strecke in den Niederlanden von Enschede nach Den Haag 210 km. In Nord-Süd-Richtung fährt man von Groningen nach Maastricht 350 km. Auch das Tempolimit sorgt für niedrige Verbrauchswerte. Seit drei Jahren gilt tagsüber Tempo 100 km/h und ab 19 Uhr 120 bzw. auf manchen Autobahnen 130 km/h. Hintergrund ist die so genannte Stickstoffkrise. Vor allem durch die Landwirtschaft aber auch die Bauindustrie überschritten die Niederlande jahrelang die EU-Grenzwerte für Stickoxide. Um die genannten Sektoren nicht vollständig zum Erliegen zu bringen, musste der Verkehrssektor einen Beitrag leisten. Inzwischen haben sich die Niederländer an das Tempolimit gewöhnt und wären sogar noch für eine weitere Verlangsamung. Beider Einführung im Jahr 2020 waren 46 Prozent der Befragten für Tempo 100. Zwei Jahre später sprachen sich sogar 60 Prozent für eine weitere Reduktion auf 90 km/h aus.
HPC-Lader in der Unterzahl
Es nicht so, dass es keine HPC-Lader in den Niederlanden gäbe. Hier ist Fastned zuhause und an fast jeder Rastanlage entlang der Autobahnen sieht man das auffällige gelbe Dach der Ladestationen. Auch Shell hat seine Wurzeln in dem Land und baut seine Ladenetz mit HPC-Säulen an Autobahntankstellen aus. Ionity ist in den Niederlanden mit 13 Ladeparks und 45 Ladesäulen vertreten. Doch von den 134.000 Ladepunkten zählen nur 4.834 als Schnelllader und das auch nur, weil bereits ab 22 kW so gewertet wird. Die Regierung unseres Nachbarlandes hat ehrgeizige Ziele: Schon 2025 sollen 15 Prozent aller neu zugelassenen Pkw keinerlei Emissionen mehr abgeben. 2030 wollen sie bei 100 Prozent liegen, also fünf Jahre vor dem geplanten EU-Verbot.
Wie vorteilhaft die Ladesituation in den Niederlanden ist, zeigt eine andere Statistik. Der europäische Autoherstellerverband ACEA veröffentlichte im vergangenen Sommer Zahlen, nach denen die Hälfte aller öffentlichen EU-Ladepunkte in den Niederlanden (29,4 Prozent) und Deutschland (19,4 Prozent) zu finden sind. Dabei machen die beiden Länder gerade mal zehn Prozent der EU-27 Fläche aus. Im Süden Europas sieht es noch recht dünn aus. Laut ACEA stehen in Spanien 3,4 Prozent, in Portugal 1,4 Prozent und in Griechenland gerade mal 0,2 Prozent aller europäischen Ladesäulen. Öffnet man die Ionity-App, zeigt sie für Portugal nicht eine Ladestation. „Das hat technische Gründe“, sagt eine Ionity-Sprecherin, „Wir haben in Portugal derzeit 11 Ladeparks mit 34 HPC-Ladesäulen in Betrieb und einen Ladepark im Bau.“
Ungleiche Verteilung
Osteuropa bietet ein sehr uneinheitliches Bild. Während die ADAC-Karte für die Slowakei 3,9 Ladepunkte pro 100 km anzeigt, sind es in Tschechien gerade mal 1,6 und in Polen sogar nur 0,9 Ladepunkte auf 100 km. Die statistischen Werte pro 100 Kilometer Straße helfen zwar bei Ländervergleichen, sind für Reiseende allerdings nur bedingt hilfreich. In Polen beispielsweise konzentriert sich die Ladepunkte-Verteilung auf die westlichen Regionen sowie entlang der Hauptverkehrsachsen rund um größere Städte, wie die detaillierte Landeskarte zeigt.
Damit sich die Situation in Europa gleichmäßig verbessert, hat die EU die so genannte AFIR erlassen. Die Alternative Fuels Infrastructure Regulation sieht bis 2025 den Ausbau von Schnellladestationen mit mindestens 150 kW Ladeleistung alle 60 Kilometer entlang der wichtigsten Verkehrskorridore vor. „Wir sind zuversichtlich, dass die Bürgerinnen und Bürger in naher Zukunft in der Lage sein werden, ihre Elektroautos so einfach aufzuladen wie heute an herkömmlichen Tankstellen“, sagt Raquel Sánchez Jiménez, spanische Ministerin für Verkehr, Mobilität und Städte. Auch ein Netzwerk von Wasserstofftankstellen soll aufgebaut werden. Bis 2030 sollen alle 200 Kilometer entlang des Transeuropäischen Verkehrsnetz (TEN-V) Wasserstoff-Tanksäulen für Pkw als auch schwere Nutzfahrzeuge errichtet.
Ein wesentlicher Punkt der AFIR ist die Bezahlung alternativer Kraftstoffe. Die Kunden sollen mit Kreditkarten sowie Smartphones mit Zahlungsfunktion bezahlen können, ohne zuvor ein Vertrag oder Abo abschließen zu müssen. Vergleichbar mit der deutschen Markttransparenzstelle für Kraftstoffe soll die EU-Kommission bis 2027 eine Datenbank aufbauen, die aktuelle Daten zu Kilowattpreisen, Belegung und Wartezeit der jeweiligen Ladestationen enthält und frei an Apps weitergibt.
Stand: 08.12.2025
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Das wäre auch für das Laden in Oude Tonge hilfreich. Aktuell variieren die Preise von 0,25 Euro pro Kilowatt plus 0,03 Euro pro Minute bis zu 1,08 Euro pro Kilowattstunden ohne Zeitkomponente, je nachdem mit welcher Karte man zu unseren Nachbarn reist.