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Urban Mobility: Stolpersteine für Start-ups

| Autor / Redakteur: Jan Wolter / Benjamin Kirchbeck

Der Markt der Urban-Mobility-Start-ups bleibt nach wie vor hart umkämpft. Während sich manche Unternehmen etablieren konnten, scheitern andere schnell wieder. Doch welche Erfolgsfaktoren sind tatsächlich entscheidend und welche Marktkomplexitäten müssen beachtet werden?

Urban Mobility-Applikationen müssen nicht nur den Standort des Nutzers sowie möglicher Transportmittel erkennen, diese öffnen und nach der Fahrt wieder zuverlässig schließen. Es geht auch um Bezahlvorgänge oder Added Services.
Urban Mobility-Applikationen müssen nicht nur den Standort des Nutzers sowie möglicher Transportmittel erkennen, diese öffnen und nach der Fahrt wieder zuverlässig schließen. Es geht auch um Bezahlvorgänge oder Added Services.
(Bild: Clipdealer)

Mit der Zielgruppe der Innenstadt-Bewohner vor Augen, sind in den letzten Jahren unzählige Start-ups rund um das Thema Urban Mobility entstanden und leisten sich seitdem einen erbitterten Wettstreit um die Gunst der Nutzer. Dabei sind hoffnungsvolle Start-ups, aber auch Unternehmen, hinter denen namhafte Corporates standen, schon nach kurzer Zeit wieder verschwunden oder haben sich aus bestimmten Städten zurückgezogen. Zuletzt musste sich auch der kalifornische E-Roller-Anbieter Lime Anfang des Jahres aus 12 Städten weltweit zurückziehen und rund 100 Mitarbeiter entlassen.

Gründe für das Scheitern sind oft Unwirtschaftlichkeit oder gesetzliche Regelungen, die es den Anbietern schwer machen. Doch einen erheblichen Anteil hat auch die Einstellung der Unternehmen zu Experience und Verlässlichkeit ihrer Anwendungen sowie technische Details, die nicht von Anfang an mitgedacht werden. Denn die Interaktion des Kunden mit der App steht am Anfang jeder innerstädtischen Fahrt und somit im Zentrum des Urban-Mobility-Geschäftsmodells. Bevor eine Anwendung auf den Markt und in die Hände der Kunden gelangt, müssen daher zahlreiche technische Fallstricke bedacht und Bug-Risiken ausgeschlossen werden.

Voreilige Produktlaunches setzen digitale Qualität aufs Spiel

Ungeachtet dessen versuchen vor allem junge Unternehmen häufig, mit ihrem Produkt so früh wie möglich auf den Markt zu drängen. Stichwort: “Hauptsache Minimum Viable Product.” Befeuert wird diese Tendenz noch vom Druck von Investoren und Stakeholdern. Das Produkt muss fertig werden, am besten gestern. Dabei bleibt nicht nur fundiertes Testing auf der Strecke – auch entscheidende technische Weichenstellungen für den langfristigen Erfolg werden erst im Nachhinein und somit oftmals zu spät in Angriff genommen.

Ein Beispiel: Um die Erfolgsaussichten zu erhöhen, sollten Urban-Mobility-Unternehmen ihre Anwendungen (zumindest in Deutschland) nicht ausschließlich als Stand-Alones konzipieren, sondern ebenfalls in etablierte Dienste – wie etwa Karten-Dienste oder Apps der regionalen Verkehrsanbieter – einbetten. So konnte sich das Berliner Mobilitäts-Start-up Tier Mobility bisher unter anderem deshalb erfolgreich im Markt behaupten, weil Nutzer seine E-Scooter auch über die Apps der ÖPNV-Größen wie Jelbi, die BVG Mobilitäts-App in Berlin, oder der MVG in München, buchen können. Hierfür müssen die Produkte aber frühzeitig technisch genau auf solche Integrationen vorbereitet sein.

Mangelndes Verständnis für User Experience

Der einwandfreien und überzeugenden Performance einer App stehen wiederum nicht nur voreilige Produktlaunches im Wege – auch das Unvermögen von Unternehmern und Entwicklern, außerhalb ihrer Tech-Bubble zu denken, verhindert häufig, dass die Anwendung dem Nutzerverhalten aller Kunden gerecht wird. Zwar ist User Experience nach wie vor das Buzzword schlechthin und jedes Start-up schreibt sich das Thema groß auf die Fahne. Doch dahinter stehen in vielen Unternehmen nur unfundierte Mutmaßungen und die Erfahrungen aus dem eigenen Umfeld.

Dass der junge Tech-Start-up-Gründer Mobility-Dienstleistungen anders nutzt als beispielsweise die Angestellte eines Versicherungsbetriebs, wird dabei gern übersehen. Klar, gerade der Hype um Scooter wurde eher von der jungen Generation getrieben. Doch um kurz- und mittelfristig ein solides Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen, müssen breitere Teile der Gesellschaft adressiert werden. Wenn es Start-ups nicht gelingt ein Mehr-Generationen-Feedback in Ihren Produktentwicklungsprozess zu integrieren, wird das natürlich schwierig.

Komplexe Anforderungen bei der Interaktion mit Apps

Neben der Herausforderung unterschiedlicher Zielgruppen müssen Unternehmen auch sicherstellen, dass ihre Anwendungen diverse einzelne Aktionen an wechselnden Orten und unter realen Bedingungen zuverlässig ausführen. Denn Urban Mobility-Applikationen müssen nicht nur den Standort des Nutzers sowie möglicher Transportmittel erkennen, diese öffnen und nach der Fahrt wieder zuverlässig schließen. Es geht auch um Bezahlvorgänge, Added Services oder die zuverlässige Navigation. Um bei all diesen Funktionen eine reibungslose Experience gewährleisten zu können, bedarf es Testverfahren unter realen Bedingungen. Kein Testszenario aus dem Labor kann alle Eventualitäten berücksichtigen.

In der Praxis wird dann das sogenannte “In-the-Wild”-Testing nötig, also das Testen von unvorhersehbaren Situationen im alltäglichen Leben. Das benötigt jedoch oft Ressourcen, welche viele Unternehmen und gerade Start-ups intern nicht abdecken können – so zum Beispiel der Fall bei Mobimeo, einer Tochter der Deutschen Bahn AG und Anbieter für Mobilitätssoftware. Um dennoch die Qualität und Skalierbarkeit ihrer Anwendungen sicherzustellen, setzt das Unternehmen zunehmend auf externe Dienstleister, die durch Crowdtesting für digitale Qualitätssicherung sorgen. Mithilfe von groß angelegten Pools aus geprüften Testern, führt das Mobility-Start-up umfassende Tests unter realen Bedingungen durch, wie z.B. über- und unterirdische Situationen, der Umgang mit Verspätungen und Routenänderungen oder die Zahlungsmodalitäten für den Ticketkauf – und das mit einer breiten geografischen und gerätetechnischen Abdeckung.

Der Erfolg von Urban-Mobility-Angeboten steht und fällt letztlich mit der Funktionalität und Verlässlichkeit ihrer Anwendungen. Start-ups sollten daher ihre digitale Qualitätssicherung gründlich angehen, ihre unterschiedlichen Zielgruppen im Auge behalten, wichtige technische Weichenstellungen von Anfang an mitdenken und die komplexen alltäglichen Anforderungen von Urban Mobility-Applikationen nicht unterschätzen. Nicht jedes Unternehmen hat dafür unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung und die wertvollen Entwickler-Kapazitäten wollen wohlüberlegt eingesetzt werden. Doch im Markt für Mobility ist heute kein Platz mehr für fehlerhafte Applikationen und das Testing sollte im Software Development Live Cycle nicht zu kurz kommen.

* Jan Wolter ist als General Manager EU bei Applause tätig.

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