Autonomes Fahren Geely schießt Satelliten für seine Fahrzeuge ins All

Von Henrik Bork * 4 min Lesedauer

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Autonome Elektrofahrzeuge, die von den Satelliten des Autokonzerns aus gelenkt werden. Das ist die Vision des chinesischen Herstellers Geely. Mit dem erfolgreichen Abschuss einer Trägerrakete ist der Autobauer Anfang dieses Monats diesem Ziel einen Schritt weit nähergekommen.

Bis 2025 soll die Geely Future Mobility Constellation von derzeit 20 auf 72 Satelliten anwachsen. (Bild:  Geespace)
Bis 2025 soll die Geely Future Mobility Constellation von derzeit 20 auf 72 Satelliten anwachsen.
(Bild: Geespace)

Eine Rakete vom Typ „Langer Marsch 2C“ ist am 3. Februar 2024 um 7:38 Uhr Ortszeit vom chinesischen Weltraumbahnhof Xichang in der Provinz Sichuan aus gestartet. An Bord hatte sie gleich elf Satelliten von Geespace, einem Tochterunternehmen von Geely. Ein neuer Weltrekord, was die Anzahl der von einer einzelnen Rakete ins All beförderten Satelliten betrifft. Die elf Kommunikations-Satelliten, die mit diesem Start erfolgreich in eine niedrige Erdumlaufbahn katapultiert worden sind, sind bereits die zweite Gruppe von Geely-Satelliten, die nun in einer Höhe etwa 600 Kilometern in der Atmosphäre schweben. Der erste Schwung von neun Satelliten war schon im Sommer 2022 hochgeschossen worden.

Ausbau bis 2025

Was Geely da gerade baut ist nichts anderes als das weltweit erste Satelliten-Netzwerk speziell für die Automobilindustrie. Bis 2025 plant der Hersteller, diese „Geely Future Mobility Constellation“ von ihren derzeit 20 auf zunächst 72 Satelliten auszubauen. Dann wird Geely auf der ganzen Erde „hochauflösendes Remote Sensing“ von Pkw und Lkw mit einer Genauigkeit von einem bis fünf Metern anbieten können. Die Positionsbestimmung der Fahrzeuge – und ihre Navigation in Echtzeit, ohne jegliche Zeitverzögerung – wird über Basisstationen auf der Erde ermöglicht, die mit den Satelliten kommunizieren.

In einer zweiten Phase, die bereits vorbereitet wird, will Geely dann 168 weitere Satelliten in Umlauf bringen, mit deren Hilfe sogar eine zentimetergenaue Verortung der Autos möglich sein wird. Das ist unter anderem in der Logistik interessant, wenn man in Häfen oder Verladebahnhöfen unbemannte Transportfahrzeuge in sehr geringen Abständen hintereinander herfahren lassen will.

Mehrere E-Autos von Tochtermarken der Geely-Gruppe, darunter die Zeekr-Modelle „001 FR“ und „007“ sowie die Mittelklasse-Limousine „Galaxy E8“ sind schon mit Satelliten-Empfängern ausgestattet. Die Nutzfahrzeuge der Geely-Tochter Farizon Auto, die in Zukunft völlig autonom fahren sollen, können bereits bestellt werden.

Satelliten-Kommunikation günstiger als Fahrzeugsensorik?

Der Geely-Gründer Li Shufu, der in Deutschland als Großaktionär der Daimler-Gruppe bekannt ist und dessen Konzern unter anderem Anteile an Volvo und Lotus hält, glaubt fest an die Zukunft des autonomen Fahrens – und dass diese mit Hilfe der Satelliten-Kommunikation realisiert werden kann und wird.

Das sei auf Dauer billiger, als jedes einzelne Auto mit teurerer Sensorik wie Lidar- und Millimeterwellen-Radar oder Kameras vollzustopfen, glaubt Li. Sein globales Satelliten-Netzwerk für Autos und Lkw ist also eine Art östlicher Gegenentwurf zu dem „individualistischen“ westlichen Modell des autonomen Fahrens à la Tesla und Co.

Auch für andere Automarken verfügbar

Bei Geely spricht man von „Space Ground Integration“. Der Vorteil von vernetzt fahrenden, vom Weltall aus gesteuerten Fahrzeugen sei es, dass sie anders als die mit eigenen Kameras und Chips ihre unmittelbare Umgebung wahrnehmenden Autos der anderen technologischen Route zusätzlich auch über die Position aller anderen Verkehrsteilnehmer informiert sein können, heißt es bei Geely. Das ermögliche neue Dimensionen von Sicherheit und Logistik, sowie eine mögliche Vernetzung mit modernen Verkehrsleitzentralen in „Smart Cities“. Geely will seine Satelliten-Daten in Zukunft auch für andere Automarken und sogar für Hersteller von Verbraucherelektronik verfügbar machen.

Rückrufaktion auch im All

Schon bevor es so weit ist, wird es in der unteren Umlaufbahn unseres Planeten äußerst voll sein. SpaceX von Elon Musk hat derzeit bereits rund 5.300 Satelliten für sein Starlink-Netzwerk ins All geschossen. Jetzt braucht Geely immer mehr Platz für seine Geespace-Satelliten. Weitere kommerzielle Anbieter werden wahrscheinlich folgen.

100 ältere Satelliten von SpaceX haben einen nicht näher spezifizierten „Fehler“ und werden demnächst in einem kontrollierten Sinkflug zur Erde zurückberufen, gab das Unternehmen kürzlich bekannt. Es ist so eine Art Rückruf aus dem All. Auch das kommt nun wohl bald auf die Autoindustrie zu, deren Rückrufe aus Sicherheitsgründen bislang noch bei Autowerkstätten enden.

Satelliten kostengünstig in Serie bringen

Ein wichtiger Aspekt des Geely-Planes ist die relativ kostengünstige Serienfertigung der eigenen Satelliten. In der schon 2021 fertig gestellten Fabrik von Geespace in Taizhou in der Provinz Zhejiang, hoch automatisiert und voller Roboter, können jährlich 500 Satelliten hergestellt werden.

Diese Produktionskapazität und die daraus resultierenden Skalierungseffekte sind wichtig, denn in einem „Low-Orbit“-Konzept wie der Geely Future Mobility Constellation werden immer wieder einzelne Satelliten ausgetauscht werden müssen. Sie haben eine begrenzte Lebensdauer und haben in diesem Umlaufhöhen noch mit einem geringen Luftwiderstand zu kämpfen.

Die Geely-Tochter gehört als erstes chinesisches Unternehmen zu einer elitären Gruppe von Firmen wie Iridium, SpaceX, OneWeb, Globalstar und Orbcomm, die sich an den kommerziellen Aufbau eines Satelliten-Netzwerkes herantrauen.( se)

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* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

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