Autonomes Fahren und künstliche Intelligenz Beijing Auto Show 2024: Der Kampf um den Erstkäufer

Von Henrik Bork * 3 min Lesedauer

Sie heißt zwar Beijing Auto Show – aber das Auto ist keinesfalls der einzige Fokus auf der Pekinger Automesse. Die Beijing Autoshow, die noch bis zum 4. Mai stattfindet, ist in diesem Jahr erstmals auch zur global wichtigsten Leitmesse für das autonome Fahren geworden.

In Chinas Hauptstadt Peking findet seit dem 25.04. bis 04.05.2024 die Beijing International Automotive Exhibition statt. (Bild:  frei lizensiert bei Pixabay)
In Chinas Hauptstadt Peking findet seit dem 25.04. bis 04.05.2024 die Beijing International Automotive Exhibition statt.
(Bild: frei lizensiert bei Pixabay)

„Die nächsten zehn Jahre werden das Jahrzehnt der Intelligenz sein“, betonte He Xiaopeng, Gründer und CEO des chinesischen E-Auto-Startups XPeng auf der Messe, wo er wie ein Rockstar auf Schritt und Tritt verfolgt wurde und von ausländischen CEOs wie denen von Volkswagen umgarnt wurde.

KI für ADAS und AD

Der wohl wichtigste technologische Trend der Autoindustrie ist gegenwärtig, dass die Welle der Elektrifizierung und die auf sie folgenden Welle des „Smarten Cockpits“ und des autonomen Fahrens jetzt von der nächsten Welle abgelöst wird – nämlich die der künstlichen Intelligenz (KI), die in alle Bereiche des digital aufgerüsteten Fahrzeugs einzieht.

Xpeng hat es nicht ganz rechtzeitig bis zur Messe geschafft, nutzte sie aber dennoch als Plattform, um seine nächsten Software-Updates anzukündigen, die in diese Richtung weisen. Die jüngste, mit KI aufgerüstete Version seines Fahrassistenzsystems (ADAS) soll im Mai offiziell vorgestellt werden und dann per Over-the-Air-Upgrades drahtlos in existierende Autos der Marke überspielt werden.

Das wichtigste Merkmal des neuen ADAS von Xpeng ist, dass es ein End-to-End- oder e2e-Large-Model ist. Mit Hilfe von Deep Neural Networks (DNN) werden hier die komplexen Entscheidungsfindungs-Prozesse existierender autonomer Fahrlösungen – mit ihrer Kette vom Sensor über das Routenplanen bis hin zur Kontrolle – durch große Datensätze vereinfacht.

Von der Navigation zum smarten Cockpit

Diese End-to-End-Lösungen für ADAS und das autonome Fahren sind das aktuell wichtigste Einfallstor für die KI in die Autoindustrie und sie generieren auf der Beijing Autoshow daher gerade auch das größte Interesse bei den Besuchern. Neben der Navigation erobert die KI auch in schnellen Schritten das Cockpit. Wieder ist Xpeng, der neue Technologiepartner von Volkswagen in China, mit von der Partie. Auf der Autoshow stellte der chinesische Hersteller erstmals sein AI Tianji System vor, ein neues Betriebssystem, mit dem das Smart Cockpit in den Genuss von künstlicher Intelligenz kommt. Es soll ab Ende Mai für alle Pro- und Max-Versionen der Xpeng-Modelle X9, G6, G9 und P7i verfügbar gemacht werden.

Auch die neue-Software Qiankun ADS 3.0 des chinesischen Konzerns Huawei arbeitet Angaben des Herstellers zufolge schon mit e2e-Technologie. Die KI verspreche Verbesserungen in den vier Dimensionen Software-Architektur, Sicherheit, Navigations-Szenarien und Einparken, hieß es. Huawei hat bereits eine ganze Reihe chinesischer Automobilhersteller wie Changan, Dongfeng, BAIC und GAC als Kunden für seine neue Software gefunden und offenbar auch schon einen ersten ausländischen Abnehmer, denn Volkswagen wolle seinen neuen, in China gefertigten Audi QL6 e-tron mit dem neuen KI-ADAS von Huawei ausrüsten, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters am Rande der Automesse nach Interviews mit Insidern.

Auch bei Nio ist während der Pekinger Automesse zu erfahren, dass gerade mit Hochdruck an End-to-End-KI gearbeitet wird. Die neuen Algorithmen versprechen entscheidende Verbesserungen bei der Vorhersage von Ereignissen beim autonomen oder assistierten Fahren, sagen die Ingenieure des Unternehmens. Ren Shaoqing, Vizepräsident für F&E des Intelligenten Fahrens bei Nio, glaubt insbesondere an sein neues „World Model“, eine Erweiterung des End-to-End-Konzepts. Seiner Meinung nach werden „Autounternehmen definitiv zu den führenden KI-Unternehmen der Erde aufsteigen“. Hoffentlich haben seine Investoren zugehört.

BYD setzt auf Eigenentwicklungen und ist weiterhin das Unternehmen, dass die gesamte Konkurrenz am stärksten unter Druck setzt. Wie auf der Autoshow zu sehen war, verpackt BYD Premiumfunktionen inklusive fortgeschrittener ADAS-Systeme in immer günstigere E-Autos von derzeit schon unter 20.000 Euro pro Stück.

Ära des Software-definierten Fahrzeugs

Hinter all diesen Entwicklungen steht ein China-spezifischer Trend: Die relativ jungen Autokäufer in der Volksrepublik sind fasziniert von technischer Raffinesse. Anders als in Deutschland wird hier der Automarkt noch von Erstkäufern dominiert, nicht von Autobesitzern, die einen alten Wagen durch einen neuen ersetzen. Um genau diese Kundengruppe, die das Wachstum der Autokonzerne in den kommenden Jahren entscheidet, wird jetzt mit autonomen Fahrfunktionen, immer smarteren Cockpits und sogar mit KI in der Werkhalle zur Beschleunigung der Produktion hart gekämpft.

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Wenn es einem Moment gibt, an dem man die Ankunft der Ära des Software-definierten Autos ausrufen kann, dann ist es die gerade laufende Bejing Autoshow.  (se)

* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

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