Corona und ÖPNV Mit leeren Bussen durch die Krise – ÖPNV ringt um Vertrauen

Autor / Redakteur: dpa / Tanja Schmitt

Aus Furcht vor Corona nutzen viele lieber ihr eigenes Auto. Die Folge: Gähnende Leere in den Bussen – und Milliardenverluste für den öffentlichen Nahverkehr. Warum der Branchenverband dennoch zuversichtlich ist.

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Aufgrund von Corona bleiben die Passagiere aus.
Aufgrund von Corona bleiben die Passagiere aus.
(Bild: MAN)

Jahrelang ging es bei den Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) nur nach oben: Langsam, aber stetig stieg die Zahl der Fahrten mit Bus und Bahn von 9,6 Milliarden im Jahr 2010 auf 10,4 Milliarden im Jahr 2019 – Rekord. Und auch wenn besonders in den Stoßzeiten kaum noch Platz in den Fahrzeugen war, sollte es in den nächsten Jahren so weiter gehen. Die Branche peilte bis 2030 rund ein Drittel mehr Fahrgäste an. Schließlich ist der ÖPNV ein wichtiger Baustein mit Blick auf den Klimawandel und die Verkehrswende.

Corona: 3,5 Milliarden Euro Verlust

Doch in der Corona-Krise steht das Ziel auf einmal in Frage. Statt über neue Fahrzeugbestellungen nachzudenken, müssen die Unternehmen schauen, wie sie über die Runden kommen. 3,5 Milliarden Euro betrug der Gesamtschaden, den die Pandemie bei ihnen angerichtet hat, allein im vergangenen Jahr. „Und auch für 2021 kalkulieren wir derzeit bis zum Jahresende noch einmal mit 3,5 Milliarden Euro Verlust“, sagte Oliver Wolff, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), am Donnerstag.

Um bis zu 80 Prozent war die Nachfrage im ÖPNV im Frühjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen, als Geschäfte geschlossen waren, die Industrie stillstand und die Menschen von zu Hause aus arbeiteten. Andere mieden aus Angst vor Corona lieber Busse und Bahnen. Mit den Lockerungen im Sommer verbesserte sich die Lage, doch nach dem zweiten Lockdown im November ging es wieder bergab. Derzeit liege das Niveau bei rund 50 Prozent unter dem Vorjahreswert. „Wir liegen über den Zahlen vom Frühjahr, aber sie sind sehr niedrig“, sagte VDV-Präsident Ingo Wortmann.

Der ÖPNV finanziert sich auch zu normalen Zeiten nur teilweise über den Verkauf von Fahrkarten und Abos. Der Rest kommt über die Regionalisierungsmittel vom Bund und den Ländern. Doch trotz der geringen Nachfrage lassen die Verkehrsunternehmen Busse und Bahnen nahezu ohne Einschränkungen weiterfahren, damit vor allem Menschen in systemrelevanten Berufen weiter mit ausreichend Platz zur Arbeit kommen.

Bund und Länder springen ein

Mit fünf Milliarden Euro zusätzlich sprangen daher Bund und Länder im vergangenen Jahr ein, um die Einbußen der Unternehmen auszugleichen. Rund 1,5 Milliarden sind noch übrig und so braucht es für dieses Jahr aus Sicht des Verbands noch einmal 2 Milliarden Euro vom Staat. „Insofern treten wir jetzt in die Verhandlungen ein“, sagte VDV-Hauptgeschäftsführer Wolff. Es gebe „sehr positive Signale“.

Homeoffice und Furcht vor Ansteckung

Nicht abzusehen ist derweil, wie sich die Lage langfristig entwickeln wird. Stetig versuchen der VDV und die Politik den Menschen die Skepsis zu nehmen: „Es gibt keine Studie, die besagt, dass der ÖPNV ein Ansteckungsherd ist“, betonte Präsident Wortmann auch am Donnerstag. Dennoch steigen viele Menschen wieder lieber ins Auto, oder suchen sich andere Möglichkeiten, um innerhalb der Stadt irgendwohin zu kommen. Wird das auch nach der Krise so bleiben?

„Es gibt ein echtes Risiko, dass sich die Leute auch nach Corona anders verhalten, etwa, weil sie nicht mehr so oft zur Arbeit müssen oder einfach anders unterwegs sind“, sagte Tilmann Bracher, Leiter des Forschungsbereichs Mobilität beim Deutschen Institut für Urbanistik. Damit nicht besonders das Auto profitiert, sei die Politik in der Pflicht. So ließen sich etwa durch Parkraumbewirtschaftung mehr Menschen dazu bewegen, das Auto stehen zu lassen. „Aber das ist kein Automatismus“, sagte Bracher. Generell müsse Autofahren deutlich teurer werden, damit sich die Menschen Alternativen suchten.

Verband ist zuversichtlich

VDV-Präsident Wortmann ist dennoch zuversichtlich: „Spätestens, wenn man sieht, dass die Staus wieder da sind und die Städte weiter wachsen, braucht man wieder den ÖPNV“, sagte er am Donnerstag. Mit der weitgehenden Aufrechterhaltung des Angebots hätten die Unternehmen zudem gute Image-Pflege betrieben.

Wichtig sei auch, Kunden zu halten, vor allem solche mit Abos. „Da müssen die Tarifmodelle ein Stück weit an die neue Arbeitswelt angepasst werden“, sagte Wortmann. Wer viel im Homeoffice sitze, sei auf eine flexiblere Art des ÖPNV-Abos angewiesen. Zu Ticketpreisen generell gab der Verband indes keine Empfehlung ab.

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