Autonomes Fahren und Cybersicherheit Chinas Elektroauto-Offensive rollt an – und Europa schaut zu?

Ein Gastkommentar von Ingo Unger * 4 min Lesedauer

Zwischen 2020 und 2023 schnellte der Anteil chinesischer E-Autohersteller an Neuzulassungen in der EU von zwei auf satte 7,6 Prozent hoch. Das ist mehr als ein Markttrend – es ist ein Weckruf. Chinesische Unternehmen geben Vollgas beim automatisierten Fahren, bringen neue Systeme im Rekordtempo auf die Straße, nutzen bewährte Betriebssysteme und profitieren von einer strategischen Verzahnung zwischen Politik, Infrastruktur und Industrie. Und Europa?

Europa verliert im Vergleich zu China wertvolle Zeit im globalen Tech-Wettrennen beim autonomen Fahren. Warum? Weil hier oft noch an proprietären Lösungen gebastelt wird – statt auf Geschwindigkeit und Skalierbarkeit zu setzen. (Bild:  frei lizensiert bei Pixabay)
Europa verliert im Vergleich zu China wertvolle Zeit im globalen Tech-Wettrennen beim autonomen Fahren. Warum? Weil hier oft noch an proprietären Lösungen gebastelt wird – statt auf Geschwindigkeit und Skalierbarkeit zu setzen.
(Bild: frei lizensiert bei Pixabay)

Europa hingegen verliert wertvolle Zeit im globalen Tech-Wettrennen. Warum? Weil hier oft noch an proprietären Lösungen gebastelt wird – statt auf Geschwindigkeit und Skalierbarkeit zu setzen. Das Problem liegt nicht im Know-how, sondern in der Umsetzung: Zähe Regulierung, fragmentierte Standards und nationale Alleingänge bremsen die Dynamik. Dabei könnten genau diese Standards Europas Joker sein: Sie bieten Sicherheit, schaffen Vertrauen – und liefern ein echtes Qualitätsversprechen. Die Luftfahrtindustrie macht es vor: Mit knallharter Zertifizierung zu kompromissloser Sicherheit. Warum nicht auch bei autonomen Fahrzeugen?

China drückt aufs Gas – mit System und Milliarden

Der technologische Sprint der chinesischen Autobauer ist kein Zufall – sondern das Ergebnis eines durchdachten Masterplans. Staatliche Stellen ermöglichen realitätsnahe Tests, genehmigen autonome Systeme für den Alltagsbetrieb und bauen flächendeckend intelligente Infrastruktur aus. Megastädte wie Wuhan investieren gigantische Summen in sensorische Straßennetze, smarte Parklösungen und eigene Chip-Fabriken. So wird aus Innovation Alltag – und aus Prototypen Realität.

Dazu setzen Chinas Hersteller auf eine clevere Devise: Warum das Rad neu erfinden? Bestehende Plattformen und Betriebssysteme werden intelligent kombiniert – so gelangen neue Funktionen im Eiltempo auf den Markt. Die Folge: Kurze Entwicklungszyklen, schneller Rollout, maximale Effizienz.

Europas Ass im Ärmel: Standardisierung und Sicherheit

Europa steht für hohe Ansprüche bei Sicherheit, Datenschutz und Systemstabilität – gerade im sensiblen Zusammenspiel von Mensch, Maschine und vernetzter Infrastruktur. Doch dieser Vorsprung ist in Gefahr: Nationale Kleinstaaterei, unterschiedliche Auslegungen europäischer Vorgaben und fehlende Koordination machen es Unternehmen unnötig schwer.

Dabei liegt der Schlüssel längst auf dem Tisch: TISAX und das darauf aufbauende Vehicle Cyber Security Audit (VCS) – zwei etablierte Standards, die Cybersicherheit und Informationsschutz im Fahrzeugbau auf ein neues Level heben. Sie decken sogar die Besonderheiten KI-gestützter Systeme ab.

TISAX schützt sensible Entwicklungsumgebungen, Prototypen und personenbezogene Fahrzeugdaten. VCS geht tiefer – und prüft entlang der gesamten Fahrzeugentwicklung: von der ersten Codezeile bis zum OTA-Update. Dabei orientiert sich der Standard an der ISO/SAE 21434 – und adressiert genau die neuralgischen Punkte: Software-Architektur, Datenflüsse, Infrastrukturvernetzung.

Für Europas Autobauer wäre das eine Chance: Statt neue Einzellösungen zu entwickeln, könnten TISAX und VCS zur gemeinsamen Basis werden – und endlich das liefern, was im internationalen Vergleich oft fehlt: eine einheitliche Umsetzung, schnelle Skalierung und messbare Sicherheit. Beide Standards passen zu den EU-Vorgaben R 155 und R 156 – und könnten damit zum Fundament einer einheitlichen europäischen Sicherheitsarchitektur werden. Für die Industrie heißt das: weniger Flickwerk, mehr Geschwindigkeit, echte Skalierung.

Autonome Systeme brauchen Vertrauen

Im Kontext automatisierter Fahrzeuge ist Vertrauen keine abstrakte Größe, sondern eine betriebsnotwendige Voraussetzung. Denn je mehr sicherheitskritische Funktionen an KI-Systeme übergeben werden – von der Spurführung bis zur Notbremsung – desto wichtiger wird die Fähigkeit, Entscheidungen nachvollziehbar zu dokumentieren und technische Abläufe jederzeit rekonstruieren zu können. Hier setzen moderne Zertifizierungsansätze an: Sie machen nicht nur Sicherheitsmaßnahmen sichtbar, sondern auch deren methodische Herleitung und operative Umsetzung.

Ein zentrales Element ist Traceability – also die lückenlose Rückverfolgung sicherheitsrelevanter Entwicklungs- und Testschritte. Standards wie VCS verlangen, dass Unternehmen nicht nur funktionierende Sicherheitssysteme nachweisen, sondern auch aufzeigen, wie diese entstanden sind, welchen Prüfprozessen sie unterlagen und wie sie über die Fahrzeuglebensdauer hinweg gewartet und aktualisiert werden. Zudem gewinnen kontinuierliche Sicherheitsbewertungen an Bedeutung: Autonome Fahrzeuge benötigen nicht nur eine „Initialprüfung“, sondern ein Monitoring über den gesamten Lebenszyklus hinweg. VCS berücksichtigt daher auch Update-Management, Incident Response und Supply Chain Security – also die Fähigkeit, auch nach dem Produktionsstart auf neue Bedrohungslagen reagieren zu können.

Was Europa von China lernen kann: Tempo, Pragmatismus, Teamwork

So riskant Chinas Tempo auch erscheinen mag – es zeigt, wie technologische Innovation und regulatorische Gestaltung gemeinsam funktionieren können. Ob schnelle Zulassungsverfahren, smarte Infrastruktur oder nahtlose Fahrzeugvernetzung – China denkt Mobilität als Gesamtsystem.

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Was heißt das für Europa? Drei Handlungsfelder stechen heraus:

  • Standards bündeln statt zersplittern: Europa braucht einen klaren, einheitlichen Rahmen, der Sicherheit, Funktionalität und Interoperabilität vereint – auf Basis bestehender Zertifizierungsmodelle.
  • Kooperation statt Einzelkampf: Hersteller, Zulieferer, Software-Schmieden und Behörden müssen enger verzahnt zusammenarbeiten. Gemeinsame Verantwortung bedeutet Tempo und Qualität. Kooperation entlang der Wertschöpfungskette muss gefördert werden: Hersteller, Zulieferer, Softwareunternehmen und Behörden sollten in Entwicklung und Umsetzung stärker zusammenarbeiten. Geteilte Verantwortung bedeutet höhere Geschwindigkeit und bessere Qualität.
  • Regulierung als Innovations-Booster: Sicherheit darf kein Hemmschuh sein – sondern muss als strategisches Asset verstanden werden. Von der Entwicklung bis zum Betrieb

Sicherheit als Wettbewerbsvorteil in einem dynamischen Zukunftsmarkt

Die technologische Entwicklung verläuft global – die Frage ist, welche Märkte mit welchen Systemen dominieren werden. Während China auf Schnelligkeit, pragmatische Umsetzung und nationale Koordination setzt, wird Europa mit zertifizierter Sicherheit, rechtlicher Verlässlichkeit und datenethischer Klarheit punkten – sofern diese Stärken konsequent eingesetzt werden.

Zertifizierungen wie TISAX und VCS liefern bereits heute die Grundlage für sichere, vertrauenswürdige Systeme. Wer sich an diesen Standards orientiert und Cybersicherheit als strategische Aufgabe begreift, wird nicht nur regulatorischen Anforderungen gerecht – sondern positioniert sich als Vorreiter in einer zunehmend vernetzten Industrie. Die Chance, eigene Maßstäbe zu setzen, ist da. Jetzt gilt es, sie zu ergreifen. (se)

* Ingo Unger ist Experte für Business Development bei DQS.

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