Elektromobilität Dieselbusse umrüsten statt neu kaufen

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 4 min Lesedauer

Bis 2030 sollen in Deutschland rund 38.000 Busse elektrifiziert werden. Doch die Hersteller können pro Jahr höchstens 9.100 neue Fahrzeuge liefern – für den gesamten Markt. Ein Neukauf ist kostspielig. Außerdem sind Busse robust gebaut und meist noch viele Jahre einsatzfähig. Warum also nicht einfach den Antrieb austauschen und umrüsten?

Reisebusse sind teuer und müssen nicht durch neue elektrische Modelle erstzt werden.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Reisebusse sind teuer und müssen nicht durch neue elektrische Modelle erstzt werden.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Genau hier setzt die To Zero Electric Vehicles an. Das Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, bestehende Dieselbusse technisch auf den neuesten Stand bringen und in vollelektrische Fahrzeuge umzurüsten. Der Ansatz ist ebenso simpel wie wirkungsvoll: Statt funktionstüchtige Fahrzeuge frühzeitig auszumustern, werden sie durch ein standardisiertes Retrofit-Kit in ihrer Kerntechnik modernisiert. Fahrgestell, Karosserie und Innenraum bleiben erhalten, lediglich der Antrieb wird ersetzt.

Die Umrüstung

Die Umrüstung umfasst den kompletten Austausch des Dieselmotorstrangs durch ein elektrisches Antriebssystem. Kombiniert mit Lithium-Eisenphosphat-Batterien, die als besonders sicher und langlebig gelten. Die Software des Fahrzeugs wird auf Effizienz und Reichweite abgestimmt. So entstehen Busse, die mehr als 400 Kilometer am Stück zurücklegen können und nach weniger als einer halben Stunde Ladezeit bereits wieder 300 Kilometer einsatzbereit sind. Von außen ist der Umbau meist nur an den zusätzlichen Batteriemodulen auf dem Dach erkennbar. Im Innenraum dagegen bleibt die Sitzplatzkapazität unverändert.

Die wirtschaftlichen Vorteile sind offensichtlich. Während ein neuer Elektrobus derzeit zwischen einer halben und zwei Drittel Million Euro kostet, liegt die Umrüstung bei etwa der Hälfte. Hinzu kommt, dass der Bund bis zu 80 Prozent dieser Investition fördert. Auch die Betriebskosten sinken deutlich: Strom ist günstiger als Diesel, und die Wartung eines Elektromotors erfordert weit weniger Aufwand. To Zero geht davon aus, dass sich die laufenden Kosten um bis zu 70 Prozent reduzieren lassen. Über die Lebensdauer eines Fahrzeugs summieren sich die Einsparungen auf sechsstellige Beträge.

Ein Universal-Kit?

Das Unternehmen deckt mit seinen Kits bereits einen Großteil der relevanten Modelle ab. Dazu gehören unter anderem die weit verbreiteten MAN-Baureihen, der Mercedes-Benz Citaro und sogar Reisebusse der Marke Setra. Mit dem Umbau eines Setra S 516 HD gelang es To Zero nach eigenen Angaben, den europaweit ersten elektrischen Reisebus auf die Straße zu bringen.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Projekt im schwäbischen Hall. Dort wurde ein MAN Lion’s City aus dem Jahr 2014 elektrifiziert. Die topografischen Herausforderungen im Kochertal mit seinen steilen Anstiegen erforderten eine besondere Lösung. Zusätzliche Batterien wurden auf dem Dach installiert, sodass der Bus auch in schwierigem Gelände zuverlässig fahren kann. Inzwischen ist das Fahrzeug regulär im Linienverkehr im Einsatz. Der Umbau entstand in Kooperation mit Voith und Orten Electric Trucks und beweist, dass Retrofit nicht nur in der Theorie funktioniert, sondern sich auch im Alltag bewährt.

Die Vorteile

Ökologisch sind die Vorteile unübersehbar. Jeder umgerüstete Bus spart über seine Restlebensdauer bis zu 1.000 Tonnen CO₂ ein. Hinzu kommt, dass Ressourcen geschont werden: Statt ein komplettes Fahrzeug neu zu produzieren, wird nur der Antrieb ausgetauscht. Stahl, Glas, Sitze, Türen und große Teile der Elektronik bleiben im Einsatz und verlängern so die Nutzungsdauer der gesamten Flotte.

Die Förderlandschaft unterstützt diese Entwicklung, ist aber nicht ohne Risiken. Zwar ermöglicht die Bundesregierung derzeit Zuschüsse von bis zu 80 Prozent, doch Fristen sind oft knapp bemessen und Förderprogramme können gestoppt oder verschoben werden. Wenn Neufahrzeuge nicht rechtzeitig geliefert werden können oder die Förderungen auslaufen, wird Retrofit zur pragmatischen Alternative. To Zero positioniert sich daher bewusst als Brückenbauer, um die Klimaziele auch unter schwierigen Rahmenbedingungen erreichbar zu machen.

Der Markt ist enorm. Bis 2030 sind laut To Zero in Deutschland 38.000 elektrische Busse nötig. Die gesamten Herstellerkapazitäten reichen höchstens für 9.100 Neufahrzeuge. Diese müssen aber auf viele Länder aufgeteilt werden, was eine große Differenz bedeuten wird. To Zero selbst hat sich das Ziel gesetzt, bis 2028 rund 5.000 Busse zu elektrifizieren. Schon heute deckt das Unternehmen mit seinen Kits mehr als 70 Prozent der relevanten Modelle im Markt ab.

Herausforderungen bestehen vor allem auf regulatorischer Ebene. Viele Verkehrsverträge schreiben ein Höchstalter der Fahrzeuge vor, oft zwölf Jahre. Ein umgerüsteter Bus ist technisch zwar neuwertig, fällt aber trotzdem unter diese Altersgrenze. Ohne Anpassungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen könnten solche Vorschriften die Verbreitung von Retrofit bremsen. Verbände fordern daher Öffnungsklauseln, die das tatsächliche technische Niveau statt des Baujahrs in den Vordergrund stellen.

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Alles in allem zeigt sich: Retrofit ist weit mehr als eine Übergangslösung. Die Umrüstung von Dieselbussen zu Elektrobussen ist eine Schlüsseltechnologie, die gleichermaßen Kosten spart, Ressourcen schont und Emissionen drastisch reduziert. To Zero hat bewiesen, dass der Ansatz funktioniert und das sowohl wirtschaftlich, technisch, als auch ökologisch. Für Städte und Verkehrsbetriebe, die schnell handeln müssen, könnte Retrofit der entscheidende Schritt sein, um Klimaziele einzuhalten und gleichzeitig eine bezahlbare Mobilität zu sichern. Der Weg in die Elektromobilität beginnt damit nicht zwangsläufig mit einem kompletten Neufahrzeug, sondern oft nur mit einem neuen Antrieb. (mr)

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