Audis Rettung kam von Mercedes. Es war der einstige Daimler-Konstrukteur Ludwig Kraus, der gegen den Willen des VW-Konzerns den ersten Audi 100 entwickelte und Ingolstadt vom Schicksal einer Käfer-Fabrik befreite. Mehr noch: Mit dem Audi 100 fuhr die Marke mit den Ringen auf Augenhöhe mit Mercedes.
Dieser Ingolstädter war in seinem Herzen ein echter 68er. Der erste Audi 100 (C1) brach durch Frontantrieb mit festgefügten technischen Konventionen, setzte sich über Konzernregeln hinweg und ging auf die Barrikaden gegen das automobile Establishment in der oberen Mittelklasse. Das alles geschickt im Tarngewand eines durch und durch bürgerlichen Karosseriekleids, das nicht zufällig an einen Mercedes erinnerte. Schließlich war es Ludwig Kraus, ein vormaliger Mercedes-Mann, der das erste echte Audi-Flaggschiff der Nachkriegszeit konzipierte und sogar maßgeblich in Form brachte.
Zuerst als klassisches zwei- und viertüriges Stufenheck und 1969 auch als extravagantes Fastback-Coupé, so wie es sich Kraus als persönlichen Dienstwagen vorstellte. Es war eine Zeit gesellschaftlichen Ungehorsams für eine bessere Welt, in die sich der im Geheimen, gegen ein Verbot von Volkswagen-Konzernchef Heinrich Nordhoff entwickelte Audi 100 gut fügte.
Bildergalerie
Nordhoff wollte aus der 1965 von Mercedes übernommenen Auto Union eine verlängerte VW-Käfer-Werkbank machen. Dass daraus nichts wurde, verdankt die Marke mit den vier Ringen der Audi-100-Familie. Die Medien feierten die dank neuartigen Leichtbaus überraschend schnellen Vierzylinder-Typen mit Seriensiegen in Vergleichstests und als smarte Alternative zu Strich-Acht-Mercedes und BMW 2000. Zum Bestseller machten den großen Audi aber ausgerechnet vormalige VW-Fahrer.
Seine Geschichte begann hinter einem Vorhang. In diesem legendären Versteck – heute vom Audi-Museum t anschaulich inszeniert – entwickelte Ludwig Kraus, damaliger technischer Direktor der Auto Union, ab 1966 heimlich den Audi 100 – als modernes, 4,59 Meter langes Mittelklassemodell. Ein mutiger Frontantriebstyp, der die erst im Vorjahr eingeführten Audi-Viertakt-Typen nach oben ergänzen sollte.
Kraus war klar: Nur mit einem neuen, erfolgreichen Flaggschiff konnte sich die 1965 von Daimler-Benz an Volkswagen verkaufte Auto Union eine Überlebenschance bewahren. Tatsächlich hatte die zu kleine Produktionskapazität in Wolfsburg dazu geführt, dass damals in Ingolstadt täglich bis zu 300 Volkswagen gebaut wurden und VW-Chef Nordhoff die Entwicklung aller neuen Audi strikt untersagt hatte.
Nur zufällig entdeckte der von Nordhoff entsandte Auto-Union-Chef Rudolf Leiding das mittels Vorhang getarnte Geheimprojekt von Ludwig Kraus. Statt einer Sanktion gab Leiding jedoch Grünes Licht für eine Präsentation vor Heinrich Nordhoff. Der oberste VW-Lenker forderte die sofortige Finalisierung der eleganten Limousine, um so eine vermeintliche Nische zwischen Opel, Ford und Mercedes zu besetzen.
Es war die richtige Entscheidung, wie sich ab Herbst 1968 zeigte. Die Audi-Händler waren begeistert, gab die Ingolstädter Komfortklasse der Marke nicht nur eine Zukunft, sie verdrängte auch endgültig alle Erinnerungen an die bis vor kurzem gebauten und zuletzt ungeliebten Zweitakttypen. Wie gut dem neuen Vierzylinder dies gelang, demonstrierten die Zulassungszahlen, denn dort hob der in drei Leistungsstufen (59 kW/80 PS, 66 kW/90 PS und 74 kW/100 PS) verfügbare Typ 100 raketengleich ab.