Nach dem Brexit „Britische Autokäufer sind offen für Neues“
Brexit und Pandemie, leidvolle Zeiten für Großbritannien. Die lokalen Pkw-Neuzulassungen schrumpften 2020 auf 1,6 Millionen Fahrzeuge. Es bleibt die Hoffnung zum Beispiel auf die E-Mobilität – und das Interesse der Briten an innovativen Ideen.
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Die Briten werden oft als unerschütterliche Traditionalisten betrachtet, lassen sich jedoch gerne auf Innovationen und technologischen Fortschritt ein. Hier könnten britische Hersteller und Autohändler künftig Pluspunkte sammeln; konkret bei der „Fortsetzung der Digitalisierung der Customer Journey“. Diese wird laut Philip Dunne, Managing Partner Großbritannien bei Roland Berger, in den nächsten zwei Jahren den Automobilvertrieb verändern. „Die britischen Autokäufer schätzen ein gutes Geschäft und sind offen für neue Anreize, egal in welcher Form diese kommen“, bestätigt Dunne.
Zudem genießen die großen Autohändler auf der Insel bei den OEMs einen guten Ruf als verlässliche und sehr professionell arbeitende Partner, „schon immer sehr wettbewerbsorientiert“, wie Dunne ergänzt, und für Neues immer zu haben – wenn sie die Ideen dafür nicht gleich selbst liefern. So überraschte Hyundai-Händler Simon Dixon im Jahr 2014 mit den europaweit ersten digitalen Showrooms in Londoner Shopping Malls. In den Jahren danach eröffneten unter anderem Jaguar Land Rover, BMW und Ford ebenfalls solche Showrooms in England und starteten dort den Online-Verkauf.
Große Liebe zu Stromern
So überrascht also auch nicht, dass die Briten ein besonderes Faible für die Elektromobilität entwickelt haben. Auch – oder vielleicht gerade – in schlechten Zeiten. In Zahlen: 28,5 Prozent aller 2020 in Großbritannien verkauften Autos (2019: 10,7 Prozent) waren elektrifiziert: 108.200 BEVs, 67.000 PHEVs, 110.000 HEVs, und 180.000 MHEVs. Der Marktanteil der Stromer übertrifft in Großbritannien mittlerweile die Sechs-Prozent-Marke. Tendenz: weiter steigend.
Flaschenhals lokale Batteriefertigung
Zum Flaschenhals könnte allerdings die Versorgung der E-Auto-Produktion im Land mit Batteriepacks werden. Eine lokale Batteriefertigung ist notwendig, um die nach dem EU-Austritt geltenden strengeren Local-Content-Bestimmungen zu erfüllen – 45 Prozent von 2023 bis 2027, ab da 55 Prozent – und damit Zölle zu vermeiden.
Die Antriebsbatterien machen bis zu 50 Prozent des Wertes eines E-Autos aus. Derzeit baut nur Britishvolt in Northumberland eine Batteriefabrik. Geplanter Start-of-Production (SoP): Im Jahr 2023. „Großbritannien hinkt hier bereits hinterher, wie auch der Großteil Europas“, sagt Dunne.
Er ist überzeugt, dass Regierungsbehörden, OEMs und Tier-1-Zulieferer zusammenarbeiten müssen, „um regionale Kapazitäten zu schaffen. Nur so kann die Wettbewerbsfähigkeit mit Asien und Nordamerika erhalten bleiben.“
Die Zukunft der Automobilindustrie in England wird elektrisch.
Schnell und findig reagierte Nissan. Die Japaner verkauften 2019 ihre Batteriefertigung in Sunderland an den chinesischen Energiekonzern Envision und schlossen einen Exklusiv-Liefervertrag ab. Über den Ausbau der Kapazitäten wird aktuell verhandelt. In Sunderland fertigt Nissan seit 2013 den vollelektrischen Leaf, mittlerweile mehr als 500.000 Exemplare.
Ab 2026 soll eine BEV-Variante des Juke folgen, später ist auch ein vollelektrischer Qashqai „made in Britain“ denkbar. „Die Zukunft der Automobilindustrie in England wird elektrisch“, ist Henner Lehne, Vice President Global Vehicle Group bei IHS Markit, überzeugt; und: „Nissan ist sicher einer der Profiteure.“
Zollfreiheit dank Nachrüstung?
Vielleicht kommt aber alles auch ganz anders. Der Marktexperte von IHS Markit sieht durchaus auch Möglichkeiten, das Batterieproblem vielleicht nicht in Großbritannien, sondern jenseits des Ärmelkanals zu lösen: „Warum nicht die Exportfahrzeuge erst in den europäischen Absatzländern mit den Batteriepacks nachrüsten?“ Zumal dann auch gleich das Problem mit dem Gefahrengut vom Tisch wäre, das große Batterien in Fahrzeugen vor allem bei der Verschiffung nun einmal darstellen. „Technisch machbar ist das“, sagt Lehne.
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