Konferenz M Cube in China „Die Ära des KI-definierten Autos ist unvermeidbar“

Von Henrik Bork * 3 min Lesedauer

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Kaum sind deutsche Hersteller mehr recht als schlecht mit der Tatsache versöhnt, dass das Auto der Zukunft Software-definiert ist, geht die Entwicklung in China schon wieder einen Schritt weiter: KI-definiert sei das Fahrzeug der Zukunft, sagen Vordenker wie der neue Head of Automotive bei Nvidia, Wu Xinzhou.

In China ist man sich sicher: KI-definiert sei das Fahrzeug der Zukunft. (Bild:  frei lizensiert bei Pixabay)
In China ist man sich sicher: KI-definiert sei das Fahrzeug der Zukunft.
(Bild: frei lizensiert bei Pixabay)

Das ist vielleicht ein wenig übertrieben, weil künstliche Intelligenz (KI) im Endeffekt auch Software ist, aber eben nur ein wenig. Die Ära des KI-definierten Autos sei „unvermeidbar“ und zwar schon „innerhalb der nächsten fünf Jahre“, zitiert das chinesische Fachportal Qiche Zhixin Wu Xinzhou. Der Nvidia-Manager sprach auf der Konferenz M Cube 2024 Man Machine Mobility während der Greater Bay Autoshow in Shenzhen Anfang dieses Monats. Der an der Qinghua-Universität in Peking und in den USA ausgebildete Ingenieur für Elektrotechnik ist derzeit einer der einflussreichsten Vordenker, was die Entwicklung des autonomen Fahrens betrifft. Er hat beim Halbleiterhersteller Qualcomm Projekte zum autonomen Fahren geleitet, war später Chef der Abteilung für autonomes Fahren beim E-Auto-Startup Xpeng und ist nun Vice President of Automotive bei dem Nvidia.

Hungrige Algorithmen

Auf seiner in der chinesischen Autoindustrie viel beachteten Präsentation auf der M-Cube-Konferenz, die auf der Webseite von Nvidia jetzt auch online zu sehen ist, erläutert der chinesische Experte, warum die Autoindustrie seiner Meinung nach vor einem neuen, entscheidenden Paradigmen-Wechsel steht. In der Ära des Software-definierten Autos, die gerade begonnen hat, sind, so Wu, massive Straßentests erforderlich, wo in Tausenden und Millionen von Kilometern alle möglichen Szenarien erfasst werden, mit denen dann die entsprechenden Algorithmen gefüttert werden.

All das sei immens arbeitsaufwändig und resultiere dennoch nur in einer „langsamen Identifizierung von Corner Cases”. Mit anderen Worten, das Erfassen aller denkbaren Ausnahme-Szenarien, durch die die Sicherheit von Autofahrern im Straßenverkehr gefährdet sind, ist eine enorme Hürde für die Industrialisierung des autonomen Fahrens.

Nichts geht mehr ohne Cloud

In der schon bald beginnenden Ära des KI-definierten Autos hingegen verändert sich genau das. Die nun verfügbare, stärkere Rechenleistung von großen Computern, Big Data und die generative künstliche Intelligenz sorgen gemeinsam dafür, dass das oben beschriebene Modell schnell obsolet wird, erläutert Wu in seinem Vortrag.„Das Gravitationszentrum des autonomen Fahrens verlagert sich in die Cloud“, so Wu. Das Modell-Training für autonome Fahrzeuge werde zukünftig dort stattfinden, ebenso wie die Validierung der Modelle. Die ständig verbesserten AV-Stacks müssen dann nur noch über WiFi in die individuellen Fahrzeuge übertragen werden, also over-the-air.

Was sich verändert habe, sei die Fähigkeit der künstlichen Intelligenz, Datenpunkte über die Dimension von Raum und Zeit hinweg zu verknüpfen, erklärt der chinesische Thought Leader. Mit Hilfe von LLM und VLM steige so die Fähigkeit der intelligenten Fahrzeuge, komplexe Situationen zu verstehen.

Vom Gehirn eines Fisches zu dem eines Menschen

Die Intelligenz von aktuellen, KI-verstärkten Systemen in der Industrie vergleicht Wu Xinzhou in seinem Vortrag mit dem Gehirn eines Fisches. Die Aufmerksamkeitsspanne liege bei etwa sieben Sekunden. In der Ära des KI-definierten Autofahrens hingegen erhalten intelligente Fahrzeuge aber „die Fähigkeit des logischen Denkens über längere Zeithorizonte hinweg“.

Fahrzeuge werden also ihre Entscheidungen vielmehr wie ein Mensch treffen können, der innerhalb von Millisekunden aufgrund seiner Erfahrung beschließen kann, eine auf der Straße liegende Plastikflasche zu überfahren, anstatt eine gefährliche Vollbremsung hinzulegen.

Dieser „End-to-End“-Ansatz sei der einzige Weg vorwärts für das autonome Fahren, glaubt der Nvidia-Ingenieur. Mehrere Sprecher auf der M-Cube-Konferenz in Shenzhen gaben ihm Recht, darunter etwa Gu Weihao, der CEO von Haomo.ai. Ähnlich wie Nvidia entwickelt das chinesische Startup autonome Fahrlösungen auf der Basis der generativen KI.

Zum Hintergrund gehört auch: Vor kurzem hat Wayve, der britische Anbieter von autonomen Fahrlösungen eine große Finanzierungsrunde abgeschlossen. Das chinesische Startup Xpeng hat kürzlich ein KI-betriebenes In-Car-OS vorgestellt. Die Debatte darüber, wie stark KI die Autoindustrie verändert, wird in China jedenfalls gerade immer intensiver.  (se)

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* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

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