Mikromobilität E-Scooter-Verleiher fordern von deutschen Städten: Reguliert unser Geschäft

Autor Christoph Seyerlein

Falsch abgestellte Roller, rücksichtslose Fahrer, immer mehr Unfälle – E-Scooter standen zuletzt regelmäßig in der Kritik. Das kommt mit Ansage, ist Deutschland in Europa doch das einzige Land, das bislang auf eine Regulierung des Marktes verzichtet. Selbst die Anbieter fordern nun, das zu ändern.

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Falsch abgestellte E-Scooter verärgern immer wieder Stadt-Bewohner.
Falsch abgestellte E-Scooter verärgern immer wieder Stadt-Bewohner.
(Bild: Voi)

Im ersten Moment klingt es wie ein Vorschlag zur potenziellen Selbstverbannung. „Voi plädiert für die Einführung limitierter Ausschreibungsverfahren“, heißt es in einer Mitteilung des schwedischen E-Scooter-Verleihers vom Donnerstag. Senior Public Policy Managerin Neele Reimann-Philipp führt weiter aus: „Städte sollten sich gezielt auf einen oder einige wenige Partner einlassen und lokalspezifische Maßnahmen entwickeln.“

Bei Voi ist man offenbar überzeugt davon, im Zweifel selbst der beste E-Scooter-Partner für Kommunen zu sein. In Großbritannien halte man beispielsweise 16 exklusive Lizenzen, erklärt das Unternehmen. Reimann-Philipp sagt: „Viele Entwicklungen, die aktuell nach Deutschland kommen, wurden zuerst andernorts, zum Beispiel in Großbritannien oder der Schweiz getestet. Da es sich in einigen Städten um Exklusivlizenzen ohne Wettbewerb handelt, können wir mit Planungssicherheit arbeiten und gemeinsam neue Best-Practice-Modelle erarbeiten.“

Der Vorschlag dürfte nicht zuletzt auch damit zu tun haben, dass die E-Scooter-Branche hierzulande zuletzt immer regelmäßiger in die Kritik geriet. Vorläufiger Höhepunkt war die zwischenzeitliche Diskussion über Roller-Verbote in Köln, nachdem dort hunderte E-Scooter im Rhein gelandet waren und sich die Unfälle mit den Gefährten gehäuft hatten. Letztlich hat die Stadt Köln die Abstellverbotszonen für E-Scooter erweitert und feste Rückgabeorte eingerichtet.

Mit seinem Vorstoß ist Voi nicht alleine. Auch Wettbewerber Tier spricht sich für Ausschreibungen aus. Ein Sprecher teilte auf Nachfrage mit: „Wir befürworten, dass deutsche Städte und Kommunen die Möglichkeit in Erwägung ziehen, einen Auswahlprozess zu starten und in Zukunft Lizenzen für einen oder mehrere Anbieter zu vergeben. Ziel sollte es sein, den besten Anbieter auszuwählen und so die höchste Qualität für Nutzer*innen sowie eine optimale Zusammenarbeit mit der Stadt sicherzustellen.“ Auch die Berliner verwiesen dabei auf andere europäische Städte wie Paris oder London, wo der Markt entsprechend reguliert ist.

„Städte sollen genau definieren, was einen guten Anbieter ausmacht“

Tier forderte von den Städten aber auch mehr Initiative. Es brauche „insbesondere den zeitnahen und flächendeckenden Auf- und Ausbau der dringend benötigten Infrastruktur“, um Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern zu vermeiden. Dabei denkt der Anbieter an Abstellflächen für E-Scooter, Fahr- und Lastenräder sowie gut ausgebaute Radwege. Das und eine Lizenzierung könnten dabei helfen, Sicherheits- und Nachhaltigkeitsstandards einzuhalten und auch das Angebot in Randbezirken von Städten sicherzustellen. „Nur die Flottengröße bzw. Anzahl der E-Scooter – bei einer gleichbleibend großen Anzahl an Anbietern – zu limitieren, ist hingegen nicht zielführend“, sagte der Sprecher.

Auch Ford-Tochter Spin drängt auf eine Regulierung. „Um die Potenziale des E-Scooter-Sharings für die urbane Mobilitätswende in unseren Städten bestmöglich auszuschöpfen, müssen endlich verbindliche Regeln für das Scooter-Angebot festgelegt werden“, heißt es in einem Positionspapier des Anbieters. Ausschreibungsverfahren hält auch Spin für denkbar. Sollten diese kommen, müsse dabei die Qualität der einzelnen Anbieter geprüft und verglichen werden, meint das Unternehmen. „Städte sollen genau definieren, was einen guten Anbieter ausmacht. Dazu gehören aus unserer Sicht Aspekte der Sicherheit und Nachhaltigkeit sowie die Kürze der Kommunikationswege und Reaktionszeiten.“

Bislang ist Deutschland das einzige Land in Europa, dass auf eine Regulierung bei der Mikromobilität verzichtet. Einzelne Städte greifen dagegen bereits durch, etwa Mühlheim an der Ruhr oder Gelsenkirchen. In Mühlheim setzt die Stadtverwaltung etwa auf eine Mischung aus stationsbasiertem Angebot in der Innenstadt und free-floating in der Peripherie sowie eine Flottenobergrenze. Die Beschwerden über falsch abgestellte E-Scooter seien dadurch weniger geworden, heißt es vom dortigen Ordnungsamt.

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