Mikromobilität China: Künstliche Intelligenz kommt in die E-Scooter

Von Henrik Bork 3 min Lesedauer

Künstliche Intelligenz hat begonnen, Chinas 380 Millionen elektrische Zweiräder zu erobern. Genau wie in der Autoindustrie werden LLMs und andere KI-Modelle in rascher Folge von einem Hersteller nach dem anderen in die Räder integriert. Die Anwendungsszenarien reichen von besserer Sprachführung über das smarte Wiederfinden verlorener Bikes bis hin zu Sicherheitsfunktionen im Straßenverkehr

Künstliche Intelligenz hat begonnen, Chinas 380 Millionen elektrische Zweiräder zu erobern.(Bild:  Segway)
Künstliche Intelligenz hat begonnen, Chinas 380 Millionen elektrische Zweiräder zu erobern.
(Bild: Segway)

Der Hersteller Segway-Ninebot bietet ein System namens „True Intelligence 3.0“, das mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) Frontkollisionswarnungen ermöglicht. Es funktioniert, indem über eine 2K-Dashcam eine automatische Fahrtaufzeichnung erstellt wird. Mit Hilfe mehrerer Chips und der KI-Modelle wird dieses laufende Video dann automatisch und in Echtzeit auf gefährliche Situationen auf der Straße hin ausgewertet. Bei Bedarf wird der Fahrer gewarnt.

Dieses fortgeschrittene KI-gestützte Warnsystem wird schon für elektrische Zweiräder mit einem Verkaufspreis zwischen 2.000 und 4.000 Yuan – entspricht rund 244 bis 487 Euro – angeboten. Funktionen, die noch vor kurzem für Autos der gehobenen Preisklasse reserviert waren, kommen also bereits auf dem E-Scooter-Markt an, zu dessen Kunden unter anderem Mittelschüler gehören, denen die Busfahrt zu lange dauert. „Diese Form der Demokratisierung von Technologie wird durch einen starken Verfall der Computing-Kosten ermöglicht“, kommentiert das Wirtschaftsportal 21jingji. Der Einsatz von Qualcomm-Snapdragon-Chips der 8er-Serie habe die KI-Rechenleistung pro Zweirad um das Fünffache erhöht, während die Kosten lediglich um 12 Prozent gestiegen seien.

LLM von DeepSeek in Fahrzeugdisplays

Segway-Ninebot war auch einer der ersten chinesischen Hersteller, der im vergangenen Frühjahr eine Integration des großen Sprachmodells (LLM) von DeepSeek in die Fahrdisplays und Sprachführung seiner E-Scooter bekannt gab. „Diese Integration wird die Intelligenz der Produkte von Ninebot wesentlich verbessern", schrieb das Unternehmen in einer Presseerklärung auf WeChat. „Die Nutzer werden einen erheblichen Qualitätssprung von smarten Interaktionen bemerken, die ihre Fahrten bequemer und effizienter machen.“

Auch der Konkurrent Niu Technologies hatte DeepSeek kurze Zeit später ebenfalls integriert. Niu werde „die fortschrittliche KI-Technologie von DeepSeek tief integrieren“, um Anwendungen in Bereichen wie „Fahrerassistenz, Fahrsicherheit, KI-gestützte Reisebegleiter, Sprachinteraktion und intelligente Serviceempfehlungen zu erkunden“, hieß es bei Niu.

Viele der neuen Funktionen, die jetzt mit Hilfe von KI im Massenmarkt ankommen, kreisen um das Thema Nutzerfreundlichkeit. Beispiele sind smarte Suchfunktionen für Fahrer, die aus dem Büro oder Einkaufszentrum kommen und merken, dass der Wachdienst oder sonstige Aufpasser ihr Bike an einen unbekannten Ort verbracht haben. Über eine App auf dem Handy und einfache Sprachkommandos kann das Rad sofort wieder lokalisiert werden.

Weitere Beispiele für neue Funktionen der E-Scooter, die in der chinesischen Fachpresse als KI-verbessert beschrieben werden, sind die automatische Abstandswahrung während der Fahrt, das smarte Entriegeln des Rads, sobald der Fahrer seinen fahrbaren Untersatz erreicht hat, neue Formen der Diebstahlsicherung, Kontrollfunktionen und automatische Ortsmeldungen für besorgte Eltern, eine bessere Überwachung und Anzeige des Ladezustands der Batterie, oder die automatische Anpassung der Displays an ältere Fahrer.

Rechenleistungen zentralisieren

Während sich die Industrie in China ein Rennen darum liefert, wer am schnellsten „KI-Gehirne“ in die E-Scooter einbaut, liegt der wahre Nutzen für die Kunden oft im Lösen kleinerer Alltagsprobleme. Mit anderen Worten, der Nutzen ist real, aber auch beschränkt. Allerdings steht die Aufrüstung der Zweiräder mit KI auch noch am Anfang. Eine wesentliche Veränderung, die sich bereits abzuzeichnen beginnt, ist die Zentralisierung sämtlicher Rechenleistungen, wie sie bei Autos jüngerer Generationen schon seit mehreren Jahren üblich ist.

Ein Hersteller, der bereits eine solche zentrale Recheneinheit eingeführt hat, ist Shouqu Technology mit seinem „Skymotor Central Intelligent Brain“. Damit können nicht nur das Display, sondern auch Fahrzeugfunktionen wie die Karosseriesteuerung und der E-Antrieb angesprochen werden. Wie im Auto sind damit neuerdings sogar schon Software-Updates für wesentliche Verbesserungen per Over-the-air-Update (OTA) für die E-Scooter möglich. (se)

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