Olga Nevska im Interview „Ich kann mir vorstellen, dass die Telekom Mobilitätsminuten anbietet“

Von Christian Otto 7 min Lesedauer

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Olga Nevska leitet die Telekom Mobility Solutions und hat neben der Elektrifizierung des Fuhrparks auch strategische Themen im Blick: So könnte die Konzernmutter Telekom auch beim Thema Mobilität deutschlandweit digitalisieren und integrieren.

Die Elektrifizierung des Telekomfuhrparks hat Olga Nevska als Geschäfstführerein der Telekom Mobility Solutions schon fast abgeschlossen. Doch sie sieht bei dem Tech-Unternehmen viel Potenzial auch die Mobilitätswende in Deutschland stark zu gestalten. (Bild:  Telekom/ NORBERT ITTERMANN)
Die Elektrifizierung des Telekomfuhrparks hat Olga Nevska als Geschäfstführerein der Telekom Mobility Solutions schon fast abgeschlossen. Doch sie sieht bei dem Tech-Unternehmen viel Potenzial auch die Mobilitätswende in Deutschland stark zu gestalten.
(Bild: Telekom/ NORBERT ITTERMANN)

Die Deutsche Telekom bestellt für ihre Mitarbeitenden in Deutschland seit dem 1. Januar 2023 nur noch Geschäftsfahrzeuge mit Elektroantrieb. Wie wurde diese Entscheidung angenommen?

Die Resonanz war positiv. Der Beschluss kam aber für die rund 6.000 Geschäftsfahrzeugnutzer auch nicht überraschend. Wir haben schon 2019 mit der Elektrifizierung des Fuhrparks begonnen und hatten Ende 2022 auf freiwilliger Basis schon einen Elektro-Anteil von 40 Prozent. Der Weg war also nicht mehr weit. Der erste Bereich, der komplett umstellte, war die T-Systems. Das war für uns der Testballon und das Feedback dort war sehr gut. Am deutschen Markt ist das Verbrenner-Aus sicher eine Revolution, innerhalb unseres Unternehmens war es eine Evolution. Wir weisen inzwischen eine reine BEV-Flotte vor und haben alle Hybride aus dem Portfolio genommen.

Denken Sie, dass die Resonanz in anderen deutschen Unternehmen genauso positiv ist?

Es braucht eine sehr gute Vorbereitung. Sie benötigen definitiv ein ausreichendes Portfolio an Fahrzeugen, die Ladeinfrastruktur muss geklärt sein und auch Themen wie die Belegverrechnung oder das Werkstattmanagement. In unserem Team gibt es ein spezielles Call Center, Kfz-Mechaniker und andere Experten, die das notwendige Knowhow mitbringen. Das haben wir über mehrere Jahre aufgebaut.

Das Thema Reichweite dürfte vor allem Ihre Außendienstmitarbeiter umtreiben. Wie bewerten Sie die Situation bei den derzeitigen Fahrzeugangeboten?

Mittlerweile ist der Reifegrad höher und es gibt genügend Fahrzeuge, die zuverlässig 450 Kilometer Reichweite erzielen. Im Winter ist es sicher ein bisschen weniger. Natürlich kann man über eine unzureichende öffentliche Ladeinfrastruktur klagen. Aber die reicht inzwischen definitiv aus, um sich für ein Elektroauto zu entscheiden. Die Gewerbeflotte ist da ein anderes Thema. Bei unseren 14.000 Serviceflottenfahrzeugen sind die Fortschritte noch bescheidener, weil es am Markt noch zu wenig Transporter mit zuverlässiger Reichweite und ausreichend Ladefläche gibt. Diese Fahrzeuge kommen aber in diesem Jahr und wir werden auch da Gas geben.

Noch im letzten Jahr sprachen Sie in einem Interview mit einer Wirtschaftszeitung die problematische Liefersituation an. Wie lange müssen die Mitarbeitenden derzeit im Durchschnitt auf ihre Fahrzeuge warten?

