Mobilitätsexperte: „Die deutsche Autoindustrie hat alle Trends verpasst“

| Autor / Redakteur: Christoph Seyerlein / Svenja Gelowicz

Die Autokonzerne stecken in einer schweren Krise. Die Industrie verweist dabei auf Gründe wie Corona und Handelskonflikte. Mobilitätsexperten wollen die Ursachen dagegen bei den Unternehmen selbst ausgemacht haben.

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Diskussionsrunde: (v. li.) Ifa-Direktor Stefan Reindl, Prof. Andreas Knie über Videochat auf der Leinwand, Claudius Leibfritz von Allianz Automotive, Philipp Grosse Kleimann von Siemens Advanta Consulting und Michael Hajesch von Ionity.
Diskussionsrunde: (v. li.) Ifa-Direktor Stefan Reindl, Prof. Andreas Knie über Videochat auf der Leinwand, Claudius Leibfritz von Allianz Automotive, Philipp Grosse Kleimann von Siemens Advanta Consulting und Michael Hajesch von Ionity.
(Bild: Viktoria Hahn/kfz-betrieb)

Die Liste mit den Ankündigungen zum Stellenabbau ist in den vergangenen Wochen lang geworden: Daimler, Continental und MAN sind nur drei Konzerne, bei denen Tausende Jobs auf der Kippe stehen. Als Gründe nennen die Betroffenen immer wieder die Umwälzungen in der Branche. Aber auch Krisen wie Corona und Handelskonflikte machen sie für die Sparmaßnahmen verantwortlich.

Professor Andreas Knie lässt das nicht gelten. Er forscht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) an digitaler Mobilität. Seine Meinung zur Auto-Krise schilderte er am Mittwoch beim Ifa-Branchengipfel in Nürtingen, wo er an einer Podiumsdiskussion teilnahm. „Die deutsche Autoindustrie hat alle Trends verpasst“, sagte Knie. Elektromobilität, Digitalisierung, autonomes Fahren – in sämtlichen Bereichen seien andere weiter, so der Wissenschaftler. „Versuchen Sie mal in einem Autohaus ein deutsches Elektroauto zu kaufen. Es ist kaum eines verfügbar. Das kann es nicht sein“, kritisierte Knie.

Autoindustrie „zieht ihre gesamte Philosophie aus der Vergangenheit“

Das Hauptproblem sieht er in der Ausrichtung der Konzerne. „Ich glaube, dass die Automobilindustrie viele Dinge kann, sich aber zu wenig traut. Sie zieht ihre gesamte Philosophie aus der Vergangenheit.“ Philipp Grosse Kleimann von Siemens Advanta Consulting, ebenfalls auf der Bühne, pflichtete ihm bei: „Das klassische Sales-Push-Modell der Automobilhersteller hat sich ein Stück weit zu Tode gelaufen“, sagte er. Stattdessen sei mehr und mehr ein intermodales Nutzungserlebnis gefragt. Grosse Kleimann zeigte sich beispielsweise überzeugt, dass Auto-Abos bereits in den kommenden zehn Jahren den klassischen Autokauf als gefragteste Form im Fahrzeugvertrieb ablösen werden. Die Autobranche müsse deshalb folgenden Dreiklang angehen:

  • Fokus auf Kundennutzen
  • Fokus auf neue Geschäftsmodelle
  • Fokus auf agile Umsetzung

Dass gerade die Industrie dazu in der Lage ist, bezweifelt Knie. Ihre Strukturen seien dafür nicht geschaffen. „Riesenkonzerne sind aus meiner Sicht nicht die Unternehmensform der Zukunft.“

„Wasserstoff wird im Pkw-Bereich nicht fliegen“

Auch bei den Antriebsstrategien der deutschen Automobilhersteller hat der Forscher eine gewisse Trägheit ausgemacht. „Auf keiner internationalen Mobilitätskonferenz wird noch über Antriebe diskutiert. Das gibt es nur bei uns“, echauffierte sich Knie. Mittlerweile sei längst klar, dass batterieelektrische Fahrzeuge im Pkw-Bereich die beste Lösung für die nächsten Jahre seien.

Den häufigen Rufen nach mit Wasserstoff betriebenen Autos erteilte auch Michael Hajesch, Chef des Ladenetzbetreibers Ionity, eine Absage. „Wasserstoff wird im Pkw-Bereich nicht fliegen“, sagte er. Dafür habe die Technologie gegenüber Strom zu viele Nachteile. Elektromobilität sei die einzige Form, bei der Kunden sowohl zuhause als auch an öffentlich zugänglich Punkten ihr Fahrzeug mit Energie versorgen könnten. Im Transportsektor sei das Rennen zwar noch offen. „Aber ich bin überzeugt: Der Pkw-Bereich wird zu 100 Prozent elektrifiziert“, erklärte Hajesch.

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