Wenn der größte Batteriehersteller der Erde immer größere Autoteile baut, dann erregt das Aufsehen. CATL hat am Heiligabend in Shanghai der Autoindustrie mit dem Bedrock Chassis gerade ein neues Geschenk unter den Baum gelegt. Ob sich Automobilhersteller darüber freuen oder eher einen neuen Konkurrenten fürchten – dahinter steht noch ein Fragezeichen.
Yang Hanbing, CEO of Contemporary Amperex Intelligent Technology verkündete mit Stolz, dass bei einem Crash-Test auf einen Pfeiler bei einer Geschwindigkeit von 120 km/h Chassis und die in seinem Inneren verbaute Powerbatterie weder explodiert sind noch Feuer gefangen haben.
(Bild: CATL)
Das auf einem Event in Shanghai zum ersten Mal gezeigte „Skateboard Chassis“ integriert die Batteriezellen für Elektroautos direkt im Fahrgestell. An der dabei verwendeten Cell-to-Chassis- oder CTC-Technologie arbeitet CATL schon lange. Neu ist, dass nun nicht mehr nur integrierte Akku-Packs, sondern ein komplettes CATL-Chassis angeboten wird. Die Architektur der Integration sorgt laut CATL für „neue Massstäbe bei der Sicherheit“. Der Batteriehersteller nennt sein Bedrock-Chassis selbstbewusst „das erste ultra-sichere Skateboard-Chassis der Welt”.
Crash-Test bestanden
Auf dem Event wurde ein Video vorgespielt, in dem ein Prototyp des Chassis bei einem frontalen Crash-Test auf einen Pfeiler bei einer Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern gezeigt wird. Das Chassis und die in seinem Inneren verbaute Powerbatterie sind dabei weder explodiert, noch hätten sie Feuer gefangen oder einen thermischen Runaway erlebt.
Angaben von CATL zufolge kann das neue Chassis 85 Prozent der Aufprallenergie bei solchen Zusammenstößen absorbieren, deutlich mehr als die bei anderen Chassis sonst üblichen 60 Prozent.
Möglich sei das durch die neuartige „dreidimensionale Schildkrötenpanzer-Struktur“, der die Energie-Einheit sicher umschließe. Für deren Bau wiederum seien „warmgefertigter Stahl von U-Boot-Qualität mit einer Stärke von 2.000 MPa und Aluminium-Legierungen der Raumfahrtklasse mit einer Stärke von 600 MPa verwendet worden, so CATL.
Die Sicherheit werde weiterhin durch Hochvolt-Zentralkreise gewährleistet, die sich innerhalb von 0,1 Sekunden nach einem Aufprall abschalten können. Innerhalb von weiteren 0,2 Sekunden sei dann sämtliche Restspannung aus dem Fahrzeug entlassen, was ein neuer Rekordwert in der Industrie sei, so der Batteriehersteller am Heiligabend in Shanghai.
Neuer Geschäftsbereich für CATL
CATL setzt mit dieser Produktentwicklung seine Strategie der Diversifizierung fort. Weil absehbar ist, dass das Geschäft mit Batterien nicht ewig so explosionsartig weiter wachsen wird wie in den vergangenen zehn Jahren, versucht CATL allmählich immer weiter in die Domäne der Autozulieferer vorzustoßen.
Man eröffne sich mit seinem Bedrock Chassis einen neuen Geschäftsbereich in einem „Milliarden-Markt“, sagte ein CATL-Sprecher in Shanghai. Mit dem Skateboard-Design stehe die Autoindustrie vor einem „Wechsel zum modularen, personalisierten und intelligenten Fahrzeugdesign“.
Mit der Technologie, die ursprünglich von General Motors entwickelt und später von Tesla übernommen worden ist, lässt sich bei Autobauern durch die Entkuppelung vom oberen Fahrzeug ein und dasselbe Chassis für mehrere Automodelle einsetzen. CATL verspricht, dass sich damit der Produkt-Entwicklungs-Zyklus von drei Jahren auf 12 bis 18 Monate reduzieren lasse.
Den ersten Kunden für sein Bedrock-Chassis konnte CATL schon bei dem Launch präsentieren: Der Batteriehersteller unterzeichnete einen Vertrag mit Avatr Technology, einem Gemeinschaftsunternehmen mit Changan Automobile, in das CATL praktischerweise auch selbst investiert hat, gemeinsam mit Huawei.
Darüber hinaus hofft CATL auf Kunden unter jenen Automobilherstellern, die „über unzureichende Finanzmittel und technologische Stärken“ verfügen. Sie könnten mit Hilfe von Bedrock zwischen 60 und 70 Prozent ihrer Kosten für die Forschung und Entwicklung einsparen, sagte Yan Hanbing, ein CATL-Manager in Shanghai.
Vom Nischenprodukt zum Main Stream?
Die potenziellen Kosteneinsparungen bestreitet in der chinesischen Autoindustrie niemand. Der immer härtere Preiskampf und Verdrängungswettbewerb auf dem Markt der E-Mobilität in China könnte CATL durchaus zum Vorteil gereichen.
Noch sind Skateboard-Chassis eher ein Nischenprodukt, doch immer mehr chinesische Autobauer wie etwa Chery, BAIC New Energy, oder FAW Haima Automobile entwickeln schon in diese Richtung. Marktforschungsinstitute sagen dem globalen Markt für Skateboard-Chassis bis 2029 ein Wachstum bis auf einen Gesamtwert von mehr als 55 Milliarden US-Dollar voraus.
U Power, ein chinesisches Startup, das sich auf Skateboard-Chassis spezialisiert hat, sammelt gerade schon Investitionen in der Höhe von hunderten von Millionen US-Dollar ein. CATL reiht sich nun in die Reihe jener Unternehmen ein, die stark auf CTC-Technologie und die fortschreitende Integration von E-Drives setzen.
Stand: 08.12.2025
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Neue Konkurrenz
Sollte CATLs Strategie Erfolg haben, so könnte das Unternehmen zu einem formidablen Konkurrenten der klassischen Autozulieferer heranwachsen. Es leuchtet vielen Beobachtern ein, dass einer der größten Hersteller von Autobatterien – dem zentralen Bauteil von Stromern und Hybriden – in der Zukunft immer größere Teile der Automobilindustrie dominieren könnte – ähnlich wie früher die Erfinder des Otto-Motors in Deutschland.
Skeptiker dagegen merken an, dass sich viele Autohersteller gegen Bestellungen bei CATL sträuben dürften, weil der Einsatz komplett entwickelter Chassis beim Autobau den Geschmack von „vorgekochten Fertiggerichten“ habe, wie es ein Kommentator in der chinesischen Zeitung Pengpai Xinwen anlässlich des Produkt-Launches von CATL gerade schrieb. Es gehe zu viel Individualität der eigenen Automarke verloren – und natürlich der eigenen Wertschöpfung – wenn man keine eigenen Chassis mehr entwickele, argumentieren diese Kritiker.
Fest steht, dass den Autozulieferern insbesondere wegen der starken Crash-Test-Ergebnisse des Bedrock-Chassis gerade mit CATL ein starker, neuer Wettbewerber begegnet. Und das ausgerechnet am Heiligabend. Eine schöne Bescherung. (se)
* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.