Zukunftstechnologie ohne Zukunft? Ist der Lidar in China auf dem Rückzug?

Von Henrik Bork 3 min Lesedauer

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Seit Jahren ätzt Tesla-Gründer Musk gegen Lidar, während diese Technologie von der restlichen Autobauerwelt weitestgehend angenommen wurde. Doch inzwischen macht sich zumindest in China eine Trendwende bemerkbar. Ist Lidar zu unattraktiv für den echten Durchbruch?

Lidar gilt als teuer. Wird die Technologie deswegen ewig ein Nischendasein in teuren Premium-E-Fahrzeugen fristen?(Bild:  Bosch)
Lidar gilt als teuer. Wird die Technologie deswegen ewig ein Nischendasein in teuren Premium-E-Fahrzeugen fristen?
(Bild: Bosch)

Hatte Elon Musk doch recht? Der Tesla-Gründer ist seit Langem ein Gegner von Lidar. Von „unnötig“ für das autonome Fahren über „vergebliche Liebesmüh“ bis zu einer „Krücke“ reichen seine Urteile über die Radargeräte. Die Industrie aber, vor allem in China, ging einen anderen Weg.

Neuerdings aber kommen in der Volksrepublik gerade wieder einige Automodelle auf den Markt, die keinen Lidar haben. Der AITO M7 Pro von Seres und Huawei, der Mona M03 von Xpeng und der „DeepAL S7 Qiankun“ von Changan Automobile setzen ähnlich wie Tesla auf „Pure Vision“, also autonome Fahrfunktionen mithilfe von Kameras und Algorithmen.

Während die meisten chinesischen Autohersteller momentan noch immer auf Lidar setzen, signalisieren diese neuen Modelle ein erstes Umdenken in der Industrie. Fortschritte bei der Hardware und insbesondere bei der Datenverarbeitung mithilfe von künstlicher Intelligenz hätten die Leistung von Pure-Vision-Systemen unerwartet schnell verbessert, sagen Experten.

Zusätzlich erlaubt der Verzicht auf Lidar eine Reduzierung der Kosten. Das neue E-Auto von Xpeng, Mona M03 Max, das im August in China auf den Markt gekommen ist, ist dafür ein anschauliches Beispiel. Xpeng bewirbt das Modell mit der Behauptung, es sei das billigste „High-End-Auto mit smarten Fahrfunktionen“, unter anderem also mit ADAS, das es je gegeben hat. Für einen Preis von umgerechnet weniger als 20.000 Euro bekommen die Käufer in China ein E-Auto, das innerhalb vieler Städte und auch auf Autobahnen mit einem Navigationssystem, fortschrittlicher Fahrassistenz und anderem Komfort wie Einparkhilfen ausgerüstet ist.

Lidar? Benötigen wir nicht

Ein Lidar-Gerät hat der Xpeng Mona M03 Max nicht. Das Auto verfügt über zwölf Kameras, zwölf Ultraschall-Radargeräte und drei Millimeterwellen-Radargeräte. Die fortgeschrittenen ADAS-Funktionen werden dank der neuen „AI Eagle Eye Vision Solution“ von Xpeng ermöglicht, die KI zur Verbesserung der Verarbeitung der visuell gewonnenen Informationen aus Front- und Rück-Kameras einsetzt.

Das Ergebnis ist, ähnlich wie bei Tesla, eine „End-to-End“-Lösung (E2E) für autonome Fahrfunktionen und ADAS. E2E bedeutet, dass die von Kameras und anderen Sensoren gewonnenen Informationen mithilfe von Deep Learning im Auto selbst zu dem Output verarbeitet werden, der zum Navigieren, Bremsen und Beschleunigen erforderlich ist.

In der chinesischen Industrie ist mit Aufmerksamkeit verfolgt worden, dass der führende israelische Anbieter von autonomen Fahrlösungen Mobileye, der vor einigen Jahren von Intel gekauft worden ist, gerade ebenfalls eine Kehrtwende in Sachen Lidar hingelegt hat. Am 9. September 2024 hat Mobileye bekannt gegeben, künftig auf die Entwicklung und Produktion von FMCW-Lidar zu verzichten. Rund 100 Arbeitsplätze in der damit befassten Entwicklungsabteilung sollen eingespart werden.

Diese Entscheidung von Mobileye „gibt Elon Musk teilweise recht“, kommentiert das Fachportal Teslerati.com. Und in der chinesischen Fachpresse ist die alte Diskussion neu entbrannt, welche der beiden technologischen Routen für das autonome Fahren, E2E oder „Pure Vision“ einerseits, Lidar-unterstützte Systeme andererseits, sich ab jetzt durchsetzen werden.

„Wird die E2E-Route der visuellen Smart Cars das Lidar killen?“ fragt die chinesische Autozeitung Zhongguo Qiche Bao. Eine Reihe von chinesischen OEM und Anbietern von ADAS-Systemen, darunter Baidu, Huawei, Li Auto, Nio und SenseTime hätten schon „damit begonnen, schnell auf die technologische Route von E2E umzuschalten“, schreibt die Autozeitung.

Parallelentwicklung

Viele Analysten in China gehen momentan davon aus, dass beide Lösungen – E2E und Lidar – parallel zueinander weiter entwickelt werden, teilweise sogar beide von ein und demselben Autohersteller, je nach Preis und Positionierung des jeweiligen Automodells. Während die Preise für Lidargeräte in China zuletzt auf weniger als 200 US-Dollar pro Stück gefallen sind, werden die Geräte vermutlich weiterhin nur in der Mittel- und Premiumklasse verbaut, während sie für preiswerte Autos wie bisher weggelassen werden.

Die Gründe dafür: Zum einen sind Lidar-Geräte gut, um den Autokäufern ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Sie erlauben eine zusätzliche Validierung der mit Kameras gewonnenen Daten. Zum anderen steigen die Anforderungen an die Halbleiter – und die damit verbundenen Kosten – wenn ein Hersteller komplett auf „Pure Vision“ setzt. (sb)

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