Autonomes Fahren „Autoindustrie unterwandern“: Start-up Pix Moving setzt auf fahrerlose Mini-Häuser

Von Henrik Bork*

Wie sieht Mobilität in Städten in Zukunft aus? Pix Moving hat davon klare Vorstellungen. Mit einer Skateboardartigen Plattform will das chinesische Start-up die klassische Autoindustrie attackieren.

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Mit ihrem Skateboard-Chassis-Konzept will das Startup Pix Moving die Mobilität und die gesamte Struktur von Städten neu erfinden.
Mit ihrem Skateboard-Chassis-Konzept will das Startup Pix Moving die Mobilität und die gesamte Struktur von Städten neu erfinden.
(Bild: Pix Moving)

Guiyang ist eine Stadt zwischen grünen, kegelförmigen Karstbergen im Südwesten Chinas. Ausgerechnet von hier aus will ein chinesisches Start-up das autonome Fahren neu erfinden. Hankaisi Intelligent Technology Co., Ltd. Guizhou (Pix Moving) hat ein „Skateboard Chassis“ entwickelt, mit dem es „die traditionelle Autoindustrie subversiv unterwandert“, wie das chinesische Robotikmagazin Jiqi Zhixin berichtet.

Motor, Batterie, elektronische Kontrolle, Steuerung, Bremsen und Aufhängung und mehr sind in das Skateboard-Chassis integriert. Der Body des Fahrzeugs ist damit nur noch durch Steuerkabel verbunden, sodass seine Größe und Raumstruktur völlig flexibel gestaltet werden können.

Zwar handelt es sich bei Pix Moving noch um ein Start-up, doch neuerdings erfährt das Gründerteam um Chase Chao, dem COO, und Angelo Yu, dem CEO, viel Aufmerksamkeit in den Medien. Vermutlich, da ein ähnliches Konzept gerade von Investoren in den USA entdeckt worden ist.

Zittert selbst Elon Musk?

Auch das E-Auto-Start-up Rivian arbeitet mit einem Skateboard-Chassis. Im Vergleich zum herkömmlichen Autobau verspricht dieses stark reduzierte Kosten für Herstellung, Forschung und Entwicklung neuer Automodelle. Autonome Fahrfunktionen werden in das Chassis integriert, was völlig neue Anwendungen ermöglicht.

Auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar ist der Marktwert von Rivian daher kürzlich am Tag seiner Börsennotierung geklettert. Damit war die Firma gleich am ersten Tag an der Börse mehr wert als die gute alte Ford Motor Company. Und ein paar Tage später hatte der Marktwert von Rivian auch schon den von Volkswagen überrundet. Inzwischen gab es aber eine gewisse Kurskorrektur und das Unternehmen liegt wieder bei etwa 100 Milliarden Dollar.

Dennoch fühlte sich offenbar selbst Tesla-Chef Elon Musk angegriffen und twitterte, wie wenige Autos Rivian erst ausgeliefert habe. Das ändert aber nichts daran, dass so ein neuartiges, vom Fahrzeug-Innenraum abkoppelbares Chassis ein ziemlich frischer Ansatz in der Autoindustrie ist und mit dieser Vision die Kapitalgeber begeistert. Selbst Apple, so wird gemunkelt, soll für sein mit Spannung erwartetes Apple Car über ein Skateboard-Chassis nachdenken.

Selbst kleine Stückzahlen zu vernünftigen Kosten möglich

Bei Pix Moving im chinesischen Guiyang hat man dem Skateboard-Chassis zusätzlich einen vierrädrigen Hub-Motor und eine individuelle Steuerung aller vier Räder verpasst. Das erweitert die Flexibilität der auf dieser Basis möglichen Fahrzeuge zusätzlich.

Die Chinesen haben außerdem ein Baukastenprinzip der automatisierten Fertigung entwickelt, mit der die Skateboard-Chassis und die auf individuelle Kundenwünsche zugeschnittenen Aufsätze selbst in kleinen Stückzahlen zu vernünftigen Kosten produziert werden können, berichten chinesische Medien.

Das Resultat dieses innovativen Design- und Fertigungsansatzes ist eine Art Baukastenprinzip. „Pix Moving hat das Layout existierender Autos komplett neu erfunden“, schreibt das Robotikmagazin. „Basierend auf der traglastfreien Struktur des Skateboards hat der Passagierwagen keinen oberen und unteren Kontrollmechanismus und keinen komplizierten Käfigrahmen mehr, und der gesamte Innenraum kann folglich viel freier gestaltet werden“, heißt es.

In der Tat geht die Vision der Gründer von Pix Moving noch ein gutes Stück weiter als die von Rivian. Die chinesischen Gründer stellen sich die Aufsätze auf ihren Chassis als „Häuser“ vor, die verschiedene Funktionen annehmen können, nicht mehr nur die der Fahrgastbeförderung. Es können auch kleine Minimärkte, Fastfood-Restaurants, Fitness-Center oder modulare Mini-Hotels auf das autonom fahrende Chassis montiert werden.

Die Vision von Pix Moving ist daher die Stadt der Zukunft, in der solche fahrerlos fahrende Häuser zu den Menschen kommen, und nicht mehr die Menschen in fahrerlosen Autos zu den Häusern. „Pix City“ nennen sie ihr Konzept.

Chase Chao kritisiert den Ansatz, mit dem traditionelle Autokonzerne wie VW, BMW oder Ford an das autonome Fahren herangehen. Man sehe autonome Fahrzeuge lediglich als eine leicht aufgefrischte Variante des alten Verbrenner-Autos, ja als Fortsetzung der Pferdekutsche mit neuer Technologie. Doch das Zeitalter des autonomen Fahrens ermögliche einen völlig neuen, weitaus frischeren Ansatz, so Chao.

Pix-Chef will „Beziehung zwischen Mensch und Raum neu definieren“

Indem man Räume mit autonom fahrenden Untersätzen baue, könne man die „Essenz von Städten neu erfinden, die Beziehung zwischen Mensch und Raum neu definieren“, sagt der Gründer.

Wenn beispielsweise ein Stadtbewohner mehr Wohnfläche braucht, kann er sich ein mobiles Zimmer bestellen. Auch das mobile Fitness-Center, der Minimarkt oder ein kleines Hotelzimmer kann dorthin fahren, wo es gerade gebraucht wird. Urbane Räume werden so konfigurierbar, anpassbar und mobil.

In Guiyang hat man die Phase der reinen Träumerei bereits hinter sich gelassen. Im Februar ist das erste Nutzfahrzeug mit Skateboard-Chassis von Pix Moving an die Carnegie-Mellon-University in den USA ausgeliefert worden. Mit der chinesischen Immobilienfirma Wuyue Plaza läuft ein Pilotprojekt, das Kunden das Bestellen individueller Nutzflächen per Click in einer App ermöglicht, wie etwa kleine Cafés, Foodtrucks oder Schönheits-Salons, die auf Wunsch vorfahren. Auch mit dem italienischen Immobilienkonzern Landlease arbeiten die Gründer aus Südwest-China an so einem Projekt.

Pix Moving hat auch die Arbeit am Prototyp eines fahrbaren Mini-Hotels begonnen. Sobald es fertig ist, wolle man es auf Airbnb anbieten, sagt Cao. Es werde das „weltweit erste modulare Gebäude mit zwei Zimmern sein“. Nicht mehr der Kunde fährt dann im Taxi zum Hotel, sondern das Hotel zum Kunden.

Über den Autor

*Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

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