Klimaschutz 170 Wissenschaftler warnen: Für E-Autos und Co. gibt es zu wenig Grünstrom

Autor / Redakteur: dpa / Tanja Schmitt

Wenn 2030 Millionen Autos elektrisch fahren, hält dann der Ausbau beim Ökostrom noch mit – oder doch nicht? 170 Wissenschaftler schreiben einen Brandbrief an die EU. Andere Forscher kritisierten das Schreiben prompt teils harsch, beispielsweise ist von „hochgradig peinlich“ die Rede.

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Mehr E-Autos könnte bedeutet zwangsläufig auch mehr Strom. Doch die Ökovariante könnte knapp werden und Strom aus Atom- beziehungsweise fossilen Kraftwerken wieder zunehmen.
Mehr E-Autos könnte bedeutet zwangsläufig auch mehr Strom. Doch die Ökovariante könnte knapp werden und Strom aus Atom- beziehungsweise fossilen Kraftwerken wieder zunehmen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Hat sich die Politik beim Beitrag des Elektroautos fürs Klima grundlegend verrechnet? Leider ja, sagen 170 Wissenschaftler aus aller Welt. „Die Zahlen suggerieren ein Einsparpotenzial, das wir nicht haben“, sagt Professor Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) der Deutschen Presse-Agentur. Denn der Strommix sei schlicht falsch berechnet worden.

„Die Frage ist nicht: Elektroauto oder Verbrenner. Die Frage ist: fossil oder nicht“, sagte Koch. In einem offenen Brief an die EU-Kommission, über den „Stuttgarter Zeitung“und „Stuttgarter Nachrichten“ am 21. Juni berichteten, äußerten die Wissenschaftler ihre Bedenken. Denn die EU ist gerade dabei, ihre CO2-Vorgaben für die neu zugelassenen Autos in Europa noch einmal zu verschärfen.

Deutschland zweitgrößter E-Auto-Markt der Welt

Mit 453.000 verkauften Elektro- und Plug-in-Fahrzeugen im ersten Quartal ist Europa China mit 489.000 E-Autos dicht auf den Fersen. Und nach Ländern ist Deutschland heute sogar schon zweitgrößter E-Auto-Markt der Welt, mit fast 250.000 neu zugelassenen Elektroautos bis Ende Mai. VW gehört inzwischen zu den Treibern der Entwicklung. Bis 2030 will Volkswagen nur noch ein Drittel seiner Autos mit Benzin- oder Dieselmotor verkaufen. Mercedes-Benz und BMW peilen einen Anteil von etwa 50 Prozent an.

Aber einen festen Termin für das Ende des Verbrenners wollen die Konzerne nicht festlegen. Zu unterschiedlich sind die Märkte und die Wünsche der Kunden, zu unterschiedlich auch die politischen Vorgaben. Dazu kommt noch die Ladeinfrastruktur, die in vielen Ländern fehlt, auch in Europa. Und weil es letztlich ja um Klimaschutz geht, ist noch viel wichtiger, woher der Strom für die E-Autos eigentlich kommt.

Reicht der Ökostrom?

Mit Strom aus Kohle oder Öl sehe er keinen großen Sinn in der Umstellung auf E-Antriebe, sagte VW-Chef Herbert Diess bei der Bilanz-Pressekonferenz. „Ein moderner Diesel ist klimafreundlicher als ein Elektrofahrzeug, das mit Kohlestrom geladen wird“, sagte BMW-Chef Oliver Zipse der „Passauer Neuen Presse/Donaukurier“ am 21. Juni. Er habe „große Sorge“, ob es genug Ökostrom geben werde.

Die EU-Kommission geht bei ihren Vorgaben davon aus, dass der Strom mit dem Ausbau von Wind- und Solaranlagen sauberer werden wird. Nein, sagen Koch und seine Kollegen. Denn der Strombedarf werde noch mehr steigen – und dann stimme die ganze Rechnung nicht mehr.

Strombedarf wird steigen

Die Bundesregierung will bis 2030 nicht nur 10 Millionen Elektroautos auf der Straße haben, sondern auch Industrie und Heizung rasch umstellen. Der Strombedarf werde entsprechend steigen, merkt Koch an. In 6.000 von den 8.760 Stunden im Jahr werde es neben Ökostrom auch mehr Strom aus fossilen Kraftwerken brauchen, meint der Wissenschaftler. Das habe die Politik in ihren Debatten und Rechnungen aber übersehen, auf jeden Fall nicht mitgerechnet. Dann könnten die realen CO2-Emission viel höher sein als von der Politik veranschlagt – in der Summe sogar doppelt so hoch.

Die Wissenschaftler seien sich einig, dass das Klima geschützt und der CO2-Ausstoß gesenkt werden müsse, betonte Koch. „Dafür brauchen wir auch das E-Auto.“ Aber die Vorgaben favorisierten das E-Auto auch da, wo es dem Klima gar nichts nütze.

Andere Wissenschaftler kritisieren den Brief

Wenn Ökostrom nicht mit Gas-, Öl- und Kohlestrom, sondern mit Atomstrom ergänzt würde, sähe die Rechnung besser aus. Aber das sei eine politische Entscheidung der Deutschen, sagte Koch. Wenn die heutigen Verbrenner statt Benzin und Diesel CO2-neutral hergestellten synthetischen Kraftstoff tanken würden, ließen sich dagegen 25 Prozent Kohlendioxid einsparen. Aber auch da gingen Politik und Industrie heute einen anderen Weg. Im Interesse des Klimas sollte die EU-Kommission ihre Haltung vor dem nächsten Schritt noch einmal bedenken, so der Appell der Wissenschaftler.

Am Dienstag gab es von anderen Wissenschaftlern allerdings auch Kritik an dem Brief. Professor Christian Rehtanz von der TU Dortmund nannte ihn gar „hochgradig peinlich“. Das Schreiben sei ein wissenschaftlich verbrämtes Lobbyistenschreiben, welches krampfhaft versuche, die Kolbenmaschinen (Lehrstuhldenomination von Prof. Koch des KIT) zu retten.

Etwas zurückhaltender äußerte sich Professor Martin Wietschel vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in einem Beitrag für das Science Media Center. Koch stelle die Frage, ob für den von E-Autos verbrauchten Strom der CO2-Ausstoß des Strommix insgesamt anzusetzen sei oder aber der CO2-Ausstoß des Grenzstrommix, also zusätzlich nötigen Stroms, so der Wissenschaftler. Es gebe Argumente für beide Positionen. Wissenschaftlicher Standard sei aber die Verwendung der Durchschnittsemissionen. Denn Grenzstromemissionen ließen sich nicht klar zuordnen. Zudem könnten E-Autos künftig als flexible Speicher für überschüssige Wind- und Sonnenenergie dienen.

Patrick Jochem vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt erklärte: „Der Artikel greift einen validen Punkt auf“, greife aber an einer Stelle zu kurz. Denn E-Autos könnten die Energiewende in der Stromerzeugung beschleunigen und zu negativen marginalen Emissionen führen, „insbesondere, wenn man die E-Pkw als mobile Speicher“ in das Energiesystem integriere.

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