432,8 km/h im Jahr 1938: Ein Rekord (fast) für die Ewigkeit

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Motorkühlung: Eiswasser statt Fahrtwind

Auffällig ist der geringe Durchmesser der Lufteinlassöffnungen in der Front der Stromlinienkarosserie. Dies wird durch die innovative Eiskühlung des Rekordwagens möglich. Dabei befindet sich der Kühler in einem Behälter mit 48 Liter Wasser und fünf Kilogramm Eis. Zusätzliche Kühlwirkung kann bei Bedarf durch Trockeneis erzeugt werden. So entfällt die Kühlerdurchströmung mit Luft, die sich in einem deutlich höheren Luftwiderstand des Fahrzeugs bemerkbar machen würde.

Die Anregung für die Eiskühlung kommt von der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) in Berlin-Adlershof. Wie erfolgreich die Ausrüstung des W 125 Rekordwagens mit der neuen Karosserie ist, zeigen vier Jahrzehnte später ausgeführte Messungen im Mercedes-Benz Windkanal. Dort erreicht der Silberpfeil in seiner Fahrkonfiguration einen exzellenten Luftwiderstandsbeiwert von cW = 0,170.

Der bei den abgebrochenen Rekordversuchen im Oktober 1937 eingesetzte V12-Motor mit 5.577 Kubikzentimeter Hubraum wird komplett zerlegt und optimiert. Unter anderem soll durch eine Anreicherung des Verbrennungsgemischs und verstärkte Kolbenbolzen seine Zuverlässigkeit erhöht werden.

Zu den weiteren Maßnahmen gehören auch vernickelte Kolbenböden, um das Risiko von Verschmorungen zu senken. Außerdem wird das Kolbenspiel erhöht. Schließlich sorgt Georg Scheerer in der Motorenwerkstatt der Rennabteilung für eine gleichmäßige Gemischversorgung der einzelnen Zylinder.

Prüfstandsläufe bestätigen den Erfolg sämtlicher Arbeiten. Eine Leistungsmessung vor dem Einbau des Motors ins Fahrzeug ergibt am 29. Dezember 1937 eine Leistung von 525 kW (714 PS) ohne Zusatzschiebervergaser. Zusammen mit diesen zusätzlichen Vergasern würde die Leistung rund 563 kW (765 PS) betragen, teilt Scheerer am 6. Januar 1938 mit. Das sind 21 kW (29 PS) mehr, als der Motor bei den Rekordversuchen acht Wochen zuvor erreicht hat.

„Der Wagen liegt herrlich auf der Straße“

Es ist eine Rekordfahrt, wie sie bislang noch niemand gewagt hat. Es lohnt sich: Auf der im Mai 1935 eröffneten Autobahn zwischen Frankfurt am Main und Darmstadt, der späteren Bundesautobahn A 5, erreicht Rudolf Caracciola am Morgen des 28. Januar 1938 kurz nach 8 Uhr die bis dahin schnellste auf einer öffentlichen Straße erzielte Geschwindigkeit: Er kommt über den Kilometer mit fliegendem Start auf 432,7 km/h und bricht auch den Rekord für die Meile mit fliegendem Start auf 432,4 km/h.

Ermittelt werden die Geschwindigkeiten jeweils als Mittelwert von Fahrten in beide Richtungen. Caracciola lobt in seiner späteren Biografie das Fahrzeug: „Der Wagen liegt herrlich auf der Straße. Ich merke es schon auf der Anlaufstrecke. Es ist ein ganz anderes Fahren als mit der Konstruktion im vorigen Jahr.“ Dies demonstriert eindrucksvoll den Erfolg der Aerodyamikoptimierung mit der grundlegend neu entwickelten Stromlinienkarosserie.

Die Auto Union versucht noch am gleichen Tag, diesen neuen Mercedes-Benz Rekord zu brechen. Doch Bernd Rosemeyer, der erfolgreichste Rennfahrer des Konkurrenzunternehmens, verunglückt dabei tödlich. Sein Fahrzeug wird in voller Fahrt von einer Windböe erfasst und von der Fahrbahn gedrängt.

Fast acht Jahrzehnte lang bleibt der von Caracciola erzielte Geschwindigkeitsrekord auf einer öffentlichen Straße bestehen. Erst am 4. November 2017 wird er übertroffen und auf 445,54 km/h verschoben. Das Fahrzeug hat fast die doppelte Motorleistung. Sein Name: Koenigsegg Agera RS.

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