Verkehrsforschung Neue Mobilitäts-Routinen bedrohen die Verkehrswende

Autor: Christoph Seyerlein

Das eigene Auto galt früh als Corona-Gewinner. Inzwischen ist wieder mehr möglich. Und doch hat sich der Trend verfestigt, wie eine Umfrage des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) zeigt.

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Viele leere Plätze: Ein großer Teil einstiger ÖPNV-Nutzer meidet öffentliche Verkehrsmittel weiter wegen der Corona-Pandemie.
Viele leere Plätze: Ein großer Teil einstiger ÖPNV-Nutzer meidet öffentliche Verkehrsmittel weiter wegen der Corona-Pandemie.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die Fahrgastzahlen öffentlicher Verkehrsmittel waren infolge der Corona-Pandemie eingebrochen. Stattdessen setzten viele Menschen stärker auf ihr eigenes Auto, in dem sie sich sicher fühlten. Eine Umfrage des: Dieser Trend blieb auch im Frühjahr 2021 ungebrochen.

Ende April und Anfang Mai haben die Verkehrsforscher bereits zum vierten Mal mehr als 1.000 Personen zu ihrem Mobilitätsverhalten befragt. Bei den Ergebnissen sollte man beachten: Zu der Zeit galten hierzulande noch schärfere Corona-Schutzmaßnahmen als aktuell, deutlich weniger Bürger waren geimpft.

Mehr als die Hälfte der Befragten schätzten ihre Mobilität als eingeschränkt ein. Mehr als die Hälfte plante, weniger Wege außer Haus zu machen als gewöhnlich. Projektleiterin Claudia Nobis sagte dazu: „Im Lauf der Pandemie haben sich die Veränderungen im Mobilitätsverhalten gefestigt und stabilisiert. Die Auto-Nutzung ist konstant auf einem hohen Niveau. Die öffentlichen Verkehrsmittel bleiben geschwächt.“

Dem DLR zufolge wollen 37 Prozent derjenigen, die vor der Pandemie öffentliche Verkehrsmittel genutzt hatten, darauf in Zukunft stärker oder komplett verzichten. 15 Prozent der Befragten, die vor Corona ein ÖPNV-Abonnement besaßen, haben dieses gekündigt. Im Gegenzug entschied sich nur ein Prozent der Umfrageteilnehmer, ein neues Abo abzuschließen. „Diese Entwicklung hat erhebliche Folgen für die Finanzierung des öffentlichen Personennahverkehrs“, warnt Nobis.

Trendwende nicht in Sicht

Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Im November/Dezember 2020 hatten insgesamt noch drei Viertel (75 %) der Befragten angegeben, dass sie öffentliche Verkehrsmittel nach der Krise wahrscheinlich genauso oft oder sogar häufiger als vor der Krise nutzen wollen. In der jüngsten Befragung waren es nur noch 64 Prozent.

Auch nach den Gründen für die sinkende Beliebtheit des ÖPNV fragte das DLR. Mehr als die Hälfte (52 %) der Befragten empfinden das gemeinsame Nutzen von Verkehrsmitteln als unangenehm. Ähnlich viele (53 %) fürchten sich vor einer Corona-Ansteckung. In dem Zusammenhang stört es 68 Prozent, dass Mitfahrende ihre Masken gar nicht oder nicht richtig tragen. 59 Prozent wünschen sich mehr Kontrollen der Maßnahmen. 55 Prozent gaben an, öffentliche Verkehrsmittel wenn möglich zu meiden.

Stattdessen wählen viele ihr eigenes Auto. Fast die Hälfte (46 %) derjenigen, die vor der Pandemie auf einen Mobilitätsmix setzten, fahren aktuell ausschließlich mit ihrem Pkw. Die Zahl ist damit im Vergleich zu Beginn der Pandemie weiter gestiegen: Bei der DLR-Befragung im April 2020 waren es noch 42 Prozent. Claudia Nobis erklärte, dass viele ÖPNV-Nutzer im ersten Lockdown den öffentlichen Verkehrsmitteln noch die Treue gehalten hätten. „Inzwischen hat sich jedoch auch bei dieser Gruppe zu 50 Prozent der Pkw durchgesetzt.“

DLR-Chefin: Routinen müssen sich im Sinne der Gesellschaft wieder ändern

Ein wenig Hoffnung verbreitete zuletzt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Anfang Juli teilte dieser mit, die Fahrgastzahlen lägen zumindest in Großstädten und Ballungsräumen wieder bei rund 60 Prozent des Vorkrisenniveaus. Ende 2020 seien es nur 40 Prozent gewesen. Dennoch: Von den rund 10,4 Milliarden Fahrten aus dem Vor-Krisenjahr 2019 ist der ÖPNV noch deutlich entfernt.

Das lässt sich auch an den Abozahlen erkennen, die weiter sinken. Laut VDV lag die Abo-Quote im Februar dieses Jahres rund 13 Prozent unter dem Vorkrisen-Niveau. „Nach dem, was mir bisher vorliegt, hat sich dieser leichte Rückgang bei den Abos weiter fortgesetzt“, sagte VDV-Präsident Ingo Wortmann. Er hofft auf eine Besserung, wenn in allen Bundesländern die Schulferien vorbei sind.

DLR-Vorstandschefin Anke Kaysser-Pyzalla nahm die Ergebnisse der jüngsten Befragung ihres Mobilitätsforschungs-Teams zum Anlass für einen Appell: „Die Befragten nutzten häufiger das Auto, weniger öffentliche Verkehrsmittel. Das Anhalten der Pandemie hat zu neuen Routinen geführt. Es bedarf großer Anstrengungen, diese neuen Routinen im Interesse der Gesellschaft wieder zu ändern. Denn sonst wird die Verkehrswende hin zu einer klimafreundlichen Mobilität nicht erfolgreich sein“, sagte sie.

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Über den Autor

 Christoph Seyerlein

Christoph Seyerlein

Fachredakteur Next Mobility