Elektro-Van von Arrival Wie ein britisches Start-up den Transportermarkt aufmischen will

Autor: Andreas Wehner

Arrival hat einen Elektro-Van entwickelt, der günstiger sein soll als die Konkurrenz. Das Fahrzeugkonzept ist dabei nicht das einzige, was die Briten neu gedacht haben. Auch die Produktion läuft anders als in der klassischen Autoindustrie.

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Arrivals Elektro-Van soll jedoch günstiger sein als vergleichbare Konkurrenzfahrzeuge.
Arrivals Elektro-Van soll jedoch günstiger sein als vergleichbare Konkurrenzfahrzeuge.
(Bild: Wehner)

Der Elektro-Van des britischen Start-ups Arrival kann ab sofort auch in Deutschland bestellt werden. Den futuristischen Transporter zeigte das Unternehmen am Mittwoch erstmals in der Nähe von München. „Das entscheidende ist, dass unser Van im Vergleich zu den Elektro-Nutzfahrzeugen der Wettbewerber erschwinglicher ist“, sagt Benedikt Bucher, Vertriebschef für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Konkrete Preise nennt das Unternehmen allerdings noch nicht. „Wir bewegen uns auf dem Niveau eines vergleichbaren Premium-Dieselfahrzeugs“, so Bucher. Zum Vergleich: Der Mercedes E-Sprinter kostet ab etwa 54.000 Euro netto, während ein ähnlich großer und motorisierter Diesel-Sprinter bereits ab etwa 35.000 Euro zu haben ist.

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Den günstigen Preis bei Arrival soll unter anderem eine besonders kostengünstige Produktion möglich machen. Die findet nicht in einem großen Werk statt, sondern in vielen kleinen Fabriken, so genannten Microfactorys. Diese können rund 10.000 Fahrzeuge pro Jahr produzieren und sollen überall dort entstehen, wo die Fahrzeuge nachgefragt werden.

Roboterzellen statt Fließbänder

In einer Microfactory werden die Fahrzeuge nicht sequenziell am Fließband produziert, sondern in Roboterzellen, die das Fahrzeug komplett an einer Stelle fertigen. Die benötigten Teile fordern die Roboter an, wenn sie sie brauchen, und erhalten diese dann automatisiert. Eine Roboterzelle kann dabei auch verschiedene Varianten eines Produkts fertigen.

Sechs Monate dauert nach Angaben des Start-ups der Bau einer Microfactory. Aktuell gibt es bereits eine im nordenglischen Bicester und eine in Rock Hill im US-Bundesstaat South Carolina. Eine dritte soll in Kürze in Madrid entstehen.

Auch bei der Logistik will Arrival durch die lokale Produktion sparen. „Wir haben keine riesige Supply-Chain, die sich an einem Ort konzentriert. Und wir müssen die Fahrzeuge nicht von einem Standort aus in ganz Europa verteilen, sondern haben durch unsere Vor-Ort-Produktion kurze Wege“, erklärt der Manager. Problemen in der Lieferkette will Arrival durch eine hohe Fertigungstiefe entgegenwirken.

Mehr als die Hälfte sind Softwareentwickler

Die Vernetzung innerhalb einer Microfactory erfordert viel Know-how, Technik und vor allem Software. Arrival arbeitet dabei an vielen Stellen mit Künstlicher Intelligenz. Dementsprechend sind von den aktuell rund 2.000 Mitarbeitern, die das Unternehmen bereits hat, nach eigenen Angaben die Mehrheit Softwareentwickler.

Die Serienproduktion des Arrival Vans soll im dritten Quartal 2022 starten, kurz darauf sollen die ersten Fahrzeuge auf die Straße rollen. Aktuell sind 10.000 Einheiten an den Paketdienstleister UPS verkauft, 3.000 Einheiten hat der Fuhrparkspezialist Leaseplan bestellt. Zudem gibt es laut Bucher aktuell Gespräche mit verschiedenen großen Flottenkunden.

Das Fahrzeug ist modular aufgebaut. Es besteht aus einem Aluminiumrahmen sowie einer Karosserie aus einem speziellen, von Arrival entwickelten Verbundwerkstoff aus Polypropylen und Fieberglas. Er soll nach Angaben des Start-ups 50 Prozent leichter sein als Stahl. „Das Material ist nicht nur leicht, sondern auch sehr belastbar“, verspricht Bucher. „Gleichzeitig sparen wir uns Presswerke, Schweißarbeit und Lackierstraßen. Dadurch, dass die Karosserie nicht lackiert wird, soll nicht nur die Produktion günstiger sein, sondern die Autos auch weniger reparaturanfällig weil weniger anfällig für Kratzer.

Minimalistischer Innenraum

Der Innenraum ist minimalistisch: Vor dem beheizbaren Fahrersitz findet sich ein Lenkrad sowie ein 16 Zoll großes Touchscreen-Display. Digitale Spiegel und eine Totwinkelüberwachung sind ebenso an Bord wie verschiedene Assistenzsysteme. Neben einem Notbremsassistenten bietet Arrival unter anderem einen Spurhalteassistenten, eine adaptive Geschwindigkeitsregelung und eine Verkehrszeichenerkennung an. Beim Parken und rangieren hilft eine 360-Grad-Surround-Ansicht. Und damit der Fahrer sich wohlfühlt, gibt es eine Klimaanlage.

Überhaupt standen die Nutzer im Mittelpunkt der Entwicklungsarbeit. Arrival hat die Version des Vans für die Paketzustellung zusammen mit UPS entwickelt. Aktuell laufen noch Tests mit den Fahrern des Paketdienstes. „Wir haben nicht nur den Flottenbetreiber im Sinn, sondern vor allem auch dem Fahrer. Letztlich geht es darum, ihm den Arbeitsplatz so sinnvoll und so komfortabel wie möglich zu gestalten“, so Bucher.

Dementsprechend hat das Modell nur einen Fahrersitz, eine Schiebetür zum Einstieg vorn, die sich per Druck mit dem Handballen öffnen lässt, und geschlossene Seiten. 13,5 Kubikmeter Ladevolumen verspricht der Hersteller. Künftig soll es auch eine Cargo-Variante mit seitlichen Schiebetüren geben sowie ein Fahrgestell für Aufbauten nach Kundenwunsch. Mit einer Reichweite von bis zu 290 Kilometern nach WLTP mit der größten Batterie ist der Arrival Van nicht nur für den Letzte-Meile-Betrieb geeignet. Dank Schnellladefähigkeit soll der Van auch größere Distanzen meistern. Für unterschiedliche Einsatzzwecke sind mehrere Höhen und Radstände konfigurierbar. Technische Details zum Antrieb nennen die Briten bislang nicht.

Over-the-Air-Softwareupdates in Kombination mit leicht tauschbarer Hardware sollen den Lebenszyklus des Vans verlängern. Laut Arrival soll die Lebensdauer der Fahrzeuge im Durchschnitt etwa doppelt so lange sein wie bei herkömmlichen Nutzfahrzeugen.

Bus und Pkw in den Startlöchern

Arrival will jedoch nicht nur den Transportermarkt aufmischen. So soll bereits Ende dieses Jahres der Arrival-Bus in die Produktion gehen. In Kooperation mit Uber hat das Unternehmen zudem einen Pkw entwickelt, der ab Ende 2023 gebaut werden soll. Als Kundengruppe hat sich das Start-up vor allem Ridesharing-Anbieter ausgeguckt. Details zu diesem Fahrzeug will Arrival noch in diesem Jahr verkünden.

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Redakteur Newsdesk Automotive