Fahrzeugsicherheit Vertrauen in Geisterautos

Redakteur: Lea Drechsel

Fahrassistenzsysteme funktionieren immer besser. Doch wie werden sie getestet? Namhafte Hersteller nutzen dazu eine Kombination aus Sensorik und Roboter.

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Der Lenkroboter der Firma Stähle kann nachträglich in Autos verbaut werden. Er klemmt sich um das Lenkrad sowie in den Fußraum zu Brems- und Gaspedal.
Der Lenkroboter der Firma Stähle kann nachträglich in Autos verbaut werden. Er klemmt sich um das Lenkrad sowie in den Fußraum zu Brems- und Gaspedal.
(Bild: Lea Drechsel)

Es riecht nach Neuwagen, und doch rattert und knattert der Golf. In der nächsten Kurve geht das Rattern in ein Schleifen über. Das Geräusch erinnert an den Reißverschluss eines Abendkleides. Die kleinen weißen Kunststoffzahnräder am Lenkrad rattern nach der Kurve wie zuvor: „Das leichte Ruckeln ist durchaus gewollt“, erklärt Dr. Alexander Schwarz, Elektrotechnik-Ingenieur bei der Firma Stähle robots systems in Wimsheim.

„Fahrversuchsgelände zwischen Halle 11 und 12“ heißt es in blauer Schrift. Um zwei Uhr nachmittags geht es los. Die Wärme auf der Haut tut gut, in der leichten Brise wehen einige weiße Fahnen unterschiedlicher Firmen. Einige Menschen drücken sich am Rand des überschaubaren Testgeländes herum. Scheinbar unentschlossen.

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Neben der nächst gelegenen Fahne steht ein silberner VW Golf mit geöffnetem Kofferraum. „GeneSys“ steht auf dem Poloshirt eines jungen Ingenieurs. „Wir bestimmen die Position eines Autos auf einen Zentimeter genau“. Zwar sind Navigationssysteme in Autos inzwischen so allgegenwärtig wie Schwerelosigkeit im All, die Genauigkeit per GPS liegt jedoch bei gerade einmal drei Metern. „Sie kennen vielleicht Fahrassistenzsysteme wie Spur- oder Parkassistenten? Die werden damit vermessen“, klärt der Ingenieur auf. Einparken, Spurwechsel und Abstandhalten sind keine Herausforderung mehr. Doch wie zuverlässig und genau werden diese Systeme getestet?

 

Testfahrt

Er fährt Automatik, schalten kann er nicht. Der Roboter hat keine Ähnlichkeit mit dem humanoid aussehenden C3PO aus der Star Wars Saga. Um das Lenkrad mit VW-Emblem herum, ist ein weißer Kunststoffkranz mit Zahnrädern am äußeren Rand angebracht. Rechts oben neben den Lüftungsschlitzen, befindet sich der kleine Elektromotor. Dieser hakt sich an den Zahnrädern ein und bewegt so das Lenkrad.

Der Lenkroboter ist zusätzlich mit zwei kompakten Streben festgespannt. Von dem Elektromotor aus geht eine Stange nach unten in den Fußraum. Von dort aus läuft das Stromkabel in den Kofferraum zur zusätzlichen Autobatterie. Im Fußraum befindet sich außerdem noch eine an ein Bein erinnernde Bremseinrichtung. Dieser massive Metallpflock endet beim Bremspedal. Notbremsungen sind möglich.

Der Kofferraum steckt voller Technik. Die Geräte, Kästen aus Aluminium mit dunkelblauen Applikationen. Eine Recheneinheit, sämtliche Sensoren in einer Kreiselplattform vereint, und ein Kompressor für die pneumatische Bremse. Hervor quellen Kabel in Grün, Blau, Rot und Weiß. Mehr als die Hälfte des Kofferraumes ist damit ausgefüllt. „Die Kreiselplattform namens ADMA (Automotive Dynamic Motion Analyzer) ermöglicht Messungen am Auto.

Bewegungszustände, wie Beschleunigung, Geschwindigkeit, Position, Drehgeschwindigkeit und Winkel des Fahrzeugs können mit hoher Präzision ermittelt werden“, sagt Dr. Alexander Schwarz. Somit wird innerhalb des Testgeländes exakt bestimmt, wo sich das Kraftfahrzeug, zu welchem Zeitpunkt befindet. Diese Daten werden dann als gelbe Route gespeichert. Somit können immer gleiche Tests gefahren werden.

Das Auto auf dem Testgelände, ist nicht nur im Kofferraum anders als der Standard-Golf. Vorne befindet sich ein Monitor, angebracht am Armaturenbrett. Darauf ist ein gelber Weg auf einem ansonsten grünen Grund aufgezeichnet. Das Fahrzeug selbst wird als blaues Rechteck dargestellt. Den gelben Parcours hat Alexander Schwarz bereits am Vormittag eingefahren. Er sitzt jetzt auch auf dem Fahrersitz, mit schwarzen Fahrrad-Handschuhen. Jedoch nicht, um Auto zu fahren.

„Der Roboter passt in jedes Auto“, erzählt Ingenieur Schwarz stolz. Das bemerkte er, als das Testfahrzeug aussuchte. Auf seinem linken Oberschenkel liegt ein gelber metallener Kasten, von der Größe eines Stück Butter, mit drei runden Tasten. Per Knopfdruck startet er den Roboter.

Unsichtbarer Chauffeur

Geisterhaft bewegt sich das Lenkrad, das Auto fährt los. Alexander Schwarz bewegt sich nicht. Ein merkwürdiges Gefühl, so ohne Kontrolle, doch die Gelassenheit des Ingenieurs steckt an. Auf dem Bildschirm verfolge ich den Wagen, die Position wird präzise eingehalten. Elektromotor und Zahnräder komponieren gemeinsam ein ungewohntes Hintergrundrauschen. Beim Fahren rattert und knattert der Roboter. „Das Auto ruckelt leicht“, erklärt Alexander Schwarz, „da exakt die eingefahrene Route nachgeahmt wird“. Das Auto fährt, ohne Berührung. Der unsichtbare Chauffeur fährt gewissenhaft die vorgegebene Bahn entlang. Ganz frei und unabhängig vom Menschen

Video: Der unsichtbare Chauffeur

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