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Jungwirth: „Vielen ist nicht bewusst, wie groß dieser Technologiesprung ist“

Autor: Sven Prawitz

Während sich Autohersteller beim automatisierten Fahren nur sehr langsam vortasten, will ein Zulieferer bereits in zwei Jahren eine vollautomatisierte Flotte betreiben: Mobileye-Topmanager Johann Jungwirth über die Pläne.

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Mobileye ist auf Bilderkennung spezialisert, will künftig aber ein System für selbstfahrende Autos auf den Markt bringen und damit Mobilitätsdienste ermöglichen.
Mobileye ist auf Bilderkennung spezialisert, will künftig aber ein System für selbstfahrende Autos auf den Markt bringen und damit Mobilitätsdienste ermöglichen.
(Bild: Mobileye)

Automatisiertes Fahren kennt man nur von Shuttle-Projekten wie in Bad Birnbach (Deutsche Bahn), in Hamburg (Heat) oder der Bedienungsanleitung von Tesla. Doch während viele Autofahrer auf der Autobahn die Grenzen ihrer Fahrerassistenzsysteme (Level 2+) ausloten, schleichen die vollautomatisierten Shuttles manchmal mit 15 Kilometer pro Stunde über die Straßen – inklusive Sicherheitsfahrer, der eine Hand auf dem Not-aus-Knopf hat.

Wir sind überzeugt, dass man Mobility-as-a-Service nur skalieren kann, wenn man die Infrastruktur nicht anpassen muss.

Johann Jungwirth

Der Sicherheitsfahrer ist ab kommenden Jahr in Deutschland vermutlich nicht mehr notwendig, wenn die Regierung, wie angekündigt, noch vor den Wahlen im Herbst ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. „Das hat viele überrascht“, sagt Johann Jungwirth. Der Topmanager mit Stationen bei Daimler, Apple und VW in seiner Vita, soll beim Zulieferer Mobileye ein Mobility-as-a-Service-Geschäft (MaaS) aufbauen.

Automatisierte Ride-Hailing-Flotte ab 2022

Das israelische Unternehmen startete als Chipentwickler für Kamerasysteme und soll nun als Intel-Tochter sowohl zum Systemlieferanten in der Automobilindustrie, als auch zum Mobilitätsanbieter ausgebaut werden. Unterstützen soll dabei die Moovit-App. Intel hat das Start-up vor wenigen Monaten für über 800 Millionen Euro gekauft.

Johann Jungwirth, Vice President Mobility-as-a-Service bei Mobileye.
Johann Jungwirth, Vice President Mobility-as-a-Service bei Mobileye.
(Bild: Mobileye)

Mit dem vollautomatisierten Fahren soll es nun laut Jungwirth schnell gehen: „Unser Ziel ist, ab 2022 unsere Fahrzeuge ohne Sicherheitsfahrer betreiben zu können und mit entsprechenden Flotten Mobilitätsdienste anzubieten.“ Wo genau will er noch nicht verraten. Womöglich in München und Jerusalem – in beiden Städten betreibt Mobileye eine Flotte für Testfahrten.

Branche wartet auf Gesetzesänderung

Für die Anbieter von Mobilitätsdiensten steht und fällt das Geschäftsmodell mit der Vorschrift für einen Sicherheitsfahrer. Nur ohne Personal im Auto rechnet sich das automatisierte Fahren. Deutschland könne von einem entsprechenden Gesetz nur profitieren, meint Jungwirth. „Dieses Gesetz kann Deutschland zu einem der weltweit führenden Märkte für diese Technik machen.“

Schließlich müssen hohe Beträge in die Ausstattung der Fahrzeuge gesteckt werden. Mobileye entwickelt „zwei unabhängige Subsysteme mit getrennter Hard- und Software“. Ein System nutzt bis zu zwölf Kameras, um das Umfeld des Fahrzeugs zu erfassen. „Das andere verwendet Radar- und Lidarsensoren.“

Eigene HD-Karte

Gleichzeitig will das Unternehmen mit den Daten aus der Bilderkennungssoftware eine HD-Karte erstellen. Bereits heute sammelt Mobileye Daten aus seinen Kamerasystemen: Vor allem in Europa, Japan und an den Küsten Nordamerikas. „Wir erwarten, dass wir bis 2025 etwa 25 Millionen Fahrzeuge im Feld haben werden, die Daten für HD-Karten anonymisiert erfassen.“ Die Testfahrzeuge in München nutzen die Karte bereits. „Das gibt uns einen Wettbewerbsvorteil.“

Manche Experten verweisen bei den Hindernissen für das automatisierte Fahren neben den fehlenden Gesetzen auf die Infrastruktur: Es fehle an vernetzten Verkehrsleitsystemen und oft an einem guten Mobilfunknetz. Mobileye brauche all das „überhaupt nicht“. Die Systeme verzichten bewusst auf 5-G-Technik und sind nicht auf die Infrastruktur angewiesen – kein V2X oder Technik in den Fahrbahnen, sagt Jungwirth. „Wir sind überzeugt, dass man Mobility-as-a-Service nur skalieren kann, wenn man die Infrastruktur nicht anpassen muss.“

Revolution wie beim Umstieg vom Pferd auf das Auto

Zwischen den Fahrerassistenzsystemen für die Autoindustrie und dem Ride-Hailing mit einer eigenen Flotte hat Mobileye zwei weitere Felder in seinem Geschäftsmodell. Man will Serienfahrzeuge auf Level 4 umrüsten und diese dann Betreibern wie den Verkehrsbetrieben oder Mietwagenfirmen anbieten. Ein anderes Modell sieht vor Moovit über eine B2B-Schnittstelle mit anderen Ride-Hailing-Anbietern, wie Uber oder Lyft, zu verbinden. Ist die Flotte gerade nicht ausgelastet, können über weitere Plattformen anfragen bedient werden.

Und was ist mit dem automatisierten Fahren für privat genutzte Pkws? Für die wird das Mobileye-System „voraussichtlich ab 2025 verfügbar sein“. Vermutlich werden die Autos dann kein Lenkrad mehr haben. Im Gespräch merkt man, dass Jungwirth diesen ambitionierten Zeitplan für sehr realistisch hält. Im Bereich Mobilität steht für ihn eine „Revolution an, wie beim Umstieg von der Pferdekutsche zum Automobil, wie wir es heute kennen.“ Bei Transport und Mobilität stehe ein ähnlich großer Entwicklungssprung an. „Ich glaube, vielen ist noch nicht voll bewusst, wie groß dieser Technologiesprung ist.“

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 Sven Prawitz

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Technikjournalist