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Autonomes Fahren EU-Politik zu langsam: Mobilitätsbranche schlägt Alarm

Von Sven Prawitz

Während in Deutschland bald automatisierte und autonome Fahrzeuge betrieben werden dürfen, fehlt auf EU-Ebene ein entsprechendes Gesetz dafür. Das gefährde die globale Relevanz der hiesigen Branche.

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Bisher noch im Testbetrieb: Ein automatisiert fahrender ID Buzz von Volkswagen, Argo AI und Moia.
Bisher noch im Testbetrieb: Ein automatisiert fahrender ID Buzz von Volkswagen, Argo AI und Moia.
(Bild: Volkswagen Nutzfahrzeuge)

„Europa riskiert den Verlust seiner Mobilitätsindustrie als globalen Champion.“ Diese Aussage von Yasmine Fage, COO bei Goggo Network, war in unterschiedlichen Schattierungen in mehreren Vorträgen und Diskussionsrunden der „Digital Mobility“ Konferenz zu hören. Der Verband Bitkom hatte mehrere Start-ups, Zulieferer, Berater und Automobilhersteller eingeladen, den aktuellen Stand in den Bereichen autonomes Fahren und Vernetzung zu präsentieren.

Wir sind gut darin, Oligopole zu regulieren aber nicht einen offenen, dynamischen Markt.

Yasmine Fage

Bei manchem Teilnehmer überwog der Frust über eine zu langsame Gesetzgebung in der EU.

Freude in Deutschland, Frust in der EU

Aus deutscher Sicht überwiegt in der Branche noch immer die Freude über das im Sommer verabschiedete Gesetz zum autonomen Fahren. Deutlich wurde das unter anderem in der Keynote von Johann Jungwirth. Der Manager ist bei Mobileye zuständig für das Geschäftsfeld Mobility as a Service und wird zusammen mit Sixt in München einen Fahrdienst mit autonomen Fahrzeugen starten.

Jungwirth hob die Vorteile von autonom fahrenden Flotten hervor – weniger tödliche Unfälle, weniger Parkfläche, geringerer Energieverbrauch und niedrigere Frachtkosten –, die sich seiner Meinung nach selbst beim geraden erst entstehenden Markt bis 2030 deutlich positiv auswirken werden.

Verbraucher zunehmend offen für autonome Fahrzeuge

Zudem glaubt er, dass die Menschen der Technik schnell vertrauen werden. „Aber sie müssen dafür die Fahrt in einem autonomen Fahrzeug erleben.“ In einer aktuellen Umfrage von Bitkom gaben gut 60 Prozent der Befragten an, autonome Pkws nutzen zu wollen. Das seien laut Digitalverband zehn Prozentpunkte mehr, als bei der vorhergehenden Umfrage im Jahr 2018. In einen autonomen Bus würden demnach zwei Drittel der Umfrageteilnehmer einsteigen.

In diese Richtung argumentierte Michael Hoffmann, Geschäftsführer von ZF Mobility Solutions, argumentierte in einer Diskussionsrunde ähnlich wie Jungwirth: „Wir müssen Weg von Pilotprojekten und mehr in den dauerhaften Betrieb kommen. Das schafft Vertrauen.“ Dazu brauche es nun dringend die entsprechende Verordnung zum oben erwähnten Gesetz. Auf diese Rechtsnorm, die aus dem Gesetz anwendbare Regeln und Pflichten ableitet, wartet die Industrie noch.

EU braucht Gesetz zum autonomen Fahren

Außerdem plädierte Hoffmann dafür, das Gesetz zum autonomen Fahren zügig EU-weit auszurollen. In diesem Punkt entlud sich in einer weiteren Diskussionsrunde der Frust mancher Teilnehmer über die behäbige Politik in Europa. Per Olof Arnäs von Einride sagte, dass das schwedische Start-up in den USA seine Technik teste, weil die Behörden dort flexibler und schneller handelten.

„Genehmigungen für Tests benötigen sechs Monate“, pflichtete Yasmine Fage ihm bei. Die EU brauche eine EV-first- und AV-first-Strategie, so Arnäs. „Dafür müssen Regularien neu geschrieben werden, statt vorhandene abzuändern.“ Letzteres würde fünf Jahre und länger dauern, echauffierte sich der Schwede.

Gesetzgebung zu träge

Der Einwand des KBA-Präsidenten Richard Damm (Kraftfahrt-Bundesamt), es gebe in der EU öffentliche Arbeitsgruppen, in die sich jeder aktiv einbringen könne, wurden von Fage und Arnäs harsch gekontert. Das System der Arbeitsgruppen ist der Mitgründerin von Goggo „zu fragmentiert“. „Wir sind gut darin, Oligopole zu regulieren aber nicht einen offenen, dynamischen Markt“, findet Fage. Laut Arnäs sind unter den gegebenen Umständen in der EU keine Geschäftsmodelle für Dienste mit automatisierten Fahrzeugen möglich.

Welche Hürden für die Unternehmen momentan existieren machte Hoffmann am Beispiel Personennahverkehr deutlich: „Der ÖPNV ist geprägt von Nahverkehrsplänen.“ Diese würden sehr detailliert beschreiben, wie der Nahverkehr organisiert wird – und das teils für Zeiträume von bis zu zehn Jahren. „Das macht es Anbietern von Flotten schwer ein Angebot aufzustellen“, pflichtete ihm Maxim Nohroudi, Gründer von Door2door, bei.

Nohroudi forderte entsprechende Anreize für die ÖPNV-Planer, um neue Mobilitätskonzepte zu fördern. „Wir müssen die Verantwortlichen anschubsen. Von alleine wird sich niemand bewegen.“

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