Vom Experiment zum Dauerangebot: Nach dem 9-Euro-Ticket plant der Bund ein reguläres bundesweites Nahverkehrsticket. Doch der Preis wird höher sein, die Länder sollen ins Boot. Wer hätte etwas davon?
Die Regierung plant ein dauerhaftes Angebot für den Nahverkehr.
(Bild: Deutsche Bahn/Oliver Lang)
Tarifzonen, Ringe, Wochentage, nach neun Uhr, mit Kind, ohne Fahrrad, älter als 65, und so weiter und so fort. Der Fahrkartenkauf für Bus und Bahn ist manchmal eine Knobelaufgabe. Im Sommer war das dank der pauschalen 9-Euro-Tickets alles egal – doch die beliebten Sondertickets sind jetzt passé.
Ein Nachfolger hat es aber ins Entlastungspaket der Ampel-Koalition geschafft: ein einfaches, bundesweites Ticket als Dauerangebot. Der Bund will dafür jährlich 1,5 Milliarden Euro extra locker machen, wenn die Länder das gleiche drauflegen. Viele Fragen sind noch offen. Der Preis wird höher sein, Ziel sind zwischen 49 und 69 Euro. Das ändert einiges.
Ticket lohnt sich nicht immer für Stammkunden
Ob sich die Monatskarte für 49 bis 69 Euro für Stammkunden rechnet, hängt von Ort und Fahrtstrecke ab. Wer nur innerhalb seiner eigenen Stadt unterwegs ist, den erwartet ein mehr oder weniger großer Rabatt. In Berlin etwa kostet die Monatskarte 86 Euro. Wer regelmäßig fährt und sie im Abo bucht, ist aber mit gut 63 Euro im Monat schon jetzt unter Umständen günstiger dran als mit dem geplanten Ticket. In Frankfurt dagegen kostet das Abo in der günstigsten Variante bereits rund 77 Euro, in Paderborn hingegen nur etwa 55 Euro.
Klarer ist die Sache für Menschen, die aus dem Umland in Innenstädte pendeln. Für sie lohnt sich das geplante Angebot in den allermeisten Fällen. Denn bisher galt bei den Tarifen: Je weiter, desto teurer. Wer etwa die 50 Kilometer zwischen Lüneburg und Hamburg pendelt, zahlt im Abo mindestens rund 187 Euro im Monat. Kommt der Einheitspreis, dann gilt: Je weiter, desto größer die Ersparnis. Wann? „Unser Ziel sollte sein, spätestens zu Beginn des Jahres 2023 ein neues Ticket zu haben“, sagte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) der Mediengruppe VRM.
Meist günstiger für Auto-Pendler
Viele haben sich daran gewöhnt: allmorgendlich Stau, Nervenprobe auf Einfallstraßen der Großstadt. Ein neues, dauerhaft günstiges Ticket für Busse und Bahnen könnte da manche ins Grübeln bringen – und vielleicht zum Umstieg bewegen. Jedoch: Bus- und Bahnfahren ist in den meisten Fällen schon jetzt günstiger als ein eigenes Auto. Denn dieses schlägt jeden Monat mit mehreren hundert Euro zu Buche. Viele fahren trotzdem Auto, der Preis ist für sie nicht das Hauptargument.
Das 9-Euro-Ticket hat sich vor allem an touristischen Zielen bemerkbar gemacht. Viele nutzten die Gelegenheit für günstige Ausflüge. Das dürfte sich bei einer Nachfolgelösung für 49 bis 69 Euro ändern. Denn für gelegentliche Tagesausflüge, gerade mit mehreren Reisenden, sind häufig die bestehenden Länder-Tickets der Bahn oder das bundesweite Quer-durchs-Land-Ticket günstiger.
Viele Lücken im ländlichen Angebot
Wenn in der Nähe selten Busse oder Züge halten, bringt auch die günstigste Fahrkarte nicht viel – so wie in vielen Dörfern. An mehr als jeder dritten Haltestelle in Deutschland kann man nach Berechnungen der Bahn-Tochter Ioki nicht mal einmal pro Stunde in die eine oder die andere Richtung fahren. Auch der Autofahrerclub ADAC mahnt an, weiterhin Lücken im öffentlichen Angebot zu schließen.
Es müsse nicht nur Geld für günstigere Fahrkarten geben, sondern auch für mehr Busse und Bahnen, heißt es beim Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). „Andernfalls müssen im kommenden Jahr umfassend Leistungen abbestellt werden, da diese mit den vorhandenen Mitteln nicht mehr finanziert werden können“, ergänzt der Bundesverband Schienennahverkehr.
Keine kostenfreie Kindermitnahme vorgesehen
„Es fehlt die Familienkomponente“, kritisiert Karl-Peter Naumann, der Ehrenvorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn. Denn eine kostenfreie Kindermitnahme wie beim Vorbild 9-Euro-Ticket ist bisher jedenfalls nicht angekündigt. Das werde manche davon abhalten, auf Bus und Bahn umzusteigen. „Für den Autofahrer macht es bei den Kosten aber keinen Unterschied, ob er seine Kinder mitnimmt.“
Eine gute Stunde fährt der ICE morgens von Berlin nach Wolfsburg, eine Verbindung, die auch Berufspendler nutzen. Wollten sie das neue Ticket nutzen, müssten sie mehr als drei Stunden in Nahverkehrszügen verbringen – keine gute Alternative. Das gleiche gilt für Fernreisen durch Deutschland, sofern man nicht sehr viel Zeit hat. Doch wer viel Zeit hat, kann sich auch rechtzeitig Sparpreis-Tickets für den Fernverkehr ab 17,90 Euro sichern und mit dem ICE fahren.
Finanzpoker zwischen Bund und Ländern
Damit das neue Ticket überhaupt kommt, sollen die Länder mit an Bord. Schon bisher ringen sie hart mit dem Bund um einen Nachschlag bei den normalen Regionalisierungsmitteln, mit denen sie Leistungen bei den Verkehrsanbietern bestellen. Regulär kommen aus Berlin in diesem Jahr schon 9,4 Milliarden Euro, dazu eine Milliarde aus einem anderen Topf. Akuter Handlungsbedarf besteht wegen gestiegener Betriebskosten bei Bussen und Bahnen. Es beginnt also das große Rechnen.
Stand: 08.12.2025
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Wäre das 9-Euro-Ticket verlängert worden, hätte es den Bund pro Jahr 14 Milliarden Euro gekostet. Nun sollen es 1,5 Milliarden Euro sein, und die Ampel wünscht sich von den Ländern „mindestens den gleichen Betrag“. Die Vorsitzende der Verkehrsminister, die Bremer Senatorin Maike Schaefer (Grüne), verwies auf nötige Abstimmungen, wie hoch der Anteil der Länder bei welchem Ticket sein müsste.
Nächster Halt ist ein Sondertreffen mit Wissing am 19. September. Eines ließ Schaefer erkennen: „Ich persönlich halte 69 Euro als Nachfolgeticket für zu hoch, auch wenn es überregional für ganz Deutschland gelten sollte.“