Ressourcenknappheit Europa droht bis 2030 strukturelles Lithiumdefizit

Von Susanne Braun 3 min Lesedauer

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Eine Studie chinesischer und skandinavischer Forscher warnt davor, dass insbesondere Europa bis zum Jahr 2030 keine Chance hat, seinen Lithium-Hunger zu stillen. Weltweit wird ein massiver Ausbau der Förderkapazitäten nötig, um die Elektrifizierung des Verkehrs und das Erreichen von Klimazielen zu erreichen.

Lithium wird derzeit am meisten in Australien, Chile und China produziert.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Lithium wird derzeit am meisten in Australien, Chile und China produziert.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Die Studie „Long on expectations, short on supply: Regional lithium imbalances and the effects of trade allocations by China, the EU, and the USA“ von Qifan Xia, André Månberger und Debin Du der East China Normal University und der Universität von Lund zeichnet eine dramatische Diskrepanz zwischen Lithium-Förderung und der Erfüllung des Bedarfs des „weißen Goldes“. Sofern der Trend zur Elektrifizierung des Individualverkehrs anhält, mitunter mit immer größeren Batteriekapazitäten, wird vor allem Europa Schwierigkeiten haben, den Bedarf zu decken.

Die Autoren zeichnen ein klares Bild: Trotz massiver Ausweitung der Förderung wird die heimische Lithiumproduktion in allen Szenarien den rasant steigenden Bedarf nicht annähernd decken können. So dürfte Europas Förderung zwar um das 10- bis 28-fache (im Optimalfall) steigen, die der USA um das 6,7- bis 17,8-fache und Chinas um das 1,5- bis 2-fache – jeweils gemessen von 2025 bis 2030. Doch selbst diese sprunghaften Zuwächse reichen nicht aus; weltweit droht weiterhin ein Lithiumdefizit. Diese Prognose stützt sich auf belastbare Quellen wie Analysen der Internationalen Energieagentur und anderer Forschungsteams, die ebenfalls vor einer Rohstoffknappheit warnen.

Europa mit der größten Versorgungslücke

Selbst bei maximalen Importen bleibt der Kontinent weit von einer Selbstversorgung entfernt, halten die Forscher fest. Während China und die USA ihre Versorgung durch mehr Förderung oder effizientere Batterien teilweise stabilisieren könnten, sieht Europa im Modellvergleich am schlechtesten aus. Besonders kritisch: Sobald andere Regionen ihre Importe erhöhen, könnten selbst moderat steigende Bedarfe in Europa zu realen Engpässen führen. Ohne strategische Rohstoffpartnerschaften und alternative Mobilitätskonzepte droht Europa im globalen Wettbewerb um Lithium ins Hintertreffen zu geraten.

Handlungsempfehlungen, um die Auswirkungen mindestens zu dämpfen

Entsprechend skizziert die Studie drei zentrale Strategien, um dem drohenden Lithium-Engpass zu begegnen: Erstens müsse die weltweite Förderung deutlich ausgeweitet werden. Besonders die USA könnten durch schnellere Genehmigungen, neue Minen und nachhaltige Verarbeitungsprozesse ihre Importabhängigkeit verringern. In Deutschland gibt es aktuell mehrere Pilotprojekte, etwa die von Vulcan Energy und Neptune Energy, um Lithium und Lithiumprodukte aus Thermalwasser oder Tiefenwasser zu gewinnen.

Zweitens setzt die Studie auf technologische Innovation. Effizientere Batterien, neue Materialien und Verfahren wie die Direct Lithium Extraction könnten den Rohstoffbedarf deutlich senken. Auch Alternativen wie Natrium-Ionen-Batterien könnten langfristig zur Entlastung beitragen, wenngleich ihr Durchbruch erst nach 2030 erwartet wird.

Drittens appellieren die Autoren an ein gesellschaftliches Umdenken: Eine Verkehrswende, die nicht allein auf den 1:1-Austausch von Verbrennern gegen Elektroautos setzt, sondern auf kollektive Mobilität wie ÖPNV, Carsharing und geteilte Ladeinfrastrukturen, könne den Ressourcenbedarf drastisch senken – und zugleich Klima-, Umwelt- und Infrastrukturprobleme mildern.

Hinweise zur Methodik der Studie

Die Herausforderungen klingen dramatisch, die Lösungsansätze sinnvoll. Allerdings muss festgehalten werden, was in der Studie fehlt. Sie berücksichtigt in ihrer aktuellen Form nur China, die EU und die USA – eine globale Einbeziehung würde den Druck auf die Lithiumversorgung noch verstärken. Zudem wird Chinas Rolle als Autoexporteur nicht erfasst, was den regionalen Bedarf verzerrt.

Unberücksichtigt bleiben ebenfalls kurzfristige Marktreaktionen wie Preissprünge, obwohl sie Angebot und Nachfrage stark beeinflussen könnten. Recycling und Second-Life-Nutzung wurden ausgeklammert – auch wenn ihr Beitrag bis 2030 wohl begrenzt bleibt. Schließlich könnten politische oder gesellschaftliche Veränderungen die Nachfrage dämpfen und Engpässe mildern. Das sind Szenarien, die die Modelle der Forscher kaum abbilden. (sb)

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