Gastkommentar Europa braucht einen einheitlichen Markt für Ladeinfrastruktur

Autor / Redakteur: Koen Noyens* / Sven Prawitz

Dreiviertel aller Ladesäulen stehen in nur vier EU-Ländern. Außerdem entsteht durch unterschiedliche Vorgaben für die Ladetechnik ein europäischer Flickenteppich. Koen Noyens fordert einen europäischen Markt für Ladeinfrastruktur.

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Für die Technik und den Betrieb von Ladestationen gibt es in den EU-Ländern unterschiedliche Vorgaben.
Für die Technik und den Betrieb von Ladestationen gibt es in den EU-Ländern unterschiedliche Vorgaben.
(Bild: EV Box)

In vielen Ländern Europas ist die öffentliche Ladeinfrastruktur nach wie vor unzureichend ausgebaut. Derzeit gibt es europaweit über 250.000 öffentlich zugängliche Ladestationen für Elektrofahrzeuge, von denen nur zehn Prozent eine Leistung von über 22 kW haben. Dies entspricht nur einem Bruchteil des EU-Ziels von einer Million Ladeanschlüssen bis 2025 und dem Ziel, bis zum Ende des Jahrzehnts drei Millionen Ladestationen zu haben.

Gleichzeitig ist die Ladeinfrastruktur in Europa ungleichmäßig verteilt: 75 Prozent der bestehenden öffentlichen Ladestationen befinden sich in nur vier EU-Mitgliedsstaaten. Und der europäische Durchschnitt liegt nur bei 13 öffentlichen Ladestationen pro 100 km2. Und hier gibt es zusätzlich große Unterschiede in den Mitgliedsstaaten: Die Niederlande sind am besten mit öffentlichen Ladeanschlüssen ausgestattet (160 pro 100 km2), während Deutschland, das Land mit der größten Elektroflotte, mit nur 12 Ladeanschlüssen pro 100 km2 sogar unter dem Durchschnitt liegt. Dennoch gibt es keine einheitliche europäische Planung, um ein vernetztes und intelligentes E-Ladenetz zu schaffen.

Um die Technik zu vereinheitlichen, sollte auf EU-Ebene zusammengearbeitet werden.

Mindeststandards für Ladesäulen fehlt

Was sind die Gründe dafür, und wie kann dieses dringende Problem behoben werden? Die aktuelle Richtlinie zur Infrastruktur für alternative Kraftstoffe wird in vielen Mitgliedstaaten nur unzureichend umgesetzt. Dies zeigt sich für viele Autofahrer konkret im Alltag: Oft fehlen länderübergreifende Mindeststandards für die Hard- und Software von Ladesäulen, so dass diese in vielen Ländern unterschiedlich sind. Dieser „Flickenteppich“ verhindert oft eine länderübergreifende und somit günstigere Preisgestaltung.

Um die Technik zu vereinheitlichen, sollte länderübergreifend auf EU-Ebene zusammengearbeitet werden. Und zwar in Form einer wirksamen Infrastrukturverordnung, in der verbindliche Ziele für die Mitgliedstaaten und einheitliche Kompatibilitätsrichtlinien auf der Basis offener Standards und Protokolle (z. B. OCPP und OCPI) festgelegt werden – und zwar ganz konkret bis hin zum einheitlichen Ladevorgang.

Konkrete Anreize für Investoren schaffen

Es braucht außerdem konkrete Anreize für Investoren. Hier spielen die technische Ausstattung und die Zugangsbedingungen zu den einzelnen Märkten eine entscheidende Rolle. Die lokalen Regelungen für Investoren, um die Stromnetze zu nutzen, sind teilweise sehr komplex und unterscheiden sich stark innerhalb der EU. Unterschiedliche Hardware, Messsysteme, verschiedene Anforderungen an die Barrierefreiheit und fehlende öffentliche Standortzuweisung für Schnellladung sind weitere Probleme.

Zusätzlich stellen unzureichende und langwierige Planungen auf staatlicher Ebene ein Investitionshindernis dar. Oft existiert etwa kein langfristiger Plan, in welchem Umfang in den nächsten zehn Jahren Ladesäulen an privaten, kommerziellen und öffentlichen Standorten installiert werden müssen.

