People Mover Holon-CEO Henning von Watzdorf: „Wir bieten das Gesamtpaket“

Von Hartmut Hammer 4 min Lesedauer

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Die erste Euphorie um People Mover ist abgeflaut. Warum die Benteler-Gruppe dennoch an die Zukunft der On-Demand-Mobility glaubt, und welche Lösungen der selbst entwickelte Holon Mover bietet, erläutert Henning von Watzdorf, CEO der Benteler-Tochtergesellschaft Holon.

Henning von Watzdorf: „Wichtig ist eine kluge Industrialisierung des Mover-Konzepts, inklusive Hebung aller Skaleneffekte.“(Bild:  Holon)
Henning von Watzdorf: „Wichtig ist eine kluge Industrialisierung des Mover-Konzepts, inklusive Hebung aller Skaleneffekte.“
(Bild: Holon)

Herr von Watzdorf, bisher sind People Mover lediglich in Pilotprojekten und Kleinstserien zu sehen. Warum sollte Holon gelingen, woran etliche Anbieter sich bisher die Zähne ausbeißen?

Holon hat als Carve-out der Benteler-Gruppe Zugriff auf umfangreiches Entwicklungs- und Industrialisierungs-Knowhow. Unser autonomer Mover wird nach den technischen Standards und Qualitätsrichtlinien der Automobilindustrie entwickelt. Dafür garantiert die jahrzehntelange Automotive-Kompetenz von Benteler. Holon wird als Turnkey-Lösung aus einer Hand ein alltagstaugliches, inklusives Fahrzeug mit einem erprobten Self Driving System (SDS) zu attraktiven „Total Cost of Ownership“ bieten.

Nun ist Benteler nicht unbedingt als Spezialist für das vollautomatisierte Fahren bekannt …

Solche Fahrzeug-Konzepte kann man nur gemeinsam verwirklichen. Deshalb kooperieren wir bei Holon eng mit renommierten Partnern: Mobileye verantwortet im Holon Mover das System für autonomes Fahren, Cognizant liefert die Elektronik-Architektur. Und Pininfarina steht für das attraktive Exterieur- und Innendesign. Holon verantwortet als Fahrzeughersteller die Systemintegration auf Fahrzeugebene, verknüpft die verschiedenen Bereiche zu einer durchgängigen Wertschöpfungskette und bietet die zukünftige Mobilitätslösung aus einer Hand. Es gibt viele Player, die beherrschen einzelne Bausteine der Zukunftsmobilität: Wir bieten das Gesamtpaket.

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Will der Kunde immer das Gesamtpaket?

Kommunen und Verkehrsbetriebe brauchen Unterstützung dabei, einen People Mover, das vollautomatisierte Fahren nach Level 4, das Flottenmanagement und die vor- und nachgelagerten Services miteinander zu verknüpfen. Sie sind meistens auf einen Integrator wie uns angewiesen. Wir reagieren flexibel auf Kundenbedürfnisse und bieten vom fahrbereiten Fahrzeug bis hin zur schlüsselfertigen Lösung kundenspezifische Varianten an.

Die traditionellen OEMs haben längst abgewunken. Wo sehen Sie das Marktpotenzial?

Für OEMs mit ihren volumenstarken Produktionsstrukturen ist der Mover-Markt zu klein, das stimmt. Wir haben ihn intensiv analysiert und sehen ein attraktives Potential. Wir haben viele Anfragen, da es bisher noch keine verlässlichen Fahrzeuge in diesem Segment gibt – das ist genau unsere Nische. Wichtig ist eine kluge Industrialisierung des Mover-Konzepts, inklusive Hebung aller Skaleneffekte. Viele andere Anbieter von People Movern haben hier Probleme, da sie sie teilweise aus der Softwarebranche stammen und ihre Fahrzeuge bisher in aufwendiger Einzelfertigung produzieren, die keine Skalierung zulässt.

Die schleppende Umsetzung von Verkehrskonzepten mit People Movern lässt aber vermuten, dass der Bedarf noch fehlt …

Es gibt einen hohen Bedarf – dieser ergibt sich ganz klar aus den langfristigen Entwicklungen. Viele Kommunen wollen den Pkw-Verkehr reduzieren, große Städte verbannen zunehmend private Autos aus den dichten Kernzonen. Außerdem muss der öffentliche Verkehr endlich städtische Randbereiche und die ländlichen Gebiete besser erschließen, in denen sich liniengebundene große Busse nicht rechnen. Das spricht für den zusätzlichen Einsatz von autonomen und inklusiven Movern, die Mobilität auch für Menschen mit Einschränkungen möglich machen.

Wie wollen Sie die Kunden und Nutzer überzeugen?

Die Menschen sollen gerne im autonomen Mover von Holon mitfahren. Das Interieur ist deshalb auf eine hohe Aufenthaltsqualität ausgelegt und bietet mit seinen 10 Sitz- und 5 Stehplätzen einen hohen Nutzwert. Mehrere Displays zeigen den Passagieren nützliche Fahrtinformationen. Kommunen und Verkehrsbetriebe erwarten gleichzeitig eine sehr hohe Verfügbarkeit und einen überzeugenden Service. Wir bieten ihnen dafür ein Komplettpaket inklusive Wartung, Training und Softwareupdates. Dieses Angebot dürfte bisher einzigartig im Mover-Markt sein.

Und wie gewährleisten Sie Barrierefreiheit?

Die Einstiegshöhe im Holon Mover ist sehr gering und kann bei Bedarf zusätzlich über eine aus dem Unterboden ausfahrbare Rampe überwunden werden. Innen bieten Fixierungen für Rollstuhl und Kinderwagen sicheren Halt. Brailleschrift und akustische Signale vermitteln sehbehinderten Personen wichtige Informationen.

Zusätzlich verbessert eine kamerabasierte Innenraumüberwachung das Sicherheitsgefühl. Bei Bedarf kann über eine Schnittstelle direkt mit einem Operator in der Leitzentrale kommuniziert werden.

Gibt es Sicherheitsgurte?

Wir planen, den Holon Mover maximal für Tempo 60 zuzulassen. Daher sind keine Rückhaltesysteme erforderlich – wie übrigens auch bei Linienbussen. Eine bewusste Entscheidung, um die Nutzung so einfach wie möglich zu gestalten.

Das SDS-System von Mobileye überwacht mit Lidar-, Radarsensoren und Kameras engmaschig und zuverlässig das Fahrzeugumfeld. Dieses System ist hochperformant und hat beispielsweise schon im Stadtverkehr in Jerusalem seine Feuertaufe bestanden.

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Und mit welchen Eigenschaften fügt sich der Holon Mover in die oft beengten städtischen Verkehrsverhältnisse ein?

Wir haben den Holon Mover bewusst in der Größendimension heutiger Pkw ausgelegt, damit er problemlos die Infrastruktur nutzen und beispielsweise in enge Innenstädte einfahren kann. Mit 150 Kilowatt Traktionsleistung und 60 km/h Höchstgeschwindigkeit wird er auch auf übergeordneten Straßen gut im Verkehr mitschwimmen. Knapp 100 Kilowattstunden Batteriekapazität garantieren mehr als 250 Kilometer Reichweite und damit einen vollen Tag Betrieb.

Wir setzen im Antrieb und anderswo bewusst Commodity-Bauteile ein, um einerseits über Skaleneffekte die Kosten zu optimieren und andererseits eine möglichst hohe Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit zu erzielen.

Wann wird der erste Holon Mover im Serieneinsatz sein?

Unser Fokus liegt derzeit auf der erfolgreichen Serienentwicklung und Industrialisierung. Wir planen, 2025 die ersten Fahrzeuge im Probebetrieb auf die Straße zu bringen. Die Serienproduktion wird sich dann an den konkreten Bedarfen unserer Kunden orientieren.

Kurzvita Henning von Watzdorf:

Dr.-Ing. Henning von Watzdorf ist seit Juli 2023 CEO sowie Geschäftsführer von Holon. Zusätzlich ist Dr. von Watzdorf – seit seinem Einstieg in der Division Automotive der Benteler-Gruppe im Jahr 2012 – Executive Vice President der Business Unit Structures. Durch seine bereits mehr als zehnjährige Tätigkeit in dieser Rolle hat er internationale Expertise in der Industrialisierung und Skalierung von Produkten in der Automobilbranche.

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