Die Lieferzeiten sind ein Thema, das uns schon seit Corona begleitet. Aufgrund der Chipkrise und des Ukraine-Krieges hat sich die Situation noch verschlechtert. Deshalb haben wir das Portfolio erweitert auf 56 Modelle, von denen aktuell allerdings nur rund 30 verfügbar sind. Wir kaufen und verkaufen die Fahrzeuge und müssen planbar agieren. Das bedeutet, dass wir Fahrzeuge, die länger als zwölf Monate Lieferzeit haben, aus dem Portfolio nehmen. Wir haben aber einen engen Austausch mit den Herstellern und steuern es aufgrund einer hohen Transparenz sehr gut aus. Und wir sind wichtig für die OEMs, da große Unternehmen einfach die Drehscheibe für die zunehmende Elektrifizierung sind. Dennoch haben wir das Optimum nicht erreicht: 2019 lag die durchschnittliche Lieferzeit bei drei Monaten. Derzeit sind wir bei acht bis neun Monaten. Deshalb haben wir unseren Prozess angepasst und rufen unsere internen Kunden frühzeitig zur Neubestellung auf. Unsere Erwartung ist, dass sich 2024 eine Stabilisierung ergibt. Übrigens haben wir den Lifecycle auch von drei auf vier Jahre verlängert.

Gibt es noch andere Hürden?

Das Thema Baubarkeit ist dazugekommen. Mit den Lieferzeiten kann man sich durch gute Planung arrangieren. Wenn aber das Fahrzeug nicht dem entspricht, was wir bestellt haben, weil bestimmte Teile bei der Fertigung nicht verbaut werde können, ist das ein anderes Problem. Es ist ein sensibles Thema, wenn zum Beispiel das gewünschte Soundsystem fehlt oder die Farbe nicht stimmt. Das müssen wir dann den internen Kunden vermitteln, die Raten anpassen etc.

Und bei den Preisen?

Da merken wir es auch, die Steigerung der Preise ist deutlich – durch Inflation, die schwierige Lieferkettensituation und die Hersteller, die durch die Engpässe den Markt auf ein höheres preisliches Level gehoben haben. Zudem werden die attraktiven Förderungen für E-Fahrzeuge 2023 auslaufen. Wir betrachten deshalb jetzt nochmals die Entwicklung der Preise.

Welche Erfahrungen machen Sie beim Wiederverkauf von Elektroautos?

Ein spannendes Thema. Fahrzeuge, die wir 2019 eingesteuert haben, gingen 2022 wieder an den Markt. Aufgrund des Mangels an Fahrzeugen waren die Restwerte viel höher als unsere Annahmen aus dem Jahr 2019. Das muss aber nicht so bleiben, denn wir wissen nicht, inwieweit sich in den kommenden Jahren die Batterietechnik und damit das Ladevermögen der neuen Fahrzeuge nochmals verbessert. Das hätte wiederum Auswirkungen auf die erreichbaren Wiederverkaufspreise der derzeit aktuellen Modelle. Eine Gleichung mit vielen Unbekannten.

Gibt es auch Mitarbeitende, die sich im Rahmen der neuen Dienstwagenregelung komplett vom Auto verabschieden und bewusst andere Mobilitätsmittel (Bahn, ÖPNV, Mikromobilität) nutzen wollen? SAP hat beispielsweise ein Mobilitätsbudget eingeführt.

Bei uns gibt es kein Mobility-Budget sondern eine Benefit-Budget. Dort hat man viele verschiedene Möglichkeiten, vom Auto bis zur Bahncard für bis zu zwei Personen. Man kann sich das Geld auch auszahlen lassen, es für ein Sabbatical nutzen oder für die Rente ansparen. Etliche Mitarbeiter haben sich für dieses Modell und gegen ein Auto entschieden. Wir sind aber noch nicht mit einem klassischen Mobilitätsbudget unterwegs. Da hoffen wir noch auf steuerliche Verbesserungen. Wir sind aber im Austausch mit SAP und schauen uns das genau an. Insgesamt haben wir 85.000 Mitarbeitende und der Pendelverkehr ist enorm. Deshalb bieten wir verschiedene Lösungen an: ein Elektroauto-Abo für alle Mitarbeitenden, Gehaltsumwandlung in Fahrrad, ein eigenes Carsharing mit 40 Stationen, Shuttle-on-demand für Dienstreisen mit unserem Partner ioki und das Fahrrad-Abo mit dem Partner Swapfiets. Man braucht Alternativen, denn eines ist klar: Die Antriebswende ersetzt nicht die Mobilitätswende.

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Betriebliche Mobilität ist ein wichtiges Thema. Die Telekom will hier Vorreiter sein und hat mit Ihnen und Ihrem Team eine treibende Kraft. Inwieweit sind Sie im regelmäßigen Austausch mit Fleet Managern anderer Unternehmen?

Wir haben eine Community von Mobilitätsverantwortlichen aus rund 45 unterschiedlichen Unternehmen gegründet – von groß bis klein. Dort tauschen wir offen unsere Erfahrungen aus und besprechen, was wir gemeinsam umsetzen können. Wir sehen uns nicht als Mitbewerber, sondern als eine Art ‚Selbsthilfekreis‘. Der Austausch ist ein inhaltlicher, über Budgets und Konditionen sprechen wir natürlich nicht.

In Europa beklagen viele Expert:innen das Fehlen eines wirklichen Mobility Service Providers wie in den USA oder China. Dort sind es meist Tech-Riesen. Wäre die Telekom nicht genau der richtige Kandidat für eine solche Rolle? Was bringt die Telekom und vor allem Telekom MobilitySolutions mit, um ein Player in Sachen Mobilität zu werden?

Spätestens durch das 9-Euro-Ticket und bald das Deutschlandticket wurde klar, wie wichtig bundesweit einheitliche Tarife sind, ebenso wie der Zugang zu Mobilität für alle. Noch kämpfen wir im ÖPNV allerdings mit einem Flickenteppich aus Tarifen und Angeboten und der Ruf nach einem ‚Integrator‘, der die unterschiedlichen Angebote digitalisieren und bündeln kann, wird lauter. Die Telekom hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie diesen Weg gehen kann. Wir als Telekom MobilitySolutions entwickeln daher mit der Plattform ‚goodride‘ eine eigene Mobility-as-a-Service-Lösung, die die verschiedenen Mobilitätsangebote für den Kunden aggregiert und ihn navigiert und begleitet: deutschlandweit.

Auch für externe Kunden?

Ja. Eine solche Plattform bietet viele Analogien zu unserem Telekommunikationsgeschäft. Wir haben gelernt, Kunden auch Services und somit einen Mehrwert jenseits unseres eigenen Portfolios anzubieten. Ich kann mir vorstellen, dass wir als Telekom unseren Kunden neben den bekannten Telekommunikationspaketen beispielsweise auch 1.000 Mobilitätsminuten zum Kauf anbieten. Dafür geben wir digitalen Zugang zu den jeweiligen Partnern, die das dann mit ihren Angeboten abwickeln. Heute ist dies noch nicht möglich, aber wir sind ein Trusted Data Provider und hierfür prädestiniert.

Wie kann das funktionieren?

Durch Partnerschaften mit privaten Transport- und ÖPNV-Anbietern. Denkbar wäre sogar eine europäische Lösung. Im Telekommunikationsbereich haben wir ja gute Erfahrungen mit der grenzüberschreitenden Nutzung von Netzen durch Roaming gemacht. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Städte und der ÖPNV bekommen eine wesentliche Rolle bei der Mobilität der Zukunft. Nimmt man dort die Telekom schon als wichtigen Partner wahr? Und wo sehen Sie bei diesen Spielern noch Verbesserungspotenzial?

Natürlich werden Städte und Verkehrsbetriebe eine entscheidende Rolle bei der Verkehrswende spielen. Muss aber jede Region eine eigene Mobilitäts-App entwickeln? Oder macht es viel mehr Sinn, smarte ‚Private-Public-Partnerships‘ einzugehen und schnell gemeinsame Lösungen im Sinne des Kunden und der Umwelt zu schaffen? Dabei wollen wir die Rolle des Digitalisierers und Integrators übernehmen, um neue Kundengruppen zu erschließen und deutschlandweit den digitalen Zugang zu vernetzter, nachhaltiger, garantierter Mobilität zu ermöglichen. Mit der ÖPNV-Region Rhein-Sieg arbeiten wir schon zusammen. Der Großraum Köln/Bonn ist damit in unsere Plattform integriert. Das Deutschlandticket wird schließlich der Game Changer sein und uns eine deutschlandweite Abdeckung ermöglichen.

Sie werben auch für ein nationales Mobilitäts-Ökosystem. Würden Sie dort mit der Telekom Mobility Solutions eine Lead-Position übernehmen? Wer müsste sich daran beteiligen, um wirklich nachhaltige Ergebnisse zu liefern?

Ich bin der Überzeugung, dass Deutschland eine einheitliche Sicht auf die Entwicklung der Mobilität braucht. Wir müssen auf Bundesebene und weniger in Verbünden oder Städten denken. Und vor allem aus Sicht der Endkunden, also der Reisenden. Dafür brauchen wir neue Player und Partnerschaften: Das sind Tech-Unternehmen wie die Telekom, die Digitalisierung können. Der ÖPNV, aber auch Carsharing-Unternehmen gehören ebenfalls dazu. Alle müssen beteiligt sein und einen gemeinsamen Standard beschließen. Wir sind bereit, alle Player zusammenzubringen und datengetriebene Mobilität wahr werden zu lassen. Mit unserer Plattform gehen wir den ersten Schritt und das ist nur der Anfang.

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