Ladenetzbetreiber fordern Planungssicherheit

Die Entwicklung, Einführung und Wartung von Ladesäulen erfordert allerdings konkrete Investitionspläne. Investoren können nur langfristig planen, wenn die Mitgliedstaaten verbindliche Ziele für den Ausbau der öffentlichen und privaten Infrastruktur festlegen. Nationale Aktionspläne sollten dabei nicht nur eine Zahl für öffentliche Ladestationen vorgeben, sondern etwa auch zum Ziel haben, dass alle Fahrzeugtypen in allen Ladesegmenten (privat, gewerblich und öffentlich) vertreten sind, und weitere Faktoren wie Stromverbrauch und Zugänglichkeit berücksichtigen.

Koen Noyens, Director of Policy EU bei der EV Box Group.
Koen Noyens, Director of Policy EU bei der EV Box Group.
(Bild: David Plas/EV Box)

Ein europäisches einheitliches Regelwerk ermöglicht außerdem einen zusätzlichen, klaren Rahmen für Investoren. Dadurch wird etwa sichergestellt, dass Ausschreibungen in ganz Europa transparent und offen sind für neue Akteure. Durch die Schaffung eines echten europäischen Marktes für Ladeinfrastruktur könnten Unternehmen ihr Angebot skalieren und grenzüberschreitend miteinander konkurrieren. Für die Autofahrer bringt dies besseren Service zum wettbewerbsfähigen Preis. Dieser Plan sollte dann klare Ziele für die Einführung von E-Fahrzeugen bis 2030 für die EU und die einzelnen Mitgliedsstaaten festlegen, Richtlinien für alle Arten von Ladevorgängen (privat und öffentlich) enthalten und ausreichende Mittel für die E-Infrastruktur bereitstellen, etwa aus den Europäischen Aufbauplänen und anderen EU-Finanzierungsprogrammen.

Darüber hinaus müssen Investoren in EV-Infrastruktur die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen auf lange Sicht kennen. Wir unterstützen die Schaffung eines aktualisierten, umfassenden europäisches Rahmenwerks für CO2-Normen für Pkw, Transporter und Lkw sowie konkrete Ziele für mehr E-Autos im öffentlichen und privaten Bereich, in Übereinstimmung mit den Zielen des europäischen Green Deal.

Die Aufbau- und Resilienzpläne als Chance nutzen

Unternehmen und Investoren sind bereit, ihre Angebote EU-weit zu skalieren und die notwendige Infrastruktur bereitzustellen. Dennoch existiert bis heute kein einheitlicher europäischer Markt für Investitionen in die EV-Infrastruktur.

Deshalb sollte Europa die Konjunkturprogramme nutzen, um die Mitgliedsstaaten in die Pflicht zu nehmen, zukunftsorientierte Pläne für die Ladeinfrastruktur zu erstellen. Das Konjunkturprogramm, das im Laufe des Jahres vergeben wird, beinhaltet fast 700 Milliarden Euro und kann somit entscheidend unterstützen, die Investitionslücke in der Infrastruktur zu schließen. Die Mitgliedsstaaten müssen diese Herausforderung annehmen und konkrete Investitionen und Reformpläne vorlegen. Aus den bisher vorgelegten Entwürfen für Konjunkturprogramme geht jedoch hervor, dass sich viele Mitgliedsstaaten zum Thema E-Ladenetze noch weitere Gedanken machen müssen.

Dabei sind diese Pläne immens wichtig. Sie werden nicht nur das Vertrauen von Investoren und Verbrauchern stärken, sondern auch die Einführung von Ladeinfrastruktur, Netzaufrüstungen und Smart-Grid-Technik erleichtern, um ein variableres Energiesystem auf Basis erneuerbarer Energien zu ermöglichen.

Die kommenden Monate sind entscheidend für Europa und eine einmalige Chance, eine grüne und digitale Transformation zu starten, insbesondere in der Transport- und Energiebranche. Unternehmen und Investoren für die EV-Infrastruktur stehen bereit, und wir sollten diese Chance nutzen.

* Koen Noyens ist Director of Policy EU bei der EV Box Group. Das Unternehmen bietet Ladetechnik für gewerbliche Kunden.

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