China Market Insider Lidar-Anzahl bei chinesischen Robo-Autos: Technik oder Marketing?

Von Henrik Bork

Der Siegeszug des Lidar in China geht weiter - das Geely-Baidu-Joint-Venture Jidu Auto baut aktuell gleich zwei davon auf die Fronthaube. Auch deshalb diskutiert die chinesische Automobilbranche werbewirksam über die richtige Position und Anzahl der Sensoren.

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Baidu-CEO Robin Li (rechts) stellte 2021 das Robocar des Internetkonzerns vor.
Baidu-CEO Robin Li (rechts) stellte 2021 das Robocar des Internetkonzerns vor.
(Bild: Baidu)

Statt einem gleich zwei Lidar auf der vorderen „Motorhaube” - so will sich das neue Roboter-Auto von Geely und Baidu von der Konkurrenz abheben. Ein erster Prototyp des in China mit Spannung erwarteten Autos hätte eigentlich diesen Monat am Rande der „Beijing Auto Show“ vorgestellt werden sollen, doch die Show wurde wegen der vielen Corona-Lockdowns in China verschoben. Nun sind dennoch erste Details des Designs bekannt geworden.

„Jidu Auto“ ist ein Joint-Venture, das der Suchmaschinen-Gigant Baidu und Chinas größte private Autofirma Geely gemeinsam gegründet haben. Es ist Chinas Konkurrent von Google und Waymo und hat sich genau wie die Amerikaner zum Ziel gesetzt, das autonome Fahren so schnell wie möglich zu kommerzialisieren.

Das erste autonom fahrende Auto des Unternehmens werde mit zwei „Semi-solid-state“-Lidar-Sensoren des Typs AT128 von Hesai Technology ausgerüstet sein, berichtete jetzt das chinesische Fachmedium CN EV Post. Im Vergleich zu Autos mit nur einem Lidar solle so beim fahrerlosen Fahren mehr Sicherheit gewährleistet werden, hieß es in dem Bericht.

Motorhauben-Lidar für mehr Sicherheit

So ergebe sich durch die Montage auf der Fronthaube ein FOV-Überwachungswinkel von 180 Grad, in dem Fußgänger zu beiden Seiten des Fahrzeugs besser erkannt werden können, zitierte CN EV Post den Hersteller. Zudem biete das System Redundanz, sollte einer der zwei Sensoren ausfallen.

Während sich Lidar - eine radar-ähnliche Technologie, bei der statt einem Laser ein Lichtstrahl zur Erkennung von Objekten eingesetzt wird - in der chinesischen Autoindustrie immer weiter durchsetzt, sind viele Details nach wie vor umstritten. So sind die von Jidu Auto gewählte Montage auf der Fronthaube ebenso wie auch der Einsatz von gleich zwei Lidar-Sensoren äusserst ungewöhnlich.

Die Reaktionen unter Marktbeobachtern in China fielen daher unterschiedlich aus, reichten von „hochgradig innovativ“ bis hin zu klarer Ablehnung. „Ein einzelnes Lidar auf dem Autodach funktioniert besser,“ kommentiere Li Xiang, der Gründer des E-Auto-Startups Li Auto das neue Design seines künftigen Konkurrenten.

Die richtige Lidar-Position: Dach oder Motorhaube?

Für die Montage auf dem Autodach spreche, dass dies die beste Position zum Erkennen von Fußgängern sei. Zudem gebe es dort auch weniger Vibrationen als beim Anbringen auf der Fronthaube, so Li Xiang. Objektiv ist diese Einschätzung allerdings wohl nicht, denn das nächste Modell von Li Auto, der „L9“, wird mit einem einzelnen Lidar auf seinem Dach arbeiten.

Sein „duales Lidar-Design“ mit dem FOV-Erkennungswinkel von 180 Grad sei „sicherer“, antwortete Xia Yiping, der CEO von Jidu Auto. Auf Weibo, der chinesischen Version von Twitter, lieferten sich die beiden CEOs in diesen Tagen eine öffentliche Debatte über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Ansätze.

Sein duales System könne nicht nur Kollisionen mit Passanten beim Abbiegen besser vermeiden, sondern sorge auch in einem Winkel von 60 Grad direkt vor dem Fahrzeug für eine viel akkuratere Erkennung von Hindernissen. Wo sich die zwei Lidar überlappen würden mehr Daten für die „Point Cloud” generiert, argumentiert der Chef von Jidu Auto.

Lidar-Anzahl als Marketingargument

Kritiker fragen allerdings, ob der Einsatz von immer mehr Lidar-Sensoren manchmal auch der Marketing-Abteilung der Hersteller helfen soll und nicht nur der Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer. Viele Modelle, darunter der G9 von Xpeng, der ARCFOX Alpha-S, der Nezha S, der M7 von WM Motor, Avatr 11 und Zhiji L7 sind inzwischen mit zwei oder mehr Lidar-Sensoren ausgestattet. Der Great Wall Salon Mecha Dragon hat gleich vier Stück davon.

Es gebe bei mehreren in einem einzelnen Fahrzeug montierten Lidar-Geräten neue Herausforderungen, was die System-Koordination, die Rechenleistung im Auto und den Energieverbrauch betrifft, heißt es in einer Analyse der chinesischen Wirtschaftszeitung Meiri Caijing. „Wenn soviele installiert sind, können sie dann noch alle benutzt werden und vor allem gut benutzt werden?“ fragt der Autor.

Auch der beste Platz für die Installation bleibt umstritten, und das neue Roboter-Auto von Jidu hat diese Debatte nur neu entfacht. Nicht nur der künftige L9 von Li Auto, auch der ET7 von NIO und der M7 von WM tragen ihren Lidar-Sensoren auf dem Dach. Beim P5 und G9 von Xpeng und beim Avatr 11 sind die Sensoren in den zentralen Front-Grill integriert oder mit den Nebelscheinwerfern kombiniert.

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Der ganze Prototyp des neuen Roboter-Autos von Jidu Auto, in dem auch Technologie von ZF aus Friedrichshafen steckt, soll nun voraussichtlich im Juni dieses Jahres vorgestellt werden.

Über den Autor

Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

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