Juice-Chef im Interview „Wenn ich nicht auf zehn Prozent Marge komme, mache ich etwas falsch“

Autor: Svenja Gelowicz

Der Ladetechnikanbieter Juice will international Fuß fassen. Gründer und Unternehmenschef Christoph Erni spricht über das rasante Wachstum, warum er die Förderung seiner Produkte durch den Staat kritisch sieht und welche Rolle Juice bei einer Konsolidierungswelle spielen will.

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Juice-Chef Christoph Erni.
Juice-Chef Christoph Erni.
(Bild: Juice)

Herr Erni, 2014 wurden in Deutschland laut KBA-Statistik 8.522 rein batterieelektrische Fahrzeuge neu zugelassen. Im gleichen Jahr haben Sie ein Unternehmen für Ladetechnik gegründet. Erlauben Sie die Frage: Warum?

Ich hatte 2010 aus einer Laune heraus einen Tesla Model S bestellt. Die Auslieferung dauerte drei Jahre, das war schon ein Running Gag in meiner Familie. Dann hat der mitgelieferte Schuko-Stecker in der Schweiz nicht gepasst. Ein Adapter aus dem Baumarkt ist abgeschmolzen, die sind für zehn Minuten Rasieren gemacht, nicht für das Laden eines Elektroautos. Ich habe dann angefangen, Infos über eine Webseite zu veröffentlichen, eine Art Selbsthilfegruppe für E-Auto-Neulinge, die das gleiche Problem hatten – und dann sind plötzlich Bestellungen für die empfohlenen Kabelsätze eingetrudelt.

Der Markt war dennoch winzig. Haben sie da schon daran geglaubt, dass große Autokonzerne ihre gesamte Produktpalette elektrifizieren wollen?

Ich war immer schon Auto-Enthusiast und dachte lange, dass unter V8-Motor und Handschaltung nichts geht. Als ich zum ersten Mal den Tesla gefahren bin, war das technologisch so frappant viel besser. Andere Autos sind mir vorgekommen wie der Wechsel von der Dampfmaschine zum Benzinmotor. Also ja, für mich war klar, dass die Elektromobilität kommen wird. Wir waren einen Tick zu früh vielleicht, konnten aber in Ruhe viele Erfahrungen sammeln. Wir haben all-in gespielt, und es hat funktioniert.

Der Staat gibt nun sogar zum Kauf und Anschluss von Wallboxen 900 Euro dazu, die Juice-Modelle sind förderfähig. Der Andrang hat den Server der Kreditanstalt für Wiederaufbau anfangs in die Knie gezwungen, der Geldtopf wurde neu aufgefüllt. Wie groß war die Freude, als die Entscheidung zu den Fördermitteln gefallen ist?

Natürlich profitieren wir von der Förderung. Die Mitbewerber freuen sich, es fließt sozusagen Milch und Honig. Ich selbst bin zwiegespalten. In der Schweiz kennen wir diese Förderkultur nicht. Ich glaube nicht an die Förderung von Privateigentum. Gute Ideen müssen sich von selbst durchsetzen. Die Solarindustrie ist damals zusammengebrochen, als die Förderung aufgehört hat. Wir haben bislang ohne Subventionen unseren Umsatz jährlich verdreifacht, im Corona-Jahr immerhin verdoppelt. Man kann also auch ohne Förderungen gut wachsen. Und es zwingt Unternehmen, Produkte zu entwickeln, die den Markt treffen. Aktuell gibt es viele Produkte, die nicht zukunftsfähig sind, die Marktaufsicht kommt nicht hinterher, das macht es schwierig für den Endkunden.

Der Markt rund um die Elektromobilität entwickelt sich gerade rasant, der Wettbewerb ist zunehmend unübersichtlich. Rechnen Sie mit einer Konsolidierungswelle?

In so einer Phase kommen und gehen jedes Jahr mehrere Unternehmen. Einige etablierte Konzerne sind hinzugekommen und wollen Ladeboxen verkaufen, teils zu Dumpingpreisen. Der Markt selektiert sich in Hersteller von Wallboxen und solchen, die mobile Stationen anbieten. Wir machen beides. Eine Konsolidierung wird kommen, ja, einige Große werden übrigbleiben.

Wird Juice einer davon sein?

Als Gesamtanbieter haben wir bessere Chancen als reine Spartenanbieter. Ich kann mir vorstellen, dass wir andere Unternehmen aufkaufen, aber glaube auch daran, dass wir aus eigener Kraft wachsen. Wir sind international aufgestellt, und die Produkte können nur in großen Stückzahlen effizient und kostengünstig hergestellt werden. Bei den mobilen Stationen sind wir Marktführer, bei Wandstationen haben wir eine gute Ausgangslage. Unsere nächste Generation hat mehr Software, die Vernetzung wird die Spreu vom Weizen trennen – wie in der Autoindustrie.

Juice hat den Sprung in die Profitabilität also schon geschafft?

Wir haben trotz unserer Investitionen im letzten Jahr sehr gut positiv abgeschlossen. Nach unseren Marktanalysen gehören wir bei Umsatz und Stückzahlen zu den größten Anbietern. Verglichen mit einigen deutschen bekannten Anbietern sind wir in etwa gleich beim Umsatz, aber besser was die Rentabilität angeht. Das erstaunt mich. Haben die höhere Kosten, was machen die falsch? Manche sind mit einer Rentabilität zufrieden, die sich nicht für weiteres Wachstum eignet.

Von welcher Hausnummer sprechen wir da?

Wenn ich nicht auf zehn Prozent Marge komme, mache ich etwas falsch. Wir brauchen aktuell viel Geld um zu wachsen, wir müssen schließlich die Märkte China und USA aufbauen. Das verschlingt hohe Kosten, genauso wie die Entwicklung der nächsten Produktgenerationen. Wir haben aktuell weltweit um die 170 Mitarbeiter, fast jede Woche fangen neue an.

China und USA sind sehr unterschiedlich, wenn es um E-Mobilität geht. Spiegelt sich das in Ihrer Herangehensweise wider?

China ist natürlich der reifere Markt, dort sehen wir große Chancen für unseren Juice Booster und wir haben eine spezielle Variante. Das Stromnetz dort ist einphasig, die Ladetechnik ist also simpler und günstiger. Interessant ist: Wir produzieren sowohl in Deutschland als auch in China zu sehr ähnlichen Kosten.

Die Amerikaner sind bei der E-Mobilität im Vergleich noch weiter zurück. Warum tritt Juice jetzt schon in den Markt ein?

Die neue Regierung gibt uns Aufwind, der Schritt in die USA war jedoch langfristig geplant und wäre so oder so passiert. Die Durchdringung liegt zwar erst bei zwei Prozent, doch das Potenzial ist riesig. Und dass Ladeinfrastruktur ausschlaggebend für eine positive Entwicklung der E-Mobilität ist, ist mittlerweile allen klar. Grundsätzlich kann man sagen, dass Innovation dort von den Küsten kommt – und dort sieht es bereits besser aus. Wir erwarten dort Ende des Jahres erste Umsätze.

Juice kooperiert mit Autohersteller wie Opel oder Rimac. Zugleich bauen die Autobauer ihr eigenes Angebot mit dem Stromtanken auf. Die VW-Tochter Elli bietet neben Ladeboxen auch Ökostrom. Wie geht das zusammen?

Die Hersteller treten in der Rolle eines Händlers auf. Beziehen also ein Produkt, branden es und reichern es wie im Fall von Elli mit eigenem Strom an. Wir liefern die Wallboxen zu.

Wenn ich bei einem großen Hersteller also ein E-Auto samt Wallbox kaufe, könnte die von Juice sein?

Gut möglich! Die Hersteller wissen mittlerweile, dass sie die Ladung mitdenken müssen. Bei Opel können Kunden den Universal Charger direkt im Konfigurator gegen einen geringen Aufpreis mitbestellen – dieses Gerät basiert auf unserem Juice Booster 2. Die Menschen wollen eine gute Lösung, und die Wertigkeit des Fahrzeugs hängt auch von der Ladetechnik ab.

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Svenja Gelowicz

Redakteurin im Ressort